An den Südhängen des Taunus, in Bad Soden, zwischen viel Wald und Villen, steht ein Krankenhaus, das zwei Eingänge hat: einen großen und einen kleinen. Sie liegen direkt nebeneinander. Beide führen in einen roten, modernen Backsteinbau. Und doch in unterschiedliche Welten.

Kassenpatienten müssen nach rechts, durch eine große Drehtür. Dahinter erwarten sie Mehrbettzimmer, PVC-Boden und gestresste Pfleger. Im Foyer gibt es ein Café mit Holzstühlen und einen Automaten, an dem die Patienten ihre Chipkarte zum Telefonieren oder Fernsehen aufladen müssen. Der größte Luxus ist ein klobiges, kostenfreies Internet-Terminal. Mehr als 300 Patienten sollen es sich teilen.

In die andere Welt geht es durch die linke, deutlich kleinere Tür. Schon das Entree erinnert mit seiner edlen Sitzlandschaft an ein Fünfsternehotel. Hier werden die Privatpatienten von Mitarbeitern des "Patientenmanagements" begrüßt: auf Deutsch, Englisch oder Russisch. Eine Besichtigung lehnt das Krankenhaus ab. Auf seiner Website erfährt man aber, dass die Zimmer riesig sind. Es gibt dort Einbauschränke aus Edelholz, sandfarbene En-suite-Bäder und große Fenster, durch die das Licht, aber kein Lärm hereindringt. Gegessen wird à la carte, getrennt von den Kassenpatienten. Zum "süßen", "herzhaften" oder "mediterranen" Frühstück wird jeden Morgen kostenlos eine Zeitung gereicht.

So wie in Bad Soden gibt es in ganz Deutschland zwei Klassen von Menschen: Privatpatienten und Kassenpatienten. Man hat sich daran fast schon gewöhnt. Auch in Bad Soden rebelliert niemand. Alle nehmen den Eingang, der für sie vorgesehen ist. Doch eigentlich ist es bizarr. Warum trennt man die Patienten, noch bevor sie das Krankenhaus betreten?

Versucht man mit der Klinikleitung darüber zu sprechen, heißt es, dies sei aus "terminlichen Gründen" nicht möglich. Dabei bleibt es, auch als man betont, dass man zeitlich extrem flexibel sei. Vielleicht ist die Zweiklassengesellschaft der Leitung selbst unangenehm. Vielleicht spürt auch sie, dass da etwas nicht stimmt. Es ginge ihr wie der Mehrheit der Deutschen. Umfragen zeigen, dass sie die Aufteilung in Kassen- und Privatpatienten ungerecht finden. Dass sie wollen, dass damit Schluss ist.

Im Wahlkampf ist das Thema untergegangen, obwohl in das Gesundheitssystem mehr Geld fließt als etwa in Bildung, Verteidigung oder die öffentliche Infrastruktur. Im Jahr 2015 waren es insgesamt 344 Milliarden Euro, 11,3 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung. Zwar meinen Politiker vieler Parteien, dass das Zweiklassensystem kaum zu rechtfertigen sei. Sie haben aber ganz unterschiedliche Vorstellungen davon, wie man es reformieren sollte. Während SPD, Grüne und Linke die privaten Krankenversicherungen (PKV) ganz auflösen wollen, möchten CDU/CSU und FDP höchstens die Regeln für den Wettbewerb zwischen gesetzlichen und privaten Versicherungen verändern.

Ein Blick auf die Realität zeigt: So, wie das System ist, sollte es jedenfalls nicht bleiben.

Im Leben der meisten Deutschen gibt es den Moment, in dem sich entscheidet, zu welcher Klasse Mensch sie gehören. Bei Björn Drebing ist das schon eine Weile her. Im Frühjahr 1997 bewarb er sich bei der Oberfinanzdirektion Koblenz für eine Ausbildung zum Finanzwirt. Dass er den Platz bekommen würde, erfuhr er von einem Versicherungsvertreter. "Der Debeka-Vertreter war wegen meinem Vater bei uns zu Hause", erinnert sich Drebing, "dabei erzählte er: 'Ach übrigens, du bist genommen worden. Wir müssen bald mal über deine Krankenversicherung reden.'" So war das in den Neunzigern: Über Informanten in den Behörden erfuhr die Debeka oft noch vor den Bewerbern selbst, dass diese eingestellt werden würden.

Normalerweise wäre Drebing der ideale Kunde gewesen. Heute ist er 39, arbeitet als verbeamteter Betriebsprüfer beim Finanzamt Mainz-Süd, hat eine kleine Tochter, ein Einfamilienhaus auf einem Hügel in Wiesbaden und ein sicheres Gehalt. Solche Leute suchen die privaten Versicherer, in deren Club nicht jeder darf. Nur Beamte, Selbstständige und Angestellte, die mindestens 4.800 Euro brutto im Monat verdienen.