Als sie endlich am Schreibtisch steht, den Stuhl zurückzieht, sich draufsetzt, mit der Hand über die Tischplatte streicht, sich ein Lächeln erlaubt – da sagt Manuela Schwesig: Jetzt, und keinen Moment früher, könne sie hier Platz nehmen. Denn vorher, da sei das Erwins Platz gewesen.

Was für ein kleiner zarter Satz in diesem großen Moment für Manuela Schwesig. Seit wenigen Stunden ist die 43-Jährige, an diesem 4. Juli, SPD-Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern. Also Nachfolgerin Erwin Sellerings, der wegen einer Krebserkrankung zurücktreten musste. Wenn Schwesig heute vom Telefonat erzählt, in dem Sellering sie gefragt hat, ob sie ihm nachfolgen könne, steigen ihr mitunter immer noch Tränen in die Augen. Sie habe keinen Moment gezögert. Aber nicht, weil sie sich gefreut habe über die Karrierechance. Sondern weil sie eine Pflicht gespürt habe. "Der totale Schock" sei seine Erkrankung gewesen. "Wer mich in den Tagen danach erlebt hat, hat gemerkt, wie sehr mich das bedrückte."

1. Der falsche Moment war auch der richtige

Eigentlich, muss man sagen, kam der Wechsel ins Ministerpräsidentenamt, die politische Rückkehr nach Hause, nach Schwerin, wo sie mit ihrer Familie lebt, zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Als Bundesfamilienministerin war Manuela Schwesig nach Sigmar Gabriel die wichtigste SPD-Kraft in der Bundesregierung. Zur Bundestagswahl hatte sie sich als Spitzenkandidatin in Mecklenburg-Vorpommern aufstellen lassen, wollte die SPD im Osten wieder stark machen (oder wenigstens wahrnehmbar).

Und doch könnte sich der Zeitpunkt ihres Wechsels nach Schwerin noch als genau der richtige herausstellen. Jetzt, als Ministerpräsidentin, befindet sich Manuela Schwesig plötzlich im Wartestand. Sie ist, ohne das intendiert zu haben, in Sicherheit: Seit die Umfragewerte der SPD im Bund abstürzen, seit Martin Schulz’ Chance, Kanzler zu werden, von Tag zu Tag kleiner wird, ist Schwesig auf einmal jene SPD-Politikerin, die rechtzeitig einen Schritt zur Seite gemacht hat. Die von einer Wahlniederlage nicht in Mitleidenschaft gezogen würde, weil sie alle Berliner Stürme vorbeiziehen lassen kann.

Stattdessen hat sie eine Rolle übernommen, die sich noch als relevant herausstellen kann in dieser nervösen Republik, die plötzlich Angst vorm bösen Osten hat: Schwesig könnte eine Art heimliche Präsidentin, jedenfalls Integrationsfigur für alle neuen Länder werden. Niemand verkörpert den Aufbruch Ost schon biografisch so wie sie. Was Stanislaw Tillich in Sachsen nicht will, Reiner Haseloff in Sachsen-Anhalt nicht vermag, Bodo Ramelow qua beschränkter Bedeutung seiner Partei, der Linken, nicht kann – das könnte nun Schwesig übernehmen: den Osten erklären. Den anderen. Und sich selbst.

Die ZEIT hat Schwesig seit jenen Tagen begleitet, an denen die Meldung die Runde machte, sie würde Ministerpräsidentin werden – und war in vielen entscheidenden Momenten der vergangenen Monate dabei. Was erklärt Schwesigs Aufstieg? Was kann noch aus ihr werden? Drei Umstände, so viel vorweg, scheinen ihr nützlich zu sein. Erstens: Sie ist stets zur richtigen Zeit am richtigen Ort, aber das ist kein Zufall. Zweitens: Sie ist nicht unbedingt ein großes Redetalent, aber gerade deshalb ist sie zur Weltmeisterin im Zuhören geworden. Drittens: Der Osten könnte ihr noch nützlich sein (sofern er nicht ihr Abstellgleis wird). Am Ende wird sich die Frage stellen, wie weit man mit jenem Perfektionismus kommen kann, der ihr bislang Erfolg garantiert.

2. Tränen lügen nicht

Am 29. Juni, noch Tage vor ihrer Wahl zur Ministerpräsidentin, sitzt Manuela Schwesig in einem winzigen Bürgerbüro, das sich mehrere Schweriner SPD-Abgeordnete teilen. In fünf Tagen soll sie Regierungschefin werden, in der Staatskanzlei will sie deshalb noch nicht empfangen. Sie sieht ein bisschen nervös aus, jedenfalls immer noch angegriffen von den Umständen der Amtsübernahme. War schon früher mit Erwin Sellering besprochen, dass sie seine Nachfolgerin werden könnte? Ja, antwortet sie. "Aber natürlich war klar: nicht zu diesem Zeitpunkt. Nicht aus so einem Anlass."

Wer sie aus den Talkshows kennt, hat manchmal eine Frau vor Augen, die mit großer Verve wie vorgefertigt klingende Fließbandsätze von sich gibt. Das hat das Image Manuela Schwesigs geprägt. Perfektion im Äußeren wie im Geäußerten; in der Frisur wie im Satzbau, um es polemisch zu sagen. Manche schreckt das ab. Aber die Talkshow-Schwesig ist nicht die, die man in diesen Tagen in Schwerin erlebt. Diese Frau ist nahbar. Hat sie Furcht vor dem Amt? Davor, jetzt nicht mehr nur als Fachministerin für ein Thema, Familienpolitik, hart kämpfen zu müssen, sondern plötzlich in der ersten Reihe zu stehen? "Ich habe Respekt", sagt sie. "Es war gut, dass ich jetzt noch mal vier Jahre Bundespolitik hatte. Da lernt man, auch mal im Feuer zu stehen."