Mit Wundern ist es so eine Sache. Man sehnt sie inniglich herbei, aber sie werden selten wahr. Gerade ist wieder von einem Wunder die Rede. Es kommt in Form eines altbekannten Präparates daher und hat einen eher schmuddeligen Ruf. Methadon sein Name. Nun soll es wirksam Krebs bekämpfen können.

Bekannt ist die Arznei als Heroinersatz und Schmerzmedikament. Doch momentan wird sie in Internetforen bejubelt – nicht von Junkies, sondern von Krebspatienten. Sie preisen Methadon als letztes Mittel gegen tödliche Tumoren. Die Folge dieses Hypes: Ärzte in ganz Deutschland sehen sich in ihren Sprechstunden Patienten gegenüber, die den Einsatz des Medikaments gegen ihre Krebserkrankung fordern.

Die Medizin kennt solche Geschichten schon lange. Können herkömmliche Therapien gegen ein Leiden nichts ausrichten, suchen Patienten nach Alternativen. Besonders faszinieren in solchen Fällen Exotika: Arzneien vom anderen Ende der Welt, angepriesen von Heilern, die sich selbst als Querdenker definieren. Für Onkologen gehört es zum Alltag, sich mit den Wünschen von Patienten auseinanderzusetzen, die eine wundersame Genesung mit Alternativmitteln wie Mistelprodukten, Selen, Himalaya-Salz oder Weihrauch herbeiführen möchten – seien sie auch noch so unnütz und vielleicht sogar gefährlich.

Dieses Mal jedoch ist etwas anders. Selten war die Nachfrage so groß, jeden Tag bekommen Ärzte Anrufe von Patienten, die nach dem neuen Heilmittel gegen den Krebs fragen. Diesmal geht es nicht um ein zusammengemischtes Wundermittel, erfunden von einem obskuren Alternativheiler. Die Hoffnung ruht auf einem bewährten Stoff, der seit Jahrzehnten verschrieben und eingesetzt wird. Zumindest seine Herkunft bürgt für eine gewisse Seriosität.

Die vermeintliche Erfolgsgeschichte nimmt ihren Ausgang am Institut für Rechtsmedizin der Universitätsklinik Ulm. Im Jahr 2007 entdeckt die Chemikerin Claudia Friesen dort in Labortests, dass Methadon Krebszellen zerstören kann. In Kombination mit einer Chemotherapie wirke das Medikament wie ein Verstärker, sagt die Forscherin. Es hefte sich an die Tumorzellen und mache sie empfänglicher für das Chemotherapeutikum.

Seither wirbt Friesen für die weitere Erforschung des Methadons und seinen Einsatz – viel zu früh, sagen viele Experten. Aber die Wissenschaftlerin hat mit ihrem Werbefeldzug Erfolg. Im August 2016 ist Friesen in der Tagesschau zu sehen. Im November erscheint ein Artikel in der Welt am Sonntag. Der Wirkstoff Methadon könne "womöglich Tausenden Krebspatienten helfen", steht da zu lesen. Nur werde er nicht weiter erforscht, "weil er zu wenig Profit verspricht". Damit ist die Richtung der weiteren Diskussion vorgegeben: Die Pharmaindustrie ist schuld, sie hat kein Interesse an der Erforschung eines patentfreien Wirkstoffs wie Methadon, weil sich mit ihm kaum Geld verdienen lässt.

Mit ähnlicher Botschaft läuft im April dieses Jahres ein Beitrag im Fernsehen, der dem Methadon endgültig den medialen Durchbruch beschert: "Warum ein preiswertes Mittel gegen Krebs nicht erforscht wird" betitelt das ARD-Magazin Plusminus seinen Report über das Medikament und schildert die Geschichte einer Patientin mit einem Hirntumor. Ärzte hatten ihr nur noch anderthalb Jahre Lebenszeit gegeben. Die 38-jährige Frau ergänzte ihre Behandlung um Methadon. "Ich sollte längst tot sein", sagt sie in dem Beitrag. Doch sie lebe und sei tumorfrei. Dank Methadon, da sei sie sich sicher.

Die Sensation verbreitet sich unter Krebspatienten wie ein Lauffeuer. Und sie tun, was wohl jeder tun würde, der an einer tödlichen Krankheit leidet, gegen die es keine wirksame Therapie gibt: Sie bestürmen ihre Ärzte und verlangen nach dem vermeintlichen Wundermittel. Die Mediziner allerdings zeigen eine ebenso nachvollziehbare Reaktion: In den meisten Fällen wehren sie die Wünsche ab. Man wisse, so ihr Argument, noch zu wenig über die Wirkung des Mittels gegen Krebs.

Die Enttäuschung über die ablehnende Haltung der Ärzte ist groß. Sie bricht sich Bahn im Internet. "Methadon gegen Krebs – ich bin dafür" heißt eine der vielen Facebook-Gruppen. "Bei meiner Mutter wurde Bauchspeicheldrüsen-Krebs festgestellt. Es ist gerade ein Horror-Trip. Ich versuche einen Onkologen zu finden, der eine Chemotherapie mit Methadon anbietet, aber keiner will", schreibt jemand. Unter der Hand kursieren Listen von Ärzten, die die Arznei verschreiben. Ein erstes Buch über das Heilmittel Methadon wird beworben, eine Petition gestartet, die dessen Einsatz bei Krebs fordert.