Was macht er bloß mit mir? Noch nie in meinem Leben habe ich die Zeche geprellt, aber er sagt jetzt nur: "Geh ans Buffet, bediene dich! Und merke dir die Nummer 217." Und als er meine Unsicherheit spürt: "217. Mein Zimmer. Ich habe mich vorhin an der Kontrolle vorbeigeschmuggelt. Du machst es zu deinem Zimmer, falls dich jemand danach fragt." Dabei legt er eine Ruhe und Entschlossenheit in seine Stimme, dass ich trotz aller Nervosität gar nicht anders kann, als den Befehlen zu folgen und – 217, 217, 217 memorierend – das Frühstücksbuffet im besten Hotel am Platz zu plündern. Offensichtlich erledige ich das mit einer Souveränität, die auch an meiner Integrität keinen Zweifel lässt. Keiner der Kellner kümmert sich um den unbekannten Gast – und als ich mit vollem Teller an den Tisch zurückkehre, fragt der listenreiche Mr. Haidle: "Alles okay?"

Ja, alles okay. Mehr noch: Ich bin sogar ein bisschen stolz, dass ich meine in Mannheim stattfindende Premiere als kleiner Betrüger nicht nur unbeschadet, sondern am Ende auch mit unverhoffter Coolness überstanden habe. Auf die Regieanweisungen von Noah Haidle ist Verlass, zumal er sie mit einem hemdsärmeligen Gottvertrauen gibt, die jegliches Scheitern des Täuschungsmanövers von vornherein ausschließt. Robust wie sein bärenhafter Körper ist auch seine selbstbewusste Zuversicht, die jeden anzustecken scheint, der mit dem 1978 in Grand Rapids, Michigan, geborenen Stückeschreiber in Berührung kommt. Und dazu zählen nicht zuletzt die Bühnenfiguren, die er seit fünfzehn Jahren in eine komisch kaputte Welt schickt: Auch Rebecca, Woden, Mimi und all die anderen Heldinnen des Mittleren Westens sind infiziert von einem Optimismus, der sie blind macht für die Gefahren ringsum. Als Zechprellerinnen enttarnt zu werden wäre noch das geringste Übel, das ihnen widerfahren könnte. Haidle lässt gleich ihre ganze Welt oder zumindest ihre Weltanschauung untergehen.

Demnächst, wenn die Theater wieder eine schwarze Komödie des heiteren Apokalyptikers spielen, kommt es erneut zum Showdown. Für immer schön, Haidles jüngstes Stück, hat am 7. Oktober im Mannheimer Nationaltheater und am 17. November im Münchner Residenztheater Premiere: Cookie, Anfang vierzig, ist Kosmetikverkäuferin in – erraten – Grand Rapids und zieht mit Schönheitsprodukten von Haus zu Haus. Ihre Klinkenputzerei betrachtet sie als Gottesdienst, denn Gott, sagt Cookie, hat uns nach seinem Ebenbild geschaffen – und ihre Cremes und Rouges, ihre Wimperntuschen und Lippenstifte verdecken nichts, sondern bringen Gottes Meisterwerk getreu zum Vorschein. "It’s showtime!", ruft sie sich zur Aufmunterung zu, bevor sie an der nächsten Tür klingelt, um ihre Kundinnen mit dem göttlichen Vergleich zu ködern. Doch statt Produkte zu verkaufen, latscht Cookie nur ihre Schuhe mit den von ihrer Mutter biblisch beschrifteten Sohlen ab: "Geborenwerden hat seine Zeit. Lieben hat seine Zeit. Alles hat seine Zeit" – doch was nützt Salomos Gleichmut, wenn ausgerechnet für den Verkaufserfolg der Schönheitsmissionarin keine Zeit vorgesehen ist?

Die Worte des Predigers müssten Cookie wie Hohn und Spott in den Ohren klingen. Tun sie aber nicht: Zwangsoptimistisch taumelt die "Königin der Straße" mit blutigen Füßen dem Elend, der Altersarmut und Obdachlosigkeit entgegen. Auf ihrem Leidensweg zieht sie, blind geworden, ihre tote Tochter in einem Leichensack hinter sich her, noch immer hoffend, irgendwie ans Geld für ein würdiges Begräbnis zu kommen. Am American Dream hält diese Antigone der Vorstadt bis ans Ende ihrer Tage fest: Für immer schön! Eine Groteske, ja, aber doch von dieser Welt: Den Kosmetikkonzern und die Geschäftspraktiken, die Haidle in seiner Verliererkomödie beschreibt, gibt es tatsächlich. Um aber aus dem Amerikanischen Traum den universellen Albtraum des Neoliberalismus zu machen, greift der mit Unbekümmertheit gesegnete Dramatiker zu drastischen Mitteln: Die märchenhaft-mythologischen Motive vermengt er mit wüstem Splatter und flinken Soap-Dialogen zu einer Mixtur, deren Würze die deutschen Theater mögen.

Wie viele Stücke er bisher vorgelegt hat, weiß Haidle nicht zu sagen. An Schreibblockaden leidet er auf keinen Fall, das immerhin geht aus seiner auf vorläufigen Schätzungen beruhenden Bilanz hervor: "Ich habe fünf gute Stücke geschrieben, ungefähr zehn mittelmäßige und zwanzig, die scheiße sind. Und der Rest ist just fucking terrible." Überbordende Eitelkeit kann man dem Dichter nicht vorwerfen, was nicht nur, aber auch mit den Erfahrungen zu tun haben mag, die er in seiner Heimat gemacht hat. Amerikanische Theater können mit seinem Splatterboulevard aus Trash, Poesie und Realismus nicht immer etwas anfangen. Von den fünfzehn Stücken, die Haidle halbwegs gelten lässt, ist fast die Hälfte bisher nur in Deutschland aufgeführt und nachgespielt worden. "Meine Theaterheimat ist hier", sagt Haidle.

Hier: das meint in dieser Spielzeit "glorious Mannheim", wo der bald vierzigjährige Dramatiker jetzt Hausautor am Nationaltheater wird. Das dort unter der Regie von Burkhard Kosminski geplante Für immer schön mit der aus dem Tatort bekannten Ulrike Folkerts als Cookie wird die sechste Haidle-Komödie sein, die bisher nur in Deutschland gezeigt wird. Die fünfte mit diesem Exklusivmerkmal war zuletzt im Februar in Berlin zu sehen, ebenfalls mit einer Tatort-Kommissarin, der populärsten überhaupt, in der Hauptrolle: In der Komödie am Kurfürstendamm spielte Maria Furtwängler die Rebecca in Alles muss glänzen, einer weiteren, dem Grand-Rapids-Zyklus angehörenden Tragikomödie, die 2015 von der Fachzeitschrift Theater heute zum besten ausländischen Stück des Jahres gewählt wurde.

Spielerisch konnte Furtwängler als Über-Mutter, die sich gegen eine alle Gewissheiten wegspülende Sintflut stemmt, nicht immer überzeugen. Schwach war sie vor allem da, wo ihre Rebecca feministisch aufstampfte und einen Katalog ihrer hausfraulichen Verrichtungen herunterspulte. Kochen, Waschen, Putzen, Trösten, Kümmern, einzig der Hege und Pflege der Familie dienend – und doch wurde bei ihrem von rudernden Armen begleiteten Deklamieren klar, dass es auch Haidle mit diesem Muttermanifest vollkommen ernst meint. Er mag fun, er schätzt Sarkasmen, Zynismen und Ironie, aber er liebt rückhaltlos auch seine in brüchigen Traditionen lebenden Figuren. Auffallend häufig sind es Frauen, die er mit Emphase an sein Herz drückt, ob sie nun Woden und Mimi heißen, die in Skin Deep Song durch eine Kriegslandschaft ziehen, oder eben Cookie und Rebecca, die noch im Scheitern ihre Würde als unbedingte Idealistinnen bewahren. Dass sich Großschauspielerinnen, groß zumindest im Fernsehen, von diesen hochmoralischen Rollenangeboten verführen lassen – wer möchte es ihnen verdenken?

Man müsse mit compassion, Mitgefühl und Mitleid, auf die Welt schauen, sagt der lässige Haidle auch den jungen Männern und Frauen, die an seinem Schreibkurs teilnehmen. In der farbverschmierten Werkstatt des Mannheimer Theaters, wo die zehn angehenden Dramatikerinnen und Dramatiker um eine Tischtennisplatte sitzen, bittet sie der Kursleiter zum empathischen Aufwärmen ans Fenster. Der Blick geht auf die gegenüberliegende Straßenseite, aufs Café Zorn – doch, doch, es heißt so – mit den drei plaudernden Frauen und dem in sein Handy vertieften Mann am Nebentisch, der gelegentlich verstohlen aufs attraktive Damentrio schaut. "Ein tolles Tableau", sagt Haidle, "werft eure Fantasie an, und füllt die Figuren mit Leben, mit Freude, Schmerz, Wut und Trauer, dann habt ihr eine Theaterszene." Der Alltag als Schreibimpuls, Alltagsmenschen als Bühnenhelden: Was er dem aufgeweckten Nachwuchs empfiehlt, praktiziert er als Geschichtenerzähler seit Jahr und Tag in vielen seiner Stücke. Wenn es nach ihm geht, kommen dazu auch bald noch Filme. Des Drehbuchschreibens wegen hat Haidle seinen US-Wohnsitz kürzlich von Detroit nach Los Angeles verlegt. Eines seiner Skripte hat es bereits 2013 ins Kino geschafft: Stand Up Guys, eine Gangsterkomödie mit Al Pacino.

Tagespolitik aber, Weltpolitik gar ist nicht sein Ding, auch nicht unter Trump. Es erschüttere ihn, dass seine Landsleute einen skrupellosen Mann ins Weiße Haus gewählt hätten. Aber was könne ein Dramatiker dagegen tun? Zu Hause habe er keinen Fernseher, doch wenn er in einem Hotelzimmer CNN oder BBC einschalte, würden all die Katastrophenmeldungen nur als "Lärm" an sein Ohr dringen. "Die Welt, die mir da begegnet, ist mir zu abstrakt und austauschbar", sagt Haidle, "ich brauche konkrete Orte und Menschen, um mich daran festzuhalten." Dass der Lärm der Politik trotzdem immer wieder ein Echo in seinen Tragikomödien findet, ja finden muss, nimmt er billigend in Kauf. Mehr nicht. Haidle verfolgt eine andere Strategie der Einmischung – und damit bewegt er sich so sanft und freundlich an der Grenze zur Naivität, wie es in dieser Unerschütterlichkeit sonst nur die Kosmetikverkäuferin Cookie kann. "Ich möchte Schönheit unter die Menschen bringen", sagt er, "das ist mein Beitrag, die Welt zu verbessern."

Die Welt mit Schönheit retten: Wann hat man einen solchen Satz zuletzt von einem Dramatiker gehört? Und das, kurz nachdem man die Zeche geprellt hat? Das Hohe und das Niedrige liegen bei Noah Haidle eng zusammen. Erstaunlicher, aufregender und amüsanter bekommt man dieses Päckchen derzeit selten.