Es gibt Momente in der Liebe, da weiß der eine schon, was der andere ihm verschweigen will – und fragt trotzdem danach. Goethe hat diesen peinlichen Vorgang in eine unsterbliche Szene verwandelt, darin quält Gretchen den Faust mit der Frage: "Sag, wie hast Du’s mit der Religion?" Erwartungsgemäß windet er sich heraus, weil er es mit Gott nicht so hat, aber um die Gunst der frommen Geliebten fürchtet. Sie weiß das und piesackt ihn weiter.

Man erlebt als Leser dieses Szene ungern, man fühlt sich vom Ausweichen und Herumdrucksen gepeinigt, ganz wie wenn deutsche Politiker heute über Religionskonflikte sprechen. "Religionen", sagte Angela Merkel kürzlich in Münster, "haben den Auftrag zum Frieden, und deshalb kann es keine Rechtfertigung von Krieg und Gewalt im Namen einer Religion geben." Was die Kanzlerin eigentlich meinte, war, dass es derzeit viel religiös motivierte Gewalt gebe und dass das aufhören müsse. Warum sagte sie es nicht? Weil die Liebe deutscher Politiker zur Religion sich unklar ausdrückt – und ihre Kritik an der Religion erst recht.

Einerseits: Viele Spitzenpolitiker wie Merkel, Steinmeier, von der Leyen, de Maizière, Grütters, Lammert, Kramp-Karrenbauer, Kretschmann, Ramelow, Haseloff sind bekennende Christen. Andererseits: Nur wenige sprechen Konflikte in diesem Feld klar an (namentlich de Maizière und Grütters). Dazu passt, dass auch deutsche Kirchenvertreter ungern über das Kreuz auf dem Stadtschloss, das Kopftuch für Lehrerinnen oder den Reformislam streiten. Deutsche Religionspolitik ist vor allem Streitvermeidung. Sie klingt versöhnlich, aber sie deckelt auch Kontroversen. Das freut die Populisten, die unausgesprochene Konflikte gern diskriminierend entsichern. Außerdem ist es schade für einzelne streitbare Kirchenleute, die in den Parteien kaum Widerhall finden.

Hätte die SPD etwa den Theologen Wolfgang Huber mutiger umworben, er wäre wahrscheinlich Minister geworden, vielleicht sogar Bundespräsident. Er hätte den Protestantismus für die Sozialdemokratie mobilisieren können und die alte Kirchenfeindlichkeit der Sozialdemokraten heilen, die aus der Arbeiterfeindlichkeit der Amtskirchen entstand. Doch Huber wurde Hauptstadtbischof und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Er reformierte statt der SPD seine Kirche, erwärmte sich für konservative Positionen und hält heute liberale Protestanten bei der Kirche.

Die SPD aber nimmt Religion nicht wichtig genug. Das rächt sich auch bei anderen Parteien, etwa den Grünen: Katrin Göring-Eckardt, neben Cem Özdemir Spitzenkandidatin, hatte sich über kirchliche Führungsämter profiliert. Sie war Präsidentin des Evangelischen Kirchentags in Dresden, sie begrüßte 2011 Papst Benedikt im Erfurter Augustinerkloster. Heute versucht sie gar nicht erst, mit Religion zu punkten. Letztes Jahr hatte ihre Partei mit einem kirchenkritischen Grundsatzpapier Katholiken ebenso wie Protestanten vergrätzt, zugleich gibt es bei den Grünen immer mehr glühende Katholiken, allen voran den Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann.

Noch vor drei Jahren hatte der damalige Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche, Nikolaus Schneider, gesagt, das Profil viele Grüner passe gut zum Protestantismus. Und der religionspolitische Sprecher der FDP, Stefan Ruppert, beklagte sogar die zu große Nähe zwischen evangelischen Positionen und denen von Grünen und SPD. Heute haben die Grünen das gegenteilige Problem, sie müssten um evangelische Stimmen kämpfen. Tun es aber nicht. Dafür sind sie die stärkste Stimme der Muslime in der Integrationsdebatte. Bei heiklen Streitigkeiten, etwa bei der Bespitzelung von Imamen durch die türkische Regierung, fällt aber meist nur Cem Özdemir durch klare Worte auf.

Reformerische und säkulare Muslime beklagen, dass sich Parteipolitiker der Mitte vor Islamdebatten drücken. Wo sie den Islam verteidigen, da habe er eine Stellvertreterrolle für ihre eigene Religiosität. Die Juristin Seyran Ates beklagt: "Christliche Politiker unterstützen den europäischen Reformislam nicht, sondern verteidigen den konservativen Islam, weil sie Angst vor Kritik an ihrer eigenen Religion haben." Ates ist überzeugt, eine Debatte über einen Kirchenstaatsvertrag für Muslime würde geradewegs dazu führen, dass die geltenden Kirchenstaatsverträge auf den Prüfstand gerieten. "Die Verfassungsrechtler müssten sich neu mit dem Thema Religionsfreiheit beschäftigen." Davor fürchteten sich Juristen, Theologen und konservative Politiker gleichermaßen. Linke Politiker wiederum pflegten aus berechtigter Angst vor Islamfeindlichkeit eine falsche Toleranz gegenüber intoleranter Religiosität.

Die AfD versucht es derweil mit zweierlei: Abendland-Beweihräucherung und Kirchenkritik. Zunächst versammelte sie Konservative, die sich von Union, SPD und Grünen nicht mehr vertreten fühlten, darunter viele Christen. Der kirchenpolitische Sprecher der AfD in Rheinland-Pfalz, Michael Frisch, schätzt ihre Zahl auf ein Drittel der Mitglieder. Dann rief der niedersächsische Landesvorsitzende Armin Paul Hampel Christen zum Kirchenaustritt auf, mit der Begründung: Die Kirchen verträten nicht mehr das Christentum. Ein Parteitag applaudierte ihm, wollte jedoch seiner Forderung, die Kirchensteuer abzuschaffen, nicht folgen. Die Wahlfrage ist nun: Wird die Feindschaft der AfD gegenüber Flüchtlingen ihr bei christlichen Wählern genug schaden?