Hanna Jacobs, 29, ist Vikarin im niedersächsischen Selsingen. Im Wechsel mit der katholischen Theologin Alina Oehler schreibt sie, wie sie als junge Geistliche ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Claudia und ich sitzen in einem Café in der nahe gelegenen Kleinstadt. Da Claudia eine erfahrene Diakonin mit jeder Menge Ideen und Energie ist und ich diese Kolumne hier schreibe, dauert es kein halbes Brötchen, bis wir anfangen, über Kirche zu reden. Irgendwann fragt sie sich und mich: "Wovor hat die Kirche eigentlich Angst?" Seitdem denke ich über diesen Satz nach.

Ein Symptom dieser Angst ist, dass Claudia als Diakonin zwar mehrere hundert Kinder und Jugendliche begleitet hat, sie aber weder taufen noch trauen darf. Erst nachdem sie eine Zusatzausbildung gemacht hat, darf sie nun auch das Abendmahl einsetzen. Als Vikarin wiederum durfte ich das ab Tag eins – ohne die Menschen zu kennen, mit denen ich da Abendmahl feiere. In der evangelischen Kirche sind alle Priester, aber manche sind priesterlicher als die anderen.

Für alles, was hinterher mit einer Urkunde bescheinigt wird, braucht es dann doch die Ordination. Ordnung war für das Überleben der Reformation von fundamentaler Bedeutung. Martin Luther hatte Sorge, dass die "Schwärmer" – eine reformatorische Graswurzelbewegung, die den individuellen Geistbesitz betonte – seine Erneuerungsbemühungen torpedieren würden und alles im Chaos enden würde. Die Weihe wurde durch die Ordination ersetzt, aber praktisch änderte sich wenig, denn Verkündigung und Sakramentsverwaltung lagen weiterhin beim Pfarrer.

Vor Unordnung brauchen wir uns im 21. Jahrhundert nicht mehr zu fürchten, denn die Digitalisierung macht das Kontrollieren und Archivieren spielend leicht. Die kirchliche Angst ist vielmehr die vor dem Relevanzverlust. Dagegen hilft: Raus aus der Komfortzone! Ich stelle mir vor, dass der Chorleiter mit seinem Gospelchor Abendmahl feiert und die Erzieherin ihre junge Kollegin traut. Denn der Segen einer Pastorin ist nicht wirksamer als der eines Krankenpflegers. Entsprechende Kurse anzubieten wäre in einer Informationsgesellschaft wie der unseren ein Leichtes.

Ich stelle mir Kirche vor wie die Online-Enzyklopädie Wikipedia, deren Erfolg darin besteht, dass alle etwas beitragen können und diese Beiträge geprüft und moderiert werden. Das wiederum wäre dann Aufgabe der Pfarrer, schließlich könnte "Sakramentsverwaltung" ja auch so aussehen, dass die Pfarrerin den würdigen und angemessenen Vollzug durch andere getaufte Christen verwaltet. Ziel meiner Arbeit ist es, mich überflüssig zu machen.

De facto gibt es in der evangelischen Kirche keine Laien, es gibt schließlich auch keinen Klerus. Allerdings verwenden wir diesen Begriff dennoch für diejenigen ohne theologische Ausbildung oder Amt. Das ist schon okay, denn "Laie" kommt vom griechischen laos, "Volk". Wenn wir weiterhin Volkskirche sein wollen, sollten wir das Kirchenvolk ruhig machen lassen. Vielleicht führt etwas weniger Ordnung zu mehr Wundern.