Lesen Sie hier das türkische Original. Der Text ist für die deutsche Version redaktionell leicht bearbeitet worden.

Vergangene Woche fiel in der Türkei ein Beschluss, der banal erscheint, aber von enormer Symbolkraft ist: Das Innenministerium ordnete an, von nun an sei bei der Beerdigung Gefallener nicht länger Frédéric Chopins Trauermarsch zu spielen, sondern Segâh Tekbiri von dem türkischen Komponisten Mustafa Itri.

Seit 1932 spielte die Kapelle bei offiziellen Begräbnissen die Klaviersonate Nr. 2 Opus 35 des polnischen Komponisten. Bei der Bestattung eines Gefallenen im letzten Jahr hatten aber wütende Polizisten unter Allahu akbar-Rufen die Kapelle zum Schweigen gebracht. Daraufhin ließ die Religionsbehörde verlautbaren, es sei nicht richtig, dass "zwischen Märtyrer und Moschee ein polnischer Musiker stehe". Nach dieser Weisung begann man, bei Beerdigungen das mit den Worten "Allahüekber, Allahüekber" beginnende Lied des osmanischen Komponisten aus dem 18. Jahrhundert zu spielen. Bedenkt man die Probleme, die das Werk bei der Anpassung an den Marschrhythmus verursachen dürfte, wäre es gar nicht verwunderlich, wenn demnächst die Kapelle durch eine Janitscharenkapelle ersetzt würde.

Wiederum letzte Woche kam eine weitere hoch symbolische Initiative in Bezug auf die europäische Kultur, diesmal vom Staatspräsidenten. In einigen Kommunen hatte man begonnen, Statuen von Erdoğan zu errichten, woraufhin er sagte: "Das betrübt mich außerordentlich. Ich möchte weder, dass meine Statue aufgestellt wird noch dass eine Maske von mir angefertigt wird." Das wäre noch verständlich und hätte als beispielhafte Bescheidenheit gelten können, doch er fuhr fort: "Das widerspricht unseren Werten."

In einem Land, in dem an jeder Ecke Statuen und Totenmasken von Atatürk zu finden sind, ist ein solcher Ausspruch selbstverständlich von Bedeutung. Im Islam gelten Skulpturen und Abgötter wie auch das Anfertigen solcher als Götzendienst. Im Anschluss an Erdoğans Worte fragte ihn der Cumhuriyet-Autor Tayfun Atay, wen er mit "wir" gemeint habe, und fügte hinzu: "In diesem Land gibt es eine Abteilung für Bildhauerei an den Hochschulen der Künste. Es gibt Galerien und Museen für Skulpturen. Es gibt Menschen, die Skulpturen lieben. Fallen die alle aus Ihrem ›wir‹ heraus? Sollte das der Fall sein, heißt das, wir werden auch in Ephesos, Aspendos oder Perge erleben, was der IS in antiken Stätten angerichtet hat." Seit geraumer Zeit nehmen Übergriffe auf Atatürk-Statuen zu. Die Duldung solcher Übergriffe wurde so ausgelegt, als betrachte die Regierung sie nicht als Problem. Es folgte die Streichung der Lehre der Evolution und des Kemalismus aus dem Lehrplan des neuen Schuljahres. Diese Kampagne unter dem Titel "Nationalisierung in Kultur und Wissenschaft" zeitigte ihre bisher giftigste Frucht ebenfalls vergangene Woche.

Die verstorbene Mutter der inhaftierten HDP-Abgeordneten Aysel Tuğluk sollte ihrem Vermächtnis entsprechend auf einem Friedhof in Ankara beigesetzt werden. Als die Trauergemeinde zum Friedhof kam, wurde sie von einem Mob attackiert, der Parolen rief wie: "Das ist ein Märtyrerfriedhof, wir lassen nicht zu, dass hier Terroristen begraben werden! Das ist kein Armenier-Friedhof!" Daraufhin ließ die HDP den bereits bestatteten Leichnam exhumieren und in der kurdischen Region erneut beerdigen.

Der Vorfall war selbst für Regierungsanhänger ein Schock. Er zeigte, dass die in den letzten Jahren von Regierungsseite geschürte Politik der Spaltung mittlerweile sogar die Friedhöfe erreicht hat. Dass einer der Aggressoren mit dem zur Untersuchung des Vorfalls am Abend angereisten Innenminister ein Erinnerungsfoto auf der Polizeiwache machen ließ, streute weiter Salz in die Wunde.

Ob nun mit Chopin oder mit Itri, gewiss ist, dass die Türkei in den Debatten um Bestattungs- oder Janitscharenkapelle, Denkmäler oder Götzen, Evolution oder Schöpfung auf den Abgrund einer ungeheuren Spaltung zumarschiert.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe