Das Wichtigste aber sind die Fragen: Klar müssen sie sein, verständlich, nicht doppeldeutig, nicht einschüchternd, nicht suggestiv. Das Herz des Instituts ist deshalb die Fragebogenkonferenz, eine Einrichtung, die kein anderes Institut hat und die Allensbach der journalistischen Ausbildung der Gründerin Elisabeth Noelle-Neumann verdankt, einer Pionierin der Demoskopie in Deutschland. In der Fragebogen-Konferenz arbeiten sich eine Politikwissenschaftlerin, ein Kulturwissenschaftler und eine Psychologin in die Themen ein, entwerfen Fragen, verwerfen sie wieder, probieren neue aus, so lange, bis alle den Eindruck haben: Die Sache funktioniert.

Am Ende, wenn der Umfragebogen fertig ist, stehen vor dem kleinen Fachwerkhaus große gelbe Plastikkisten, die von Postwagen abgeholt und ganz altmodisch ausgeliefert werden. Später werden sie von den Interviewern zurückgeschickt und ausgewertet, jeder Fragebogen geht dabei durch mehrere Hände. Wenn Menschen und nicht Maschinen die Bögen auswerten, können die Ergebnisse nicht so leicht manipuliert werden, glauben die Allensbacher.

Nur sechs bis acht Prozent der Arbeit des Instituts drehen sich übrigens um Politik. Einen weitaus größeren Teil machen Studien zur Mediennutzung, Marktforschung und Umfragegutachten für die Rechtspraxis aus. Diese spielen eine Rolle, wenn es vor Gericht um Markenrechte oder Irreführung von Verbrauchern geht: Erwartet, zum Beispiel, der Verbraucher beim Markenbegriff "Warsteiner" tatsächlich, dass das Bier in Warstein gebraut wurde? Seinen Ruf verdankt Allensbach aber seinem Image als politische Institution. In den Gründerjahren galt das Institut als äußerst CDU-nah. Der Ehemann von Gründerin Noelle-Neumann saß für die Christdemokraten im Bundestag, Noelle-Neumann beriet Adenauer und Kohl. Renate Köcher, die das Institut nach dem Tod Noelle-Neumanns 2010 als alleinige Geschäftsführerin übernommen hat, sagt: "Ich sehe mich nicht als Beraterin." Ihr gehe es um Analyse.

Zwar ist auch Köcher eher konservativ, die rasche Energiewende nach Fukushima hält sie ebenso für einen Fehler wie Quoten für E-Autos. Trotzdem war Köcher in den letzten Jahren häufig in der SPD-Fraktion zu Gast – und hat mit ihren Zahlen und Einschätzungen Eindruck hinterlassen. Die Entscheidung, dass Martin Schulz als Kanzlerkandidat nicht ins Kabinett ging, dürfte nicht nur, aber auch auf eine Einschätzung zurückgehen, die Köcher mehrfach mit ihren Vorträgen untermauert hat: Die SPD werde so lange nicht aus dem Jammertal herauskommen, wie sie sich nicht aus der Juniorrolle in der großen Koalition befreit habe. Das Jammertal ist für Schulz allerdings auch ohne Posten in der großen Koalition nicht kleiner geworden.

Während der Flüchtlingskrise sei das Land in eine "Schockstarre" verfallen, sagt Köcher

Den Befund vieler Politiker, dass der Wähler unberechenbarer werde, teilt Köcher ausdrücklich nicht. Im Gegenteil, die Deutschen seien in ihren Einstellungen geradezu bemerkenswert konstant, mit großer Beharrlichkeit hielten sie an ihren Präferenzen fest. "Und wenn es starke Ausschläge gibt, haben sie meist einen nachvollziehbaren Grund, wie im Winter 2015/16 während der Flüchtlingskrise", so Köcher. "Regelrecht in Schockstarre" hätten sich damals Teile der Bevölkerung befunden. "Der Zukunftsoptimismus brach erdrutschartig zusammen." Doch selbst bei diesem Ereignis seien die Auswirkungen auf die Beliebtheit der Kanzlerin noch moderat ausgefallen.

Etwas allerdings hat sich verändert: das politische Angebot. Es gibt mehr Parteien als früher. Die Linke hat sich etabliert, die Piraten sind zwar schon wieder verschwunden, dafür aber gibt es die AfD. Im neuen Bundestag werden mit der AfD und der FDP zwei Parteien sitzen, die vorher nicht drin waren. Anders als in den vergangenen Jahren kratzt in den aktuellen Umfragen aller Institute keine der kleinen Parteien an der Fünfprozenthürde. Stand heute.

"Stand heute" ist ein entscheidender Zusatz. Denn neu ist auch, dass immer mehr Wähler sich mit ihrer Entscheidung Zeit lassen. Noch immer sind viele Wähler unentschlossen, ob und wen sie wählen sollen.

Mehr als drei Wochen sind seit dem Besuch am Bodensee vergangen, eine Ewigkeit in Wahlzeiten. Telefonanfrage also bei Frau Köcher: Wie ist die Lage heute? Vieles, sagt die Demoskopin, hänge von der Wahlbeteiligung ab. Die sogenannte "Wahlwilligkeit" sei bei den Wählern der CDU und der AfD am ausgeprägtesten, der Anteil der Unentschlossenen eher gering. Die Wähler von FDP, Linke und Grünen neigen dagegen besonders stark zur Unentschlossenheit. Bei der CDU ist das allerdings weniger eine Charakter- als vielmehr eine Altersfrage. Sie hat schlicht mehr über 50-jährige Wähler als die anderen. Und das sind die, die immer wählen gehen und zur Treue neigen. Eine höhere Wahlbeteiligung würde also den kleineren, linkeren Parteien eher nützen.

Am Dienstag veröffentlichte das Institut zum letzten Mal vor der Wahl seine Zahlen. Die Union sieht es bei 36,5 Prozent, die SPD bei 22, FDP bei 11, AfD bei 10, Linke bei 9 und die Grünen bei 8 Prozent. Die Gegenprobe machen am Sonntag die Wähler.