Wer bei der Bundestagswahl klare Alternativen vermisst, sollte zu den außenpolitischen Programmen der Parteien greifen. Sie sind so unterschiedlich, dass man sich irgendwann fragt, ob da noch vom selben Land die Rede ist.

Der außenpolitische Wahlkampf handelt vom Wir in der Welt – davon, was das Land sich zutrauen kann (und was nicht); wer Deutschlands Freunde und Gegner sind; wie die Deutschen sich selber sehen und wie sie gesehen werden wollen.

Zwischen CDU, CSU, FDP, SPD, Grünen, Linken und AfD zeigen sich in diesen Fragen krassere Unterschiede als in anderen Politikfeldern. Und bei den heißesten Themen bilden sich erstaunliche Allianzen quer durch die Lager.

Beispiel Russland: Müssen die Sanktionen, die infolge der Ukraine-Krise und der Krim-Annexion verhängt wurden, sofort aufgehoben werden? Das ist die Position der CSU, der AfD und der Linken. Sollen sie Stück für Stück zurückgenommen werden, auch wenn Russland das Minsker Abkommen nicht vollständig umsetzt? Dafür steht die SPD – und neuerdings die FDP.

Nur CDU und Grüne wollen bis zur Erfüllung von Minsk an den Sanktionen festhalten. Erstaunliche Wendung: CSU, AfD und die Linke waren von Anfang an gegen Sanktionen; die SPD kleidet ihr Schwanken seit einiger Zeit schon in die Sprache von "Deeskalation" und "Differenzierung"; und nun hat Christian Lindner die FDP darauf festgelegt, man finde sich mit der annektierten Krim als "dauerhaftem Provisorium" ab. Lindner wird von den russischen Staatsmedien gefeiert. Eine polnische Denkfabrik hingegen hat ein Thesenpapier veröffentlicht, das vor ihm warnt.

Wer sich fragt, warum Putin in den deutschen Wahlkampf nicht manipulierend eingreift, wie es nach den amerikanischen Erfahrungen aus dem letzten Jahr befürchtet wurde, findet hier eine mögliche Antwort: Warum sollte er? Unter den deutschen Parteien steht es bereits 5 : 2 für Putin in der Frage, ob man es mit dem Völkerrechtsbruch auf der Krim wirklich noch so genau nehmen muss.

Die Konfusion in Sachen Russland ist allerdings nur ein Symptom eines tief greifenden Umbruchs. Man kann in diesem Wahlkampf zum ersten Mal erleben, welche Herausforderung die neue strategische Einsamkeit Deutschlands bedeutet. Sie grundiert alle Programme, so verschieden die Konzepte der Parteien auch sind.

Die Lage ließe sich so zusammenfassen: Auf Amerika können wir uns nicht mehr verlassen; Frankreich kippelt; die Briten sind schon futsch; die Türken sind zu Gegnern geworden; der Mittlere Osten schwankt zwischen Despotie und Chaos; Russland fordert den Westen heraus; Chinas Wachstumsschmerzen bedrohen Fernost (und damit unsere wichtigsten Märkte); und an Afrikas Wohlergehen hängt, schon der Auswanderer wegen, Europas Stabilität.

Das ist der Stress, unter dem heute deutsche Außenpolitik konzipiert werden muss: Kein anderes Land ist energiepolitisch so verflochten mit Russland, handelspolitisch so auf China angewiesen, verteidigungspolitisch so abhängig von den USA und zugleich wichtigster Garant des Fortbestehens der EU. Deutschland ist als Exportnation zu groß, um ohne die freiheitliche Weltordnung gedeihen zu können, und als Gestaltungsmacht zu klein, um sie aus eigener Kraft zu erhalten. Weil der bisherige Garant dieser Ordnung – die USA – immer mehr ausfällt, stellt sich die Frage nach dem deutschen Beitrag neu.

Den Antworten fehlt es nicht an Radikalität: Die Linke will Deutschland aus der Nato führen und Sicherheit bei Russland suchen. Die Grünen sehen im Gegenteil die Bundesrepublik als Bollwerk gegen den russischen (türkischen, chinesischen, ungarischen, amerikanischen) Autoritarismus. Die FDP will Europa durch eine eigene Armee und mehr Freihandel zum "Stabilitätsproduzenten" machen. Die AfD hingegen hat vor, die EU gleich ganz zugunsten eines "Europas souveräner Staaten" (inklusive Grenzkontrollen) aufzulösen.