Anita Fetz ist SP-Ständerätin in Basel. © privat

Seit gestern haben wir eine neue Bundesrätin. Oder einen neuen Bundesrat. Vielleicht gar einen Quoten-Tessiner, der versucht hat, die mitkandidierende Frau als Quotenfrau zu diskreditieren.

Für Aufsehen gesorgt hat er auch sonst. Etwa als Medien berichteten, er wolle Kokain legalisieren. Die Vorstellung war natürlich neckisch, wie sich der Mann nach der Wahl eine Linie legalisiertes Koks legen würde. Nur: Mit der Wirklichkeit hatte und hat das nichts zu tun.

Dazu muss man sich vor Augen führen, dass er 1961 nicht als Nationalrat geboren wurde, dass es auch für ihn ein Leben vor der Bundespolitik gab. Konkret als Tessiner Kantonsarzt. In dieser Eigenschaft berief ihn der damalige Bundesrat in die Eidgenössische Kommission für Drogenfragen, die heutige Eidgenössische Kommission für Suchtfragen.

Er saß also just zu jener Zeit in der Drogenkommission, als diese die bemerkenswerte Würfel-Strategie entwickelte. Diese nahm die Schwachstellen der Schweizer Drogenpolitik unter die Lupe und erweiterte das Vier-Säulen-Modell, dem man damals folgte. Die Säulen, das waren: Prävention, Therapie, Schadensminderung und Regulierung. Wobei Regulierung bis heute viel zu oft als Komplettverbot verstanden wird.

Die Würfel-Strategie macht aus vier sechs Säulen. Neu wurden die psychoaktiven Substanzen und die Frage der unterschiedlichen Konsummuster in die Drogenpolitik aufgenommen.

Nun wurde offenkundig, wo es in der Drogenpolitik harzt. Wo es Verbesserungen braucht. Dass etwa der risikoarme Alkoholkonsum und der risikoarme Cannabiskonsum komplett ungleich behandelt werden. Oder dass es für viele Drogen keine Präventionsangebote gibt oder wenn, dann nur unbrauchbare. Kurz: Die Würfel-Strategie war und ist ein derart gutes Arbeitsinstrument, dass sich die beiden anderen bundesrätlichen Suchtkommissionen ebenfalls dafür zu interessieren begannen.

Die heutige "Nationale Strategie Sucht" gäbe es ohne diese Würfel-Strategie nicht. Obwohl auch diese Strategie ein großes Manko hat: Sie blendet die externen Folgen der Ungleichbehandlung von Drogen aus. Salopp und überspitzt gesagt: Wäre Kokain nicht mit einem Komplettverbot belegt, wäre der Weg frei für Max-Havelaar-zertifiziertes Bio-Koks, das keine Mafiaopfer fordern würde und ohne kriminellen Schwarzmarkt auskäme. Es könnte kontrolliert, also auf Rezept, an erwachsene Menschen abgegeben werden.

Natürlich wäre Kokain nicht für alle erhältlich. So wie dies heute für Zigaretten und Schnaps bereits der Fall ist. So wie auch heute nicht jederzeit und überall getrunken und geraucht werden kann. Man denke an die Promillegrenze beim Autofahren oder das Rauchverbot am Arbeitsplatz.

Der Bundesratskandidat hat das alles offenbar nicht vergessen. Und falls der Tessiner Drogenexperte seit gestern im Bundesrat sitzt, dürfen wir hoffentlich auf einen neuen Impuls in der Drogenpolitik hoffen. Ein solcher ist nämlich überfällig.

PS: Falls wider Erwarten kein Tessiner gewählt worden ist, dann sollten sich die Tessinerinnen und Tessiner bei ihrer Kantons-FDP beklagen. Sie hat es verpasst, einen Mann und eine Frau aufzustellen. Die Neuausrichtung der Drogenpolitik ist trotzdem fällig.