Das ist er also, der Mann, der plötzlich der Kronzeuge für große Wahrheiten sein will. Ausgerechnet er, der jahrelang für viel Geld Informationen manipuliert hat. Das ist keine üble Nachrede über ihn. Das sagt er selbst.

Stefan Schabirosky, 46 Jahre alt, schmal, schütteres, nach hinten gekämmtes Haar. Er steht vor dem Hamburger Hotel, in dem gleich das Treffen mit der ZEIT stattfindet, und raucht. Es ist ein roter Faden in seinem Buch Mein Auftrag: Rufmord: Wenn er nervös ist, muss er eine rauchen. Er scheint oft nervös zu sein.

Wie geht es Ihnen, jetzt wo das Buch auf dem Markt ist, auf einer Skala von eins bis zehn? "Vier, höchstens fünf. Geht mir nicht so gut."

Schabirosky hatte mehr Resonanz erwartet auf seine Geschichte über die düsteren Innereien der Finanzwelt, die angebliche Willfährigkeit von Journalisten. Der Verlag hatte gar schwadroniert, das Buch werde "Wirtschaft, Medien und Politik in ihren Grundfesten erschüttern". Der Inhalt des Buches geht so: Schabirosky war elf Jahre lang Vertriebsmitarbeiter beim Finanzdienstleister Allgemeiner Wirtschaftsdienst (AWD), dessen Chef damals noch Carsten Maschmeyer war. Dort verkaufte er Kunden, die ihr Geld anlegen wollten, Produkte, darunter oft auch umstrittene Angebote, die schnelle und gute Gewinne versprachen. Doch dann beleidigte er nach einem Motivationsseminar abends an der Bar einen AWD-Manager. Er war betrunken und hatte schlechte Laune, weil ihm eine Frau einen Korb gegeben hatte. Schabirosky wurde entlassen – und drohte daraufhin, er werde über die üblen AWD-Geschäftspraktiken auspacken. Der AWD zeigte ihn an, Schabirosky wurde wegen versuchter Erpressung zu sechs Monaten auf Bewährung verurteilt. Danach wandte er sich an den Hauptkonkurrenten des AWD, die Deutsche Vermögensberatung (DVAG), und unterbreitete ein Angebot: Er könne eine Schmutzkampagne gegen den Kontrahenten organisieren, unter anderem durch Manipulation der Medien. Die DVAG engagierte ihn für 6.000 Euro im Monat – angeblich mit der Aussicht auf eine millionenschwere Prämie, falls er den AWD und Carsten Maschmeyer zur Strecke bringe. Schabirosky legte sich ins Zeug, jahrelang. Wie er das tat, beschreibt er auf 270 Seiten.

Das Muster, nach dem Schabirosky operiert, wird auch bei seinen Treffen mit der ZEIT deutlich: Er bietet weiteres Material an, E-Mails, Kontoauszüge, illegal aufgenommene Tonbandmitschnitte. Toller Stoff angeblich, der weit über das Buch hinausgehe. Stefan Schabirosky sagt, er sei eben ein Verkäufer, sei immer einer gewesen. Früher waren es Finanzprodukte. Heute sind es Wahrheiten. In Schabiroskys Buch gibt es nun eine neue Wahrheit: Carsten Maschmeyer sei gar kein brutaler Kapitalist, der über Leichen gehe, wie er das jahrelang behauptet hatte.

Maschmeyer, der den AWD aufbaute, ist ein Aufsteiger, er stammt aus einfachen Verhältnissen und wurde zu einem der reichsten Männer Deutschlands. Man kann es so zusammenfassen: Alles ist an diesem Mann umstritten. Seine Firmen und seine Geschäftspraktiken, die Vermischung von Geschäft und Freundschaften wie im Fall der Politiker Gerhard Schröder und Christian Wulff, seine Bücher (Die Millionärsformel), seine Auftritte im Fernsehen. Er trägt seine Erfolgsgeschichte zur Schau – sicher ein Grund für die Kritik, die ihn begleitet.

Stefan Schabirosky beschreibt in seinem Buch, wie er sich vom Feind Maschmeyers zu dessen Freund gewandelt habe. Am Ende seiner Rufmord-Kampagne gegen den AWD habe er sich mit der DVAG überworfen, weil die hohe Erfolgsprämie, die er sich erhofft hatte, nicht ausgezahlt wurde. Da sei er ins Grübeln gekommen, und ihm sei klargeworden: Stefan, du hast Mist gebaut. All die Vorwürfe seien Quatsch, Maschmeyer sei im Grunde nur ein guter Geschäftsmann. "Er war das Vorbild für alle." So simpel klingt das im Buch. Und auch wenn er davon erzählt. Und, um Himmels willen, darf nicht auch einer wie Schabirosky sein Gewissen entdecken?

Allerdings spricht die Realität eine andere Sprache. Nach Beendigung des Vertrages mit der DVAG beschloss Schabirosky, mit seiner Rufmord-Geschichte überzulaufen – zurück zum AWD: Der Auftragslügner bot sich als Kronzeuge gegen sich selbst und die DVAG an. 2009 traf sich Schabirosky mit einem Berater Maschmeyers, um auszuloten, wie das laufen könnte. 2010 folgte ein weiteres Treffen mit AWD-Leuten. Das Timing war vielversprechend: Der Finanzdienstleister suchte belastende Informationen, um sich auf eine juristische Auseinandersetzung mit dem Konkurrenten DVAG vorzubereiten. Für zwei Dokumente, die Schabiroskys Tätigkeit als bezahlter Rufmörder belegen sollten, wollte der AWD 100.000 Euro zahlen. Kurz darauf wurde sogar eine "Vereinbarung" zwischen Maschmeyer und Schabiroskys Anwälten aufgesetzt, die der ZEIT vorliegt. Darin sollte sich Maschmeyer verpflichten, dem Verräter bis zu 650.000 Euro zu zahlen, sollten seine Informationen bei einer Klage gegen die DVAG genutzt werden. Ein Sprecher der Maschmeyer Group teilte auf Anfrage der ZEIT mit, Maschmeyer habe "keine Kenntnis" von den Treffen Schabiroskys mit AWD-Funktionären gehabt. Der Deal platzte laut Schabirosky, weil der AWD keinen Abschlag zahlen wollte.