Der größte Schockeffekt des Grusel-Musicals Tanz der Vampire kommt kurz nach der Pause. Da sind der Vampirjäger Professor Abronsius und sein junger Assistent Alfred bereits tief ins transsilvanische Hinterland vorgedrungen, haben den finsteren Grafen von Krolock auf sein Spukschloss verfolgt, wurden von diesem scheinheilig willkommen geheißen und im Gästezimmer einquartiert. Da kündigt Alfred voll Vorfreude das Finale des Musicals an: Morgen steigt auf dem Schloss der Mitternachtsball der Vampire!

Dies ist der Moment, in dem man als Zuschauer zusammenzuckt. Was? Morgen erst? Alles hatte auf ein baldiges Ende hingedeutet. Wie lang soll das denn jetzt noch weitergehen?

Das Vergehen und das Stillstehen der Zeit sind die großen Themen von Tanz der Vampire. Der Zuschauer spürt heute vor allem das Vergehen. Zwanzig Jahre ist das Stück bereits alt, nach der Uraufführung in Wien war es unter anderem in Stuttgart zu sehen, in Berlin und kurz am Broadway. Vor elf Jahren gastierte es bereits in Hamburg, in der Neuen Flora in der Stresemannstraße. Jetzt ist Tanz der Vampire zurück, im Theater an der Elbe, neben König der Löwen. Sonntag war die Premiere der Neuaufnahme, 2018 folgt als neue Produktion Mary Poppins, doch zuvor werden bis Januar noch mal die Vampire aus der Gruft geholt .

Das passt. Denn Tanz der Vampire ist ein Lehrstück für unsere Gegenwart, die so besessen ist von Nachhaltigkeit und lebensverlängernden Avocado-Toasts. Wir sehnen uns nach Entschleunigung, salben uns mit Anti-Aging-Cremes und träumen davon, mal die Zeit anzuhalten. Doch im Musicaltheater sehen wir, wo all das hinführen kann: Für das Aus-der-Zeit-gefallen-Sein und die Wiederkehr des Immergleichen steht nicht nur der unsterbliche Graf von Krolock, sondern das ganze Musical.

Doch von vorne. Tanz der Vampire basiert auf einer Filmkomödie von Roman Polanski aus dem Jahr 1967. Diese parodierte Vampirfilme, wie sie in den fünfziger und sechziger Jahren von der Produktionsfirma Hammer Films in die Kinos fluteten: Dracula, Dracula und seine Bräute, Draculas Rückkehr . Der Plot: Der tatterige Professor Abronsius (erinnert optisch an Albert Einstein) hat seinen Lehrstuhl an der Universität Königsberg verloren und reist mit Assistent Alfred durch Osteuropa. Die beiden suchen nach Beweisen für die Existenz von Vampiren, finden aber kaum mehr als Indizien: Die wichtigste Zutat der regionalen Küche ist Knoblauch! Als Alfred in einer Gaststätte die Wirtstochter Sarah im Badezuber erspäht, verlagert sich sein Forschungsinteresse schlagartig. Doch just als ihm die Untoten egal sind, taucht einer von ihnen auf, Graf von Krolock, der es ebenfalls auf die schöne Wirtstochter abgesehen hat und sie auf sein Schloss lockt. Beim Mitternachtsball soll sie gebissen werden. Nur Alfred und Abronsius können sie noch retten.

Einer der Erfolgsfaktoren von Musicals ist die Verlässlichkeit. Anders als in den meisten Sprechtheatern weiß man genau, was man bekommt. Die Musicalhäuser zählen zu den letzten Bastionen gegen die Zumutungen des Regietheaters, zu den letzten Bühnen, auf denen kein intellektuelles Chichi angeboten wird, sondern das gute, alte Illusionstheater. Im Leistungsumfang der Eintrittskarte ist das Versprechen enthalten, zweieinhalb Stunden lang nichts zu hören von Donald Trump, Integration und Gender Trouble (einsames Zugeständnis an die Gegenwart: einer der Vampire ist schwul).

Dagegen ist grundsätzlich nichts zu sagen, die meisten Abende in der Elbphilharmonie basieren auf diesem Prinzip. Bei einem 20 Jahre alten Musical und einer 50 Jahre alten Filmvorlage stellt sich jedoch die Frage, ob eine Modernisierung nicht doch gutgetan hätte. An die B-Movies, die Polanski einst parodierte, können sich nur noch wenige erinnern. Eine Flut an Vampirfilmen gibt es zwar auch heute (Twilight et cetera), doch die funktionieren nach anderen Regeln, bieten andere Figuren.

Die Musik von Tanz der Vampire erinnert an den Schlager und Bombastrock der Achtziger, die Darsteller benutzen längst nicht mehr gebräuchliche Begriffe wie "vergackeiern", und für Lacher sorgen altmodische Anzüglichkeiten wie der Rat des Professors, gegen "Neurosen" helfe "stoßen" (das ist als Witz so gut wie als Reim).

Man verlässt das Musicaltheater mit einem versöhnlichen Gedanken: Sterben zu müssen ist nicht schön. Aber Unsterblichsein ist die Hölle.

Tägliche Aufführungen bis Ende Januar 2018, Tickets unter stage-entertainment.de