Einen Franzosen erkennt man daran, dass er "Oh, là, là!" sagen kann, ohne albern zu klingen. Etwa dann, wenn die Crêpe, die er mit viel Calvados flambiert hat, an den Rändern Feuer fängt. Einen Deutschen erkennt man daran, dass er gerne weiß, wie etwas richtig geht. In diesem Fall das fachgerechte Essen des Pfannkuchens, der, mittlerweile nur mehr rauchend, mit karamellisierten Apfelspalten ungerollt auf dem Teller liegt. "Wie Sie wollen", sagt der Kellner. "Es gibt dafür keine Regeln."

Das Ti Breizh ist ein Unikum zwischen den Labskaus-Lokalen der Deichstraße, die alle so tun, als wären sie schon seit Störtebekers Zeiten dort. Zur Straßenseite zeigt das "Haus der Bretagne" nur die Boutique mit vornehmlich gestreifter Kleidung und Delikatessen. Man muss durch den Korridor des alten Kaufmannshauses, um die zweistöckige Gaststube zu entdecken.

Zwar nennt sich das Ti Breizh Crêperie, doch das Beste sind die Galettes, herzhafte Pfannkuchen aus Buchweizenmehl. Die werden hier so dünn gebacken, dass sie kaum mehr sind als eine Knusperschicht. Man bekommt sie in allen erdenklichen Varianten vom Klassiker mit gesalzener Butter bis zu hochkomplexen Gebilden. Da zerbricht man sich den Kopf bei der Tagesempfehlung: Nimmt man nun die Galette mit Bratwurst und Salat, die mit Käse und Champignons oder die mit Senf, Cidre und Schalotten? Nach etwas Hin und Her erweist sich: Das alles ist eine einzige Galette. Und trotz der opulenten Füllung sogar eine sehr gute. Die Pilze sind frisch mit Cidre und Kräutern gebraten, die Käsestreifen mit dem Teig verschmolzen. Die Senfcreme konterkariert die Schweinigkeit der Wurst.

Völlig anders die Version mit Gemüse und Räucherlachs, nur behutsam angewärmt. Das Artischockenherz kommt nicht aus der Dose. Die Tomatensauce schmeckt tatsächlich nach Tomaten. Die Galette selbst wirkt hier wie ein Backteig – Fischbrötchen ohne Brötchen, dafür doppelt so vitaminreich und saftig. Diese Pfannkuchen haben nichts gemein mit den plumpen Fladen vom Jahrmarkt; im Ti Breizh sind Könner am Werk.

Dazu trinkt man Cidre, bretonischen. Auch der ist mit Liebe ausgesucht. Warum er in der Tasse kommt? "Mein Großvater sagte, so bleibt er länger kalt", meint der Kellner. Ob das stimmt, ist schwer zu ermitteln; dafür schmeckt er zu gut. Es passt aber auf jeden Fall in die Café-Stimmung eines Spätsommernachmittags. Dann bricht sich die Sonne in der Bauplane des Hauses hinter dem Fleet, was ein unverhofft schönes Licht gibt. Eine Frau sitzt auf der Terrasse und malt. Der Service verspeist derweil am Personaltisch eine köstlich aussehende Tarte. Das Ti Breizh ist ein guter Ort, um die letzten Sommertage auszukosten – und sich auf dem Weg nach draußen einen Regenmantel zu kaufen.

Crêperie Ti Breizh, Deichstraße 39, Neustadt. Tel. 37 51 78 15, www.tibreizh.de. Geöffnet täglich von 12 bis 22 Uhr. Galettes um 9 Euro