Armer Hund!

Wenn ihr dieser Arzt jetzt nicht hilft, wird Bella ersticken, dabei ist sie erst zwei Jahre alt. Gerhard Oechtering betritt den Operationssaal der Universitätsklinik Leipzig. Oechtering, einer der weltbesten Hals-Nasen-Ohren-Spezialisten, trägt wie immer Mundschutz, mintgrüne OP-Kleidung, einen weißen Kittel.

"Und wen haben wir heute?", fragt Oechtering. Um ihn herum fiepen Apparate, auf einem großen Flachbildschirm sind die Bilder des MRT zu sehen: ein Kopf in Scheibchen, von der Seite, von vorne.

"Bella aus Hemhofen", sagt eine der Assistentinnen, während Oechtering sich auf seinen OP-Stuhl fallen lässt. Er ist ein großer, schwerer Mann, 60 Jahre alt, mit Vollbart und kurzem grau meliertem Haar, das mal rot war. Draußen jault ein Patient, der gerade aus der Narkose aufwacht.

Vor ihm liegt Bella. Sie hat alle viere von sich gestreckt, der Rachen ist mit einem Stab aufgesperrt, die Zunge hängt schlapp heraus, in ihren Augen ist nur das Weiße zu sehen. Aus einem Tropf sickert Betäubungsmittel in ihr Blut, durch einen Tubus pumpt Luft. Die Assistentin reicht Oechtering einen langen, dünnen Metallstab, auf dessen Kopf eine winzige Kamera montiert ist. Oechtering schiebt ihn vorsichtig in Bellas Rachen. Je weiter die Kamera in Bella vordringt, vorbei am Gaumensegel und am Kehlkopf bis in die Luftröhre, desto enger wird es. Wie bei einem Trichter aus rosafarbenem Fleisch.

Oechtering brummt zufrieden, als habe er genau das erwartet. Es ist ein Bild, das er Tausende Male gesehen hat. Bellas Rachen ist zu schmal, ihr Gaumensegel zu groß, sie hat Säckchen am Kehlkopf, die dort nicht hingehören. "Da kommt keine Luft mehr durch", sagt Oechtering. Er zieht den Metallstab aus dem Rachen, die OP-Schwester reicht ihm das Skalpell.

Bella ist ein Mops, apricotfarbenes Fell, zwei Jahre und drei Monate alt, 9,2 Kilogramm schwer. Sie leidet unter Brachyzephalie, was so viel bedeutet wie Kurzköpfigkeit.

Die meisten Möpse und Französischen und Englischen Bulldoggen haben diese Deformation, auch manche Boston Terrier oder Pekinesen. Ihre Schädel sind verformt, ihre Atemwege zu eng. Sie bekommen zu wenig Luft, um ihre Körpertemperatur zu regulieren, was besonders gefährlich ist, wenn die Temperatur über 25 Grad Celsius steigt.

Oechtering, mit dem Skalpell in der Hand, sagt: "Jeden Sommer sterben mehrere Hundert kurzköpfige Hunde an Überhitzung."

Schuld daran ist der Mensch.

Die Züchter haben den Hunden die Nasen genommen und damit die Luft. Sie kreuzen sie so, dass sie auch erwachsen noch aussehen wie Kinder. Sie stauchen die Köpfe zum Quadrat, sie kürzen die Schnauzen, bis sie platt sind, sie verkleinern den Oberkiefer und lassen die Augen aus dem Kopf quellen. Qualzucht nennt man diese Form der Zucht. Sie produziert Hunde, die dem Menschen besonders gut gefallen und sich deshalb besonders gut verkaufen.

8,6 Millionen Hunde gibt es Schätzungen zufolge in Deutschland. Zwei Drittel davon sind Rassehunde. Fast alle von ihnen, große und kleine, haben Erbkrankheiten, die vom Menschen verursacht wurden.

Der Schäferhund hat eine verkürzte Lendenwirbelsäule und leidet unter Hüftgelenksfehlstellung. Der Bassett unter einer chronischen Bindehautentzündung. Pudeln springt häufig die Kniescheibe heraus. Bei Chihuahuas schließt die Herzklappe nicht richtig. Labradore neigen zu Netzhautschwund, Grauem Star und Epilepsie. Golden Retriever haben oft falsch gewachsene Gelenke, Dackel Bandscheibenvorfälle und Dobermänner einen schwachen Herzmuskel. Kein anderer Hund aber ist so krank wie der Mops.

Gerhard Oechtering hatte früher zwei Irish Setter, Jagdhunde mit rotbraunem Fell, schnell und wendig, einen Mops würde er sich nie kaufen. Nicht weil er ihn nicht leiden kann, sondern weil er mit ihm leidet. "Es gibt keinen einzigen gesunden Mops", sagt er.

Viele Möpse haben neben der Brachyzephalie auch eingerollte Augenlider, zu weite Lidspalten und verdrehte Zähne, sie bekommen regelmäßig Hautkrankheiten und Hirnhautentzündungen. Im Grunde ist der Mops kein Hund, sondern ein Patient.

Die Besitzer der zweijährigen Bella wussten all das. Warum haben sie sich dennoch für einen Mops entschieden?

Noch am Vorabend der OP hatten Eva und Thomas Kuntschnik überlegt, den Termin abzusagen. Die Operation kostet 2.800 Euro, für die Kuntschniks ein ganzer Jahresurlaub. Aber das war nicht der Grund. Sie hatten Angst, Bella könnte während des Eingriffs sterben. Auch wenn das laut Oechtering so gut wie nie vorkommt.

Am Morgen sind sie dann doch um 4.45 Uhr in ihren VW Polo gestiegen und von Hemhofen, einer kleinen Gemeinde in der Nähe von Nürnberg, nach Leipzig gefahren, zu Professor Oechtering.

Als Bella ein Welpe war, erschien sie den Kuntschniks gesund. Sie wollten unbedingt einen Mops. Möpse sind gutmütig und liebenswert, sie beißen selten, bellen kaum, brauchen wenig Auslauf. Sie sind die perfekten Hunde für die moderne urbane Gesellschaft.

Die Kuntschniks kauften Bella für 1.100 Euro von einem Züchter, der ihnen versicherte, seine Möpse seien gesund. Bellas Schnarchen und Röcheln fanden sie süß.

Ein vom Menschen geschaffenes Wesen

Dann wurde Bella größer und das Röcheln stärker. Es klang, als sei ihr Rachen voller Schleim.

Eines Tages sackte Bella in sich zusammen, einfach so. Sie bekam keine Luft mehr, sie musste würgen, drohte zu ersticken.

Die Tierärztin gab Bella Kortisonspritzen und Kortisontabletten, beides half nur kurzfristig. Zwei weitere Male brach sie zusammen, sie konnte nicht länger als zehn Minuten laufen.

Wenn es warm war, hechelte sie schon nach wenigen Hundert Metern wie ein Läufer nach einem Marathon. Sie traute sich nicht mehr, sich zum Schlafen hinzulegen, weil sie spürte, dass dann Gewebe ihren Kehlkopf zudrückte und keine Luft mehr in ihre Lungen kam. Völlig übermüdet, nickte Bella manchmal im Stehen ein.

Vor der Operation in der Leipziger Klinik führt eine von Oechterings Assistentinnen Bella zur Computertomografie, vorher soll sie noch eine Beruhigungsspritze bekommen. Als Bella in der Tür verschwindet, schluchzt Eva Kuntschnik laut auf und wirft sich weinend in die Arme ihres Mannes. "Bella ist wie ein Kind für mich", sagt sie später mit einem Taschentuch in der Hand.

Im Operationssaal riecht es nach verkohltem Fleisch. Oechtering operiert Bella schon seit zwei Stunden. Da er ihren gestauchten Kopf nicht verlängern kann, muss er im Inneren Platz schaffen. Er schneidet der Luft den Weg frei.

Oechtering hat Bellas Gaumensegel gekürzt und vernäht. Er hat ihre Mandeln entfernt und mit einem Laser, 1.000 Grad heiß, Durchmesser 0,4 Millimeter, die Säckchen am Kehlkopf weggebrannt, das rosa Fleisch verfärbte sich erst weiß, dann wurde es braun, wie ein Schnitzel in der Pfanne. Oechterings Hände blieben ruhig. Er hat diese Operation schon 1.500-mal durchgeführt. Es ist die Oechtering-Methode, er selbst hat sie entwickelt.

Der Mensch behandelt den Hund nicht wie einen Hund, sondern wie einen Menschen

Zum Schluss schneidet er Fleisch aus Bellas winzigen Nasenlöchern, Blut rinnt heraus. Eine Schwester steckt eine Tamponade in jedes Nasenloch. Dann ist Oechtering fertig.

Am Nachmittag, als Bella, noch ganz benommen, aus der Narkose aufwacht, sitzt Oechtering eine Etage höher in seinem Büro. Er sagt, voraussichtlich könne Bella in zwei, drei Tagen zum ersten Mal richtig atmen und ihre Wunden müssten in zwei, drei Wochen verheilt sein. Oechtering gähnt, er sieht müde aus. Zu viele Operationen.

Oechterings Patienten – die meisten sind Möpse und Französische Bulldoggen – kommen aus der halben Welt zu ihm, aus den USA, England, Schweden, Griechenland, Frankreich, Italien. Wenn es sich nicht um Notfälle handelt wie bei Bella, müssen sie drei Monate auf einen Termin warten. Die Hälfte der Hunde operiert er, weil sie keine Luft mehr kriegen.

Vor 20 Jahren, sagt Oechtering, reichte es noch, einen Keil aus dem Nasenflügel zu ritzen, jetzt muss er auch den Knorpel dahinter entfernen und Gewebe aus dem Rachen. Die Köpfe der Hunde werden immer kürzer. Die Hunde leiden immer mehr. Oechtering sagt: "Der Mensch lebt seit 15.000 Jahren eng mit dem Hund zusammen. Und seit 150 Jahren macht er ihn krank und kaputt."

Alle Hunde stammen vom Wolf ab, der 90 Kilo schwere Mastiff genauso wie der ein Kilo schwere Chihuahua. Vor 20.000 bis 40.000 Jahren, genauer können es die Wissenschaftler nicht sagen, begann der Mensch, Wölfe zu zähmen. Die Wölfe lebten in der Nähe menschlicher Siedlungen, sie warnten den Menschen, wenn sich andere Raubtiere näherten, sie begleiteten ihn auf die Jagd. Der Mensch belohnte den Wolf und gab ihm Fleisch. Es war der Beginn einer symbiotischen Beziehung, beide profitierten. Der Mensch bekam Schutz, der Wolf Futter.

Vor 15.000 Jahren wurde aus dem Wolf der Hund. Es ist nicht ganz klar, wie das passierte, vermutlich aber begann der Mensch, Wolfswelpen aufzuziehen und zu züchten. Der Mensch kannte damals noch keine Viehzucht, er hielt sich weder Rinder noch Schafe, der Hund war das erste Haustier des Homo sapiens, er ist ein vom Menschen geschaffenes Wesen.

Kein anderes Tier versteht es so gut, den Menschen zu verstehen, ihn zu lesen, seine Gesten und Gesichtsausdrücke zu interpretieren, seinen Wünschen zu folgen. Kein anderes Tier würde einen Artfremden, den Menschen, über einen Artgenossen stellen – nur der Hund tut das.

Mensch und Hund eroberten gemeinsam die Welt. Auf jedem Kontinent mit Ausnahme der Antarktis gibt es heute Hunde, insgesamt 500 Millionen.

Er ist ja nur ein Hund

Der Mensch hielt den Hund als Wach- und Schutzhund, als Hirten- und Jagdhund, er nahm ihn mit zur Arbeit und in den Krieg. Das Aussehen war nicht so wichtig, der Hund sollte gesund sein und dienen. Der Mensch behandelte ihn wie ein Tier.

Auch heute gibt es noch Polizei- und Rettungshunde, Drogenspürhunde, Blindenhunde, Lawinenhunde. Manche Hunde sind sogar in der Lage, in menschlichem Urin Blasenkrebs zu riechen. Andere können vor einem epileptischen Anfall warnen oder bei Diabetikern vor Unterzuckerung.

Und dennoch scheint es so, als habe sich die Beziehung zwischen Mensch und Hund verändert. Als profitiere nur noch einer: der Mensch. Er behandelt den Hund nicht mehr wie einen Hund, sondern wie einen Menschen, und merkt nicht, dass er ihn damit quält.

Er trägt ihn auf dem Arm oder in Taschen. Er kauft ihm Biofutter und Frischfleisch vom Schlachter und Hundepralinen aus Hundeschokolade. Er bringt ihn zum Hundeyoga, in Hunde-Kitas und in Hundehotels, zum Hundefriseur und zur Hundepediküre. Er zieht ihm Jäckchen an, gibt ihm Antidepressiva oder Hundebier und schaut mit ihm DogTV.

Es ist eine pervertierte Liebe. Je kränker und bedauernswerter der Hund wird, desto mehr verwöhnt ihn der Mensch. Der Mensch liebt den Hund zu Tode. Und der Hund kann sich nicht wehren.

Uschi Ackermann, Kajalaugen und schwarz gefärbtes Haar, ist beinahe 70 Jahre alt, sie trägt Leggins und sehr viel pinkfarbenen Lippenstift. Dabei steht sie nur am Rand der Bühne. In der Mitte, im Scheinwerferlicht, thront Sir Henry auf einem mit weißem Kunstleder bezogenen Stuhl. Wie ein satter, in die Jahre gekommener Popstar.

Sir Henry, elf Jahre alt und neun Kilo schwer, das Fell beigefarben, ist, sofern man Ackermann glaubt, "Deutschlands berühmtester Mops". Besonders schön ist er, ehrlich gesagt, nicht: Er ist übergewichtig und fast zahnlos, er hat Haarausfall und zu lange Krallen, er schnarcht und röchelt und kriegt so schlecht Luft wie alle Möpse.

Rund 30 Fans und genauso viele Möpse sind gekommen. Gleich beginnt Sir Henrys Autogrammstunde.

Ein Hund als Star? Hier auf der Supreme Heimtiermesse am Stadtrand von München, zwei Tage, 4.500 Besucher, scheint das niemanden zu wundern. Aussteller verkaufen Biobachblüten und Backmischungen für den Hund. Heilpraktiker, Osteopathen, Physiotherapeuten und Akupunkteure haben Stände aufgebaut. Vier Frauen in glitzernden Smokings tanzen mit ihren Hunden zu dem Song Soul Man von den Blues Brothers, Dog Dancing nennt sich das.

Sir Henry sitzt währenddessen schwer atmend auf seinem Stuhl. Er knurrt nicht, als seine Fans der Reihe nach auf die Bühne steigen und sich mit ihm fotografieren. Er bellt nicht, als fremde Möpse neben ihn gesetzt werden. Uschi Ackermann, die eigentlich Ursula heißt, aber Uschi sympathischer findet, steht daneben und signiert Sir Henrys neuestes Buch mit dem Titel Ein Mops, ein Buch. Sir Henry kann ja nicht schreiben. Er ist ja nur ein Hund. Wobei man sich nicht immer so sicher sein kann, dass Uschi Ackermann das genauso sieht.

Sir Henry hat 12.541 Fans auf Facebook, er macht Werbung für Hundebetten, Hundedecken und Hundechips. Er hat einen Ernährungsberater und 80 Outfits, darunter ein schwarzer Smoking und eine Lederhose. Zwei Jahre lang erschien unter seinem Namen eine Kolumne in der Münchner Abendzeitung . Es gibt drei Bücher von Sir Henry, darunter ein Kochbuch, es gibt Kosmetiktaschen mit seinem Konterfei drauf und Fruchtgummi-Möpse von Haribo, die aussehen wie Sir Henry, in den Geschmacksrichtungen süß, extrasauer und scharf. Hinter alldem steckt Uschi Ackermann, die früher PR-Chefin eines großen Kosmetikunternehmens war.

Als Sir Henrys Autogrammstunde sich nach einer halben Stunde dem Ende zuneigt, sitzt Ackermann zufrieden vor der Bühne. Über ihrem Dekolleté baumelt ein Anhänger, der aussieht wie Sir Henry. Es ist ihre neueste Idee: eine auf 333 Exemplare limitierte Serie aus Meissener Porzellan, handbemalt, für 699 Euro das Stück. Ackermann sagt: "Möpse sind liebevoll, treu und sensibel. Sie haben alle Eigenschaften, die man sich von einem Mann wünscht."

Vor zwei Jahren starb ihr Mann Gerd Käfer, der sich mit Kaviar und Champagner zum König der Münchner Kir-Royal-Gesellschaft serviert hatte. Seitdem ist Ackermanns rauschendes Leben langsamer geworden, sie hat viel hinter sich gelassen: den Glamour, die Partys, die Villen in Wiesbaden und auf Sylt, das Chalet in Kitzbühel.

Nur ihre beiden Möpse seien ihr geblieben, sagt Ackermann, neben Sir Henry gibt es noch das Julchen. Mit ihnen lebt sie in einer Wohnung in München, nahe der Isar, in der es nur so wimmelt von Mopsbildern, Mopsfiguren, Mopsskulpturen. Sie sei süchtig nach dem Mops, sagt Ackermann. Nach dieser 2.000 Jahre alten Rasse, die einst am chinesischen Kaiserhof gehalten wurde und später in Europa alten Baronessen geschenkt wurde, wenn sie zu vereinsamen drohten.

Uschi Ackermann liebt ihren Sir Henry. Daran besteht kein Zweifel. Aber liebt Sir Henry auch Uschi Ackermann?

Diätfutter, Regenmäntel, Schwimmwesten

Für viele Menschen ist die Beziehung zu ihrem Hund eine große, wahre Liebesgeschichte. Der Hund braucht den Menschen und seine Zuwendung. Und der Mensch braucht den Hund und das, was er für dessen Liebe hält.

Diese Liebe hängt nicht vom Alter ab, vom Aussehen oder von der Größe des Autos. Dem Hund ist egal, ob ein Mensch Abitur hat oder einen Hauptschulabschluss, ob er arm ist oder reich, alt oder jung, schön oder hässlich, dick oder dünn. Die Liebe eines Hundes ist vorurteilslos. Das macht sie für viele so wertvoll, gerade in Zeiten, in denen man sich auf Internetplattformen wie Parship, Facebook und Instagram zur Schau stellt, um nicht einsam zu sein. Der Hund lässt dich nicht allein. Aber wie bei jeder großen, wahren Liebe birgt auch diese die Gefahr, dass man die Vernunft vergisst und zu sehr liebt. Dass man den anderen so innig umarmt, dass er nicht mehr atmen kann und erstickt.

Der Konzern Fressnapf verkauft Tierfutter und -zubehör, ihn hat die Liebe des Menschen zum Hund reich und groß gemacht. In Krefeld im Schatten der Rheinbrücke liegt die Unternehmenszentrale. 1.100 Menschen arbeiten hier, einer von ihnen ist Katrin Zimmermann, die im zweiten Stock des Backsteingebäudes empfängt. Sie selber hat keinen Hund, aber wenn sie aus dem Fenster ihres Büros schaut, sieht sie die umzäunte Wiese, auf der die Fressnapf-Angestellten mit ihren Hunden spielen können.

Zimmermann, 41 Jahre alt, dunkler Blazer und dunkles kurzes Haar, ist Brand-Managerin, das heißt, sie entwickelt Marken, die "Real Nature" oder "Select Gold" heißen. Fressnapf gibt 15 Eigenmarken heraus, Zimmermann nennt sie Fressnapf-Marken, weil "Eigenmarke" billig und nach Aldi klingt.

Dabei ist das Unternehmen genau das, was Aldi für Lebensmittel ist oder Media Markt für Elektrotechnik: ein Discounter mit günstigen Angeboten und Märkten, die bis zu 1.500 Quadratmeter groß sind. 879 Märkte gibt es in Deutschland, 499 weitere im übrigen Europa, in Italien, Frankreich, Polen, Ungarn, Dänemark, Belgien, Irland, Luxemburg, Österreich, der Schweiz. Im vergangenen Jahr erzielte Fressnapf einen Rekordumsatz von 1,9 Milliarden Euro.

Katrin Zimmermann sagt: "Bei Fressnapf steht die weibliche Zielgruppe im Fokus." Frauen kaufen bei Fressnapf ein, oder sie sagen ihren Männern, was sie einkaufen sollen. Gerade hat Zimmermann gemeinsam mit ihren Kollegen eine neue Eigenmarke entwickelt: "Dogs Creek", eine Outdoor-Marke für Hunde, was genauso absurd ist, wie es klingt.

Mit "Dogs Creek" will Fressnapf endlich auch Männer erreichen, mit ausklappbaren Näpfen und Hundedecken, die zusammengerollt werden können wie Schlafsäcke. Robust, hochwertig und funktional sollen die Produkte sein, sagt Zimmermann. "Eine Art Jack Wolfskin für den Hund."

Es ist das Fressnapf-Konzept: Zimmermann und ihre Kollegen schauen, welche Trends es für den Menschen gibt. Sie sehen, dass viele Menschen gerne Kleidung von Jack Wolfskin oder The North Face tragen. Dann überlegen sie, wie sie die "Produkte aus dem Humanbereich", wie Zimmermann es nennt, in Produkte für den Hund umwandeln können.

Der Konzern orientiert sich an den Menschen, nicht an den Hunden. Denn es sind ja die Menschen, die die Produkte für ihren Hund kaufen. Was nicht zwingend heißt, dass es tatsächlich Produkte für den Hund sind:

Weil Menschen auf ihr Gewicht achten, verkauft Fressnapf Diätfutter für Hunde.

Weil Menschen sich um ihre Verdauung sorgen, verkauft Fressnapf glutenfreies Futter oder Futter für ernährungssensible Hunde.

Weil Menschen gern schön sind, verkauft Fressnapf den "Pet Balance Pfotenpflege Balsam" mit Bienenwachs für Hunde oder das "Beaphar Fell-Glanz Spray" mit Macadamiaöl.

Weil Menschen es gern trocken haben, verkauft Fressnapf den "Buster Regenmantel".

Weil Menschen gern auf Nummer sicher gehen, verkauft Fressnapf die "Trixie Hunde-Schwimmweste".

Weil Menschen gern gut riechen, verkauft Fressnapf die "Ergo Dual Brush"-Zahnbürste und die "bogadent Dental Creme Mint 100 g" mit Mintgeschmack gegen Mundgeruch.

Weil Menschen sich gern gesund ernähren, verkauft Fressnapf Futter wie "Happy Dog Supreme Sensible Toscana" mit Entenprotein und Lachsmehl, mit Leinsamen, Holunderfrüchten, Artischocke, Löwenzahn, Bohnenkraut, Majoran, Ingwer, Rosmarin, Salbei, Thymian, Birkenblättern, Brennnessel, Anisfrüchten, Basilikum, Fenchelfrüchten, Holunderblüten, Lavendelblüten, Koriander, Kamille, Ulmenspierkraut und Süßholzwurzel.

Nur auf veganes Hundefutter verzichtet Fressnapf bislang.

Der Ursprung des Desasters

Der Werbespruch von Fressnapf lautet "Happier Pets, Happier People". Es wirkt jedoch, als sei die Reihenfolge genau umgekehrt: Erst kommen die Menschen, dann die Tiere.

Fressnapf, Marktführer in Europa und weltweit die Nummer drei, ist mit diesem Konzept sehr erfolgreich. Der Konzern wächst und wächst, in den kommenden fünf Jahren sollen 800 weitere Märkte in Deutschland, Italien, Frankreich und Polen eröffnen, für 2017 ist ein neuer Rekordumsatz angepeilt.

Das Geschäft mit der Tierliebe ist krisensicher. Weder die Finanz- noch die Euro-Krise konnten Fressnapf etwas anhaben. Es ist, als würde der Mensch lieber hungern, als das Tier darben zu lassen.

Wobei man da unterscheiden muss, denn im Grunde gibt es zwei Arten von domestizierten Tieren. Für die einen geben die Deutschen sehr wenig Geld aus, für die anderen sehr viel.

Da sind die Nutztiere, die Millionen Schweine, Rinder und Hühner, die in zu enge Ställe gepfercht und gemästet werden, bevor der Mensch sie schlachtet, um ihr Fleisch möglichst billig im Supermarkt zu kaufen und dann zu essen.

Und es gibt die Haustiere wie den Hund, die der Mensch verzärtelt, als könnte er sich von der Schuld freikaufen, andere Tiere schlecht zu behandeln. 1,54 Milliarden Euro wurden in Deutschland im vergangenen Jahr für Hundefutter und -zubehör ausgegeben.

"Die Liebe zum Hund ist ein Zivilisationssymptom eines überforderten, von der Natur entfremdeten Menschen", sagt Jürgen Körner, 74 Jahre alt, ein gelehrter und belesener Mann mit schütterem Haar und buschigen Augenbrauen, der gern Tweedsakkos trägt. An diesem Tag sitzt er bei einem Italiener in Berlin-Charlottenburg. Seine Hündin Delan, einen schwarzen Hovawart, wachsam und sensibel wie alle Hunde dieser Art, hat er zu Hause gelassen.

Körner, Psychoanalytiker und Professor für Sozialpädagogik an der FU Berlin, mittlerweile emeritiert, denkt seit mehr als 20 Jahren über die Beziehung zwischen Mensch und Tier nach, vor Kurzem hat er sein zweites Buch zum Thema geschrieben, das vor allem ein Buch über den Menschen ist.

Nach Körners Ansicht gibt es vier Motive, aus denen die Menschen die Hunde lieben: Erstens, weil Menschen sich von Hunden gesehen und geliebt fühlen. Zweitens, weil Hunde sie nicht verlassen. Drittens, weil sie ihnen gehorchen und die Menschen sich ihnen überlegen fühlen können. Viertens, weil die Menschen sich ihnen gegenüber nicht schuldig fühlen müssen, Hunde tragen einem nichts nach.

Alle vier Motive, sagt Körner, haben mit Ängsten zu tun. Es sind Ängste des modernen Menschen, die sich auf einen Kern reduzieren lassen: die Angst, nicht zu genügen. Hunde können dem Menschen diese Angst nehmen.

"Tiere sind immer richtig", wie einst Sigmund Freud sagte. Hunde verstellen sich nicht, sie spielen einem nicht vor, dass sie sich freuen, obwohl sie eigentlich beleidigt sind. Sie warten, ohne Vorwürfe zu machen. Sie betrügen einen nicht, sie sind ehrlich.

Körner sagt: "Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Angestellter. Von Ihren Kollegen werden Sie verachtet, vom Chef gemaßregelt, von den Kunden verlacht. Und dann kommen Sie nach einem langen Tag im Büro nach Hause, und Ihr Hund begrüßt Sie wie einen Helden nach gewonnener Schlacht. Deshalb lieben wir den Hund. Aber im Grunde lieben wir uns nur selbst in ihm."

Körner zufolge ist die Tierliebe eine Erfindung der Moderne. Noch im Mittelalter war es üblich, dass der Mensch Gerichtsprozesse gegen Tiere führte, er warf Tiere ins Gefängnis, verbrannte oder erwürgte sie, ließ sie lebendig begraben.

Überliefert ist das Beispiel einer Sau, die im Jahr 1457 in Savigny-sur-Etang in Frankreich einen Fünfjährigen fraß. Die Sau wurde wegen Mordes angeklagt und zum Tod durch Erhängen verurteilt. Hinter dem Urteil steckte die Vorstellung, die Sau hätte auch anders gekonnt. Der Mensch glaubte, das Tier sei zu moralischem Handeln fähig, so wie er.

Erst in der Aufklärung, als der Mensch sich der Vernunft zuwandte, änderte sich das. Der Mensch wollte mehr sein als ein Tier unter Tieren. Er distanzierte sich vom Tier, dem niederen Wesen.

Dann aber, im 19. Jahrhundert, in der Zeit der deutschen Romantik, als der Mensch begann, sich einzufühlen, in die Natur und sich selbst, erfand er die Tierliebe. Der Mensch versuchte die Distanz zum Tier wieder zu überbrücken.

Die Menschen lernten Empathie, sie empfanden Mitleid mit den Tieren. Sie glaubten, sich vorstellen zu können, was in Tieren vorgeht, was sie empfinden, wie sie denken, was sie planen. Sie begannen, sich um Tiere zu kümmern, und erschufen die Illusion der Liebe, sie dauert bis heute an.

Tierliebe ist so gesehen eine Projektion. Und Hunde sind ihre ideale Projektionsfläche. Sie sind auf den Menschen angewiesen. Sie können ihn nicht lieben, weil das ein menschliches Gefühl ist, aber sie lassen sich lieben.

Im späten 19. Jahrhundert entstanden die ersten Tierschutzvereine, wurden die ersten Tierfriedhöfe eröffnet, die ersten Tierschutzgesetze verabschiedet. Am 4. April 1873 gründete sich in London der Kennel Club, der weltweit erste Dachverband für Hundezüchtervereine. Der Kennel Club stellte Richtlinien für die Reinrassigkeit von Hunden auf und machte Hundeausstellungen populär. Die Hunde mussten keine Funktion mehr haben, sie sollten dem Menschen nicht mehr helfen, keine Arbeiten mehr übernehmen, sie sollten nur schön sein und ihre Züchter mit Pokalen schmücken.

Dieser Moment ist der Ursprung des Desasters. Denn damals beginnt das Geschäft der Hundezüchter – und aus dem Tier wird ein teures Accessoire.

"Wie bei einem kranken Kind"

Katja Ries-Scherf, 58 Jahre alt, züchtet seit 14 Jahren Möpse und leitet den Club für den Mops e. V. In Wehr, einer kleinen Stadt an der deutsch-schweizerischen Grenze, lebt sie mit mehr als einem Dutzend Möpsen zusammen. Auf ihrem 3.000 Quadratmeter großen Grundstück hat sie Liegen, Swimmingpools und Bällebäder für ihre Möpse aufgestellt. Ries-Scherf, die eigentlich Ferienwohnungen vermietet, sagt, sie sei dem Mopsvirus verfallen.

Stundenlang kann sie über Ahnentafeln reden, über Zuchtordnungen und Zuchtprüfungen. Ihre Hunde haben viele Preise gewonnen, sie wurden Deutscher Champion, Türkischer Champion, Luxemburger Champion und Schweizer Champion. Sie tragen den Zwingernamen "vom Mägdebrunnen", so etwas wie ein Nachname. Mit Vornamen heißen sie Daisy, Donatella, Drag Queen oder Aris Kariesch Dream of all Life. Die Namen denkt Ries-Scherf sich selber aus.

Zucht, sagt sie, bedeute für sie Selektion. Und am wichtigsten sei ihr dabei die Gesundheit ihrer Hunde. Sie sagt: "Mein ganzes Herzblut ist die Rasse. Wenn ich einen gequälten Hund sehen würde, wäre das für mich die größte Folter."

Katja Ries-Scherf fühlt sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. Ärzten wie Oechtering, dem Hundechirurgen aus Leipzig, wirft sie finanzielle Interessen vor. Man müsse nicht bei jedem Mops das Gaumensegel kürzen, sagt sie. Möpse hätten schon immer geschnarcht. Außerdem habe sie noch nie einen Mops gesehen, der blau anläuft oder einfach umfällt.

Redet man mit Ries-Scherf über Qualzucht, sagt sie: "Hunde, die nicht gut atmen können, gehören nicht in die Zucht." Dann kommt sie wie fast alle Hundezüchter schnell auf den illegalen Handel mit Welpen zu sprechen. Für sie sind die Hundekäufer das Problem. Und deren "Geiz-ist-geil-Mentalität".

An dieser Stelle wird die Liebesgeschichte zwischen den Menschen und ihren Hunden so irrational wie jede Liebesgeschichte. Und so schmutzig wie immer, wenn sich Liebe in ein Geschäft verwandelt. Die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen und lösen sich auf. Jeder fühlt sich im Recht. Die Züchter, die Hundehalter, die Tierärzte. Und jeder hat auch ein bisschen recht.

1.500 Euro zahlte Ackermann für ihren Mops. Fünf Monate später fielen ihm die Haare aus

Bei Ries-Scherf kostet ein Mopswelpe bis zu 1.500 Euro. Bei eBay Kleinanzeigen gibt es ihn für ein paar Hundert Euro. Deshalb besorgen sich viele Menschen lieber einen Welpen im Internet als bei einem Züchter.

Viele dieser Internet-Welpen aber kommen in dreckigen, engen Hinterhofställen in Ungarn, Polen, Tschechien oder der Slowakei zur Welt. Tierschutzorganisationen wie "Vier Pfoten" sprechen von Tierquälerei, organisierten Banden und mafiösen Strukturen.

Die Welpen leben in ihrem eigenen Kot, werden zu früh von der Mutter getrennt, die nichts weiter ist als eine Gebärmaschine, und nach wenigen Wochen ungeimpft und mit gefälschtem Zuchtbuch über die Grenze gefahren. Und schließlich, sofern sie diese Strapazen überleben, auf irgendeinem Parkplatz in Deutschland verkauft.

Für die Hundekäufer ist es dann Liebe auf den ersten Blick.

Das Absurde ist, dass der Geiz der Hundekäufer in dem Moment endet, in dem die Liebe beginnt. Oft werden die Welpen aus den Hinterhöfen Ungarns schon nach wenigen Wochen krank, sie übergeben sich, verlieren ihre Haare, sie fiebern. Ihre Besitzer sind dann schon so verliebt, dass sie Tausende Euro bei Ärzten lassen, um ihre Hunde zu retten.

An niemandem wird die Widersprüchlichkeit dieser Liebesgeschichte zwischen Mensch und Hund so deutlich wie an Uschi Ackermann.

Ihren ersten Mops kaufte sie vor elf Jahren, sie hatte die Annonce im Kölner Express gelesen, 1.500 Euro zahlte sie für den Welpen. Sie nannte ihn "Sir Henry". Fünf Monate später fielen Sir Henry die Haare aus, Demodikose, eine Hautkrankheit.

Ackermann begann sich zu informieren über Möpse und ihre Krankheiten, sie sprach mit Experten und las viel. Sie konsultierte sieben Ärzte in Deutschland und zwei in Österreich und gab Tausende Euro aus, bis Sir Henry geheilt war. "Das ist wie bei einem kranken Kind", sagt Uschi Ackermann: "Du liebst es umso mehr und verhätschelst es auch."

Dann verklagte sie den Händler, von dem sie Sir Henry gekauft hatte. Er musste 1.100 Euro Strafe zahlen und für die Prozess- und Tierarztkosten aufkommen. Ackermann weiß bis heute nicht, wo Sir Henry geboren wurde, die Papiere waren gefälscht, vermutlich stammt auch er von einem osteuropäischen Hinterhof. Inzwischen engagiert sich Uschi Ackermann, die ihrem Hund einen Smoking anzieht, Mopspartys schmeißt und Schönheitswettbewerbe organisiert, für den Tierschutz.

Sie holte ihren zweiten Mops, das Julchen, das nur ein Auge hat, aus einem Tierheim. Sie spendete mehrere Tausend Euro an Tierheime in Nürnberg, Bonn und München und den Deutschen Tierschutzbund. Sie gewann einen Tierschutzpreis vom Tierschutzbund. Sie unterstützt andere Hundebesitzer, die Züchter und Händler verklagen. Und sie schickt viele Mopsbesitzer zu Professor Oechtering nach Leipzig, manchen bezahlt sie sogar die Operation.

Eigentlich ist Qualzucht verboten

"Nur dass ihr eigener Hund auch nicht atmen kann und auch operiert werden müsste, auf die Idee kommt sie nicht", sagt Professor Oechtering. Für ihn macht es keinen Unterschied, ob die Hunde, die auf seinem OP-Tisch liegen, aus deutscher Zucht kommen oder von Händlern aus Ungarn oder Polen. Er sagt, die Hunde seien alle gleich krank.

"Ich bin es leid, dass die Tierärzte immer mehr zum Reparaturtrupp der Hundezüchter verkommen, auf Kosten der Besitzer", sagt er. Oechtering will nicht länger nur die Symptome bekämpfen. Er möchte an die Ursachen heran. Die Ursache ist für ihn das Schönheitsideal.

Laut Fédération Cynologique Internationale, dem internationalen Dachverband der Hundezüchter, gibt es 350 verschiedene Hunderassen. Viele dieser Rassen wurden vom Menschen so kaputtgezüchtet, dass sie immer früher sterben. Die Deutsche Dogge wird im Durchschnitt nur noch 6,5 Jahre alt, früher ist sie fast acht Jahre alt geworden.

Geht es nach Oechtering, dürfte keine dieser kranken Rassen mehr gezüchtet oder auf Ausstellungen gezeigt werden. Er sagt: "Ich will Züchter nicht in die Ecke von Verbrechern stellen. Aber jemanden, der weiß, was er da anrichtet, und trotzdem diese Qualzucht macht, den muss man schon mal fragen, was in ihm vorgeht." Oechtering sieht nur eine Möglichkeit, das Schönheitsideal zu verändern: schärfere Gesetze.

Eigentlich ist Qualzucht in Deutschland bereits verboten. Aber Oechtering ist der Paragraf im Tierschutzgesetz wie vielen anderen Tierärzten zu schwammig formuliert. Man müsste ihn verschärfen, sagt er. So wie in Österreich. Dort ist es eindeutig untersagt, kranke Tiere, die etwa unter Atemnot leiden, zu züchten, zu importieren, zu erwerben, weiterzugeben oder auszustellen.

Eine andere Möglichkeit, die Hunde zu retten, wäre, sie mit anderen Arten zu kreuzen, um den Genpool zu erweitern und Erbkrankheiten schleichend zu beseitigen. Es gibt Züchter, die das beim Mops versuchen, indem sie ihn mit Parson Russell Terriern paaren. Sie wollen gesunde Hunde, die so aussehen wie ein Mops vor hundert Jahren. Mit einer Nase und einer langen Schnauze. Retromops nennen sie das.

Vielen Züchtern des Verbandes für das Deutsche Hundewesen gefällt das nicht. Sie befürchten, dass der Charakter der Möpse sich verändern könnte. Sie möchten reines Blut.

Martin Rütter hat schon viele Trends und Modehunde kommen und gehen sehen. Als der West Highland White Terrier in der Cesar-Werbung auftauchte, wollten alle einen West Highland White Terrier. Als Kommissar Rex im Fernsehen lief, wollten alle einen Schäferhund. Als bei Men in Black ein Mops mitspielte, wollten alle einen Mops.

Martin Rütter, 47 Jahre alt, ist Hundetrainer. Beim Fernsehsender Vox tritt er als "der Hundeprofi" auf. Die Hundeliebe der Deutschen hat ihn reich gemacht – genau wie das Unternehmen Fressnapf. Rütter hat 180 Angestellte, die für ihn arbeiten, und drei Firmen, die er alle nach seiner verstorbenen Hündin Mina benannt hat: eine Produktionsfirma für seine Fernsehsendung, eine Agentur für Comedians und eine GmbH, unter der er mehr als 100 Hundeschulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz betreibt. Er hat mehr als eine Million Bücher verkauft. Und obwohl er mit 37 schon einen Herzinfarkt hatte, ist er die meiste Zeit des Jahres auf Tournee, reist mit zwei Sattelschleppern und 40 Mitarbeitern durch Deutschland und tritt abends in großen Hallen auf.

Rütter sitzt im Bauch der König-Pilsener-Arena in Oberhausen. Heute ist der letzte Tag seiner dreijährigen Tournee, 500.000 Menschen haben seine Show gesehen, bei Ticketpreisen zwischen 33 und 39 Euro.

Am Abend wird Rütter hier auf der Bühne stehen. Er wird zwei Stunden lang von Hunden erzählen. Aber es wird nicht ein einziger Hund auf der Bühne zu sehen sein. Rütter wird sich über Hundenamen wie Emma-Luna oder Philipp-Pascal lustig machen, er wird über höhenverstellbare Näpfe von Fressnapf lästern, obwohl man bei Fressnapf auch seine Bücher und DVDs kaufen kann.

Er wird von Frauchen erzählen, die ihren Hund streicheln, bis er kahle Stellen im Fell hat. Und von Herrchen, die davon träumen, einmal im Leben so geliebt zu werden wie der Hund von Frauchen. Rütters Publikum wird brüllen vor Lachen. Am lautesten die Frauen. 80 Prozent seiner Zuschauer sind Frauen, sagt Rütter. 80 Prozent haben einen Hund.

Rütters Pointen funktionieren so gut, weil die Menschen sich selbst darin erkennen. Seine Show ist eine Mischung aus dem Humor von Mario Barth und einer Volkshochschule für Hundehalter.

In erster Linie ist Rütter ein Geschäftsmann. Aber er ist in der Beziehung zwischen Mensch und Hund auch so etwas wie ein Paartherapeut. Damit verdient er sein Geld.

Bis zu Beginn der neunziger Jahre, als viele noch glaubten, man solle Hunde drillen, mit Unterordnung und Dominanz, mit Ketten und Stachelhalsbändern, brauchte niemand einen Therapeuten. Aber heute, wo die Hundehalter ihre Hunde aus Unsicherheit überversorgen, wollen sie jemanden, der ihnen Ratschläge erteilt.

So gesehen verkörpert Rütter die ganze Misere in dieser großen Liebesgeschichte. Während der Konzern Fressnapf das Gefühl verkauft, seinem Hund etwas Gutes zu tun, spendet Rütter wie jeder gute Therapeut Trost, verkleidet ins Gewand der sanften Belehrung. Seine Zuschauer wissen, dass sie sich irrational verhalten, aber so ist das halt, wenn man fest und innig liebt.

Am Abend auf der Bühne in Oberhausen, kurz vor dem Ende der Show, nachdem Rütter noch Witze über das Doggyfon gerissen hat und über Denkmützen für Hunde, tobt der Saal. Da verstummt Rütter plötzlich. Er legt einen Finger auf die Lippen. Die Zuschauer sind ganz ruhig. Alles ist dunkel, nur ein Lichtkegel fällt auf ihn.

Dann sagt er: "Ich habe eine Theorie aufgestellt. Ich vermute, dass sie stimmen könnte: Es muss schon Hunde gegeben haben, bevor Fressnapf kam. Und ich glaube, dass die Hunde tipptopp damit klargekommen sind."

Die Zuschauer sind einen Moment lang ganz ruhig. Dann brechen sie in lautes Lachen aus, befreiend und erlösend. Es klingt, als störe es sie gar nicht, dass sie über sich selbst lachen.