Dann wurde Bella größer und das Röcheln stärker. Es klang, als sei ihr Rachen voller Schleim.

Eines Tages sackte Bella in sich zusammen, einfach so. Sie bekam keine Luft mehr, sie musste würgen, drohte zu ersticken.

Die Tierärztin gab Bella Kortisonspritzen und Kortisontabletten, beides half nur kurzfristig. Zwei weitere Male brach sie zusammen, sie konnte nicht länger als zehn Minuten laufen.

Wenn es warm war, hechelte sie schon nach wenigen Hundert Metern wie ein Läufer nach einem Marathon. Sie traute sich nicht mehr, sich zum Schlafen hinzulegen, weil sie spürte, dass dann Gewebe ihren Kehlkopf zudrückte und keine Luft mehr in ihre Lungen kam. Völlig übermüdet, nickte Bella manchmal im Stehen ein.

Vor der Operation in der Leipziger Klinik führt eine von Oechterings Assistentinnen Bella zur Computertomografie, vorher soll sie noch eine Beruhigungsspritze bekommen. Als Bella in der Tür verschwindet, schluchzt Eva Kuntschnik laut auf und wirft sich weinend in die Arme ihres Mannes. "Bella ist wie ein Kind für mich", sagt sie später mit einem Taschentuch in der Hand.

Im Operationssaal riecht es nach verkohltem Fleisch. Oechtering operiert Bella schon seit zwei Stunden. Da er ihren gestauchten Kopf nicht verlängern kann, muss er im Inneren Platz schaffen. Er schneidet der Luft den Weg frei.

Oechtering hat Bellas Gaumensegel gekürzt und vernäht. Er hat ihre Mandeln entfernt und mit einem Laser, 1.000 Grad heiß, Durchmesser 0,4 Millimeter, die Säckchen am Kehlkopf weggebrannt, das rosa Fleisch verfärbte sich erst weiß, dann wurde es braun, wie ein Schnitzel in der Pfanne. Oechterings Hände blieben ruhig. Er hat diese Operation schon 1.500-mal durchgeführt. Es ist die Oechtering-Methode, er selbst hat sie entwickelt.

Der Mensch behandelt den Hund nicht wie einen Hund, sondern wie einen Menschen

Zum Schluss schneidet er Fleisch aus Bellas winzigen Nasenlöchern, Blut rinnt heraus. Eine Schwester steckt eine Tamponade in jedes Nasenloch. Dann ist Oechtering fertig.

Am Nachmittag, als Bella, noch ganz benommen, aus der Narkose aufwacht, sitzt Oechtering eine Etage höher in seinem Büro. Er sagt, voraussichtlich könne Bella in zwei, drei Tagen zum ersten Mal richtig atmen und ihre Wunden müssten in zwei, drei Wochen verheilt sein. Oechtering gähnt, er sieht müde aus. Zu viele Operationen.

Oechterings Patienten – die meisten sind Möpse und Französische Bulldoggen – kommen aus der halben Welt zu ihm, aus den USA, England, Schweden, Griechenland, Frankreich, Italien. Wenn es sich nicht um Notfälle handelt wie bei Bella, müssen sie drei Monate auf einen Termin warten. Die Hälfte der Hunde operiert er, weil sie keine Luft mehr kriegen.

Vor 20 Jahren, sagt Oechtering, reichte es noch, einen Keil aus dem Nasenflügel zu ritzen, jetzt muss er auch den Knorpel dahinter entfernen und Gewebe aus dem Rachen. Die Köpfe der Hunde werden immer kürzer. Die Hunde leiden immer mehr. Oechtering sagt: "Der Mensch lebt seit 15.000 Jahren eng mit dem Hund zusammen. Und seit 150 Jahren macht er ihn krank und kaputt."

Alle Hunde stammen vom Wolf ab, der 90 Kilo schwere Mastiff genauso wie der ein Kilo schwere Chihuahua. Vor 20.000 bis 40.000 Jahren, genauer können es die Wissenschaftler nicht sagen, begann der Mensch, Wölfe zu zähmen. Die Wölfe lebten in der Nähe menschlicher Siedlungen, sie warnten den Menschen, wenn sich andere Raubtiere näherten, sie begleiteten ihn auf die Jagd. Der Mensch belohnte den Wolf und gab ihm Fleisch. Es war der Beginn einer symbiotischen Beziehung, beide profitierten. Der Mensch bekam Schutz, der Wolf Futter.

Vor 15.000 Jahren wurde aus dem Wolf der Hund. Es ist nicht ganz klar, wie das passierte, vermutlich aber begann der Mensch, Wolfswelpen aufzuziehen und zu züchten. Der Mensch kannte damals noch keine Viehzucht, er hielt sich weder Rinder noch Schafe, der Hund war das erste Haustier des Homo sapiens, er ist ein vom Menschen geschaffenes Wesen.

Kein anderes Tier versteht es so gut, den Menschen zu verstehen, ihn zu lesen, seine Gesten und Gesichtsausdrücke zu interpretieren, seinen Wünschen zu folgen. Kein anderes Tier würde einen Artfremden, den Menschen, über einen Artgenossen stellen – nur der Hund tut das.

Mensch und Hund eroberten gemeinsam die Welt. Auf jedem Kontinent mit Ausnahme der Antarktis gibt es heute Hunde, insgesamt 500 Millionen.