Der Werbespruch von Fressnapf lautet "Happier Pets, Happier People". Es wirkt jedoch, als sei die Reihenfolge genau umgekehrt: Erst kommen die Menschen, dann die Tiere.

Fressnapf, Marktführer in Europa und weltweit die Nummer drei, ist mit diesem Konzept sehr erfolgreich. Der Konzern wächst und wächst, in den kommenden fünf Jahren sollen 800 weitere Märkte in Deutschland, Italien, Frankreich und Polen eröffnen, für 2017 ist ein neuer Rekordumsatz angepeilt.

Das Geschäft mit der Tierliebe ist krisensicher. Weder die Finanz- noch die Euro-Krise konnten Fressnapf etwas anhaben. Es ist, als würde der Mensch lieber hungern, als das Tier darben zu lassen.

Wobei man da unterscheiden muss, denn im Grunde gibt es zwei Arten von domestizierten Tieren. Für die einen geben die Deutschen sehr wenig Geld aus, für die anderen sehr viel.

Da sind die Nutztiere, die Millionen Schweine, Rinder und Hühner, die in zu enge Ställe gepfercht und gemästet werden, bevor der Mensch sie schlachtet, um ihr Fleisch möglichst billig im Supermarkt zu kaufen und dann zu essen.

Und es gibt die Haustiere wie den Hund, die der Mensch verzärtelt, als könnte er sich von der Schuld freikaufen, andere Tiere schlecht zu behandeln. 1,54 Milliarden Euro wurden in Deutschland im vergangenen Jahr für Hundefutter und -zubehör ausgegeben.

"Die Liebe zum Hund ist ein Zivilisationssymptom eines überforderten, von der Natur entfremdeten Menschen", sagt Jürgen Körner, 74 Jahre alt, ein gelehrter und belesener Mann mit schütterem Haar und buschigen Augenbrauen, der gern Tweedsakkos trägt. An diesem Tag sitzt er bei einem Italiener in Berlin-Charlottenburg. Seine Hündin Delan, einen schwarzen Hovawart, wachsam und sensibel wie alle Hunde dieser Art, hat er zu Hause gelassen.

Körner, Psychoanalytiker und Professor für Sozialpädagogik an der FU Berlin, mittlerweile emeritiert, denkt seit mehr als 20 Jahren über die Beziehung zwischen Mensch und Tier nach, vor Kurzem hat er sein zweites Buch zum Thema geschrieben, das vor allem ein Buch über den Menschen ist.

Nach Körners Ansicht gibt es vier Motive, aus denen die Menschen die Hunde lieben: Erstens, weil Menschen sich von Hunden gesehen und geliebt fühlen. Zweitens, weil Hunde sie nicht verlassen. Drittens, weil sie ihnen gehorchen und die Menschen sich ihnen überlegen fühlen können. Viertens, weil die Menschen sich ihnen gegenüber nicht schuldig fühlen müssen, Hunde tragen einem nichts nach.

Alle vier Motive, sagt Körner, haben mit Ängsten zu tun. Es sind Ängste des modernen Menschen, die sich auf einen Kern reduzieren lassen: die Angst, nicht zu genügen. Hunde können dem Menschen diese Angst nehmen.

"Tiere sind immer richtig", wie einst Sigmund Freud sagte. Hunde verstellen sich nicht, sie spielen einem nicht vor, dass sie sich freuen, obwohl sie eigentlich beleidigt sind. Sie warten, ohne Vorwürfe zu machen. Sie betrügen einen nicht, sie sind ehrlich.

Körner sagt: "Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Angestellter. Von Ihren Kollegen werden Sie verachtet, vom Chef gemaßregelt, von den Kunden verlacht. Und dann kommen Sie nach einem langen Tag im Büro nach Hause, und Ihr Hund begrüßt Sie wie einen Helden nach gewonnener Schlacht. Deshalb lieben wir den Hund. Aber im Grunde lieben wir uns nur selbst in ihm."

Körner zufolge ist die Tierliebe eine Erfindung der Moderne. Noch im Mittelalter war es üblich, dass der Mensch Gerichtsprozesse gegen Tiere führte, er warf Tiere ins Gefängnis, verbrannte oder erwürgte sie, ließ sie lebendig begraben.

Überliefert ist das Beispiel einer Sau, die im Jahr 1457 in Savigny-sur-Etang in Frankreich einen Fünfjährigen fraß. Die Sau wurde wegen Mordes angeklagt und zum Tod durch Erhängen verurteilt. Hinter dem Urteil steckte die Vorstellung, die Sau hätte auch anders gekonnt. Der Mensch glaubte, das Tier sei zu moralischem Handeln fähig, so wie er.

Erst in der Aufklärung, als der Mensch sich der Vernunft zuwandte, änderte sich das. Der Mensch wollte mehr sein als ein Tier unter Tieren. Er distanzierte sich vom Tier, dem niederen Wesen.

Dann aber, im 19. Jahrhundert, in der Zeit der deutschen Romantik, als der Mensch begann, sich einzufühlen, in die Natur und sich selbst, erfand er die Tierliebe. Der Mensch versuchte die Distanz zum Tier wieder zu überbrücken.

Die Menschen lernten Empathie, sie empfanden Mitleid mit den Tieren. Sie glaubten, sich vorstellen zu können, was in Tieren vorgeht, was sie empfinden, wie sie denken, was sie planen. Sie begannen, sich um Tiere zu kümmern, und erschufen die Illusion der Liebe, sie dauert bis heute an.

Tierliebe ist so gesehen eine Projektion. Und Hunde sind ihre ideale Projektionsfläche. Sie sind auf den Menschen angewiesen. Sie können ihn nicht lieben, weil das ein menschliches Gefühl ist, aber sie lassen sich lieben.

Im späten 19. Jahrhundert entstanden die ersten Tierschutzvereine, wurden die ersten Tierfriedhöfe eröffnet, die ersten Tierschutzgesetze verabschiedet. Am 4. April 1873 gründete sich in London der Kennel Club, der weltweit erste Dachverband für Hundezüchtervereine. Der Kennel Club stellte Richtlinien für die Reinrassigkeit von Hunden auf und machte Hundeausstellungen populär. Die Hunde mussten keine Funktion mehr haben, sie sollten dem Menschen nicht mehr helfen, keine Arbeiten mehr übernehmen, sie sollten nur schön sein und ihre Züchter mit Pokalen schmücken.

Dieser Moment ist der Ursprung des Desasters. Denn damals beginnt das Geschäft der Hundezüchter – und aus dem Tier wird ein teures Accessoire.