"Nur dass ihr eigener Hund auch nicht atmen kann und auch operiert werden müsste, auf die Idee kommt sie nicht", sagt Professor Oechtering. Für ihn macht es keinen Unterschied, ob die Hunde, die auf seinem OP-Tisch liegen, aus deutscher Zucht kommen oder von Händlern aus Ungarn oder Polen. Er sagt, die Hunde seien alle gleich krank.

"Ich bin es leid, dass die Tierärzte immer mehr zum Reparaturtrupp der Hundezüchter verkommen, auf Kosten der Besitzer", sagt er. Oechtering will nicht länger nur die Symptome bekämpfen. Er möchte an die Ursachen heran. Die Ursache ist für ihn das Schönheitsideal.

Laut Fédération Cynologique Internationale, dem internationalen Dachverband der Hundezüchter, gibt es 350 verschiedene Hunderassen. Viele dieser Rassen wurden vom Menschen so kaputtgezüchtet, dass sie immer früher sterben. Die Deutsche Dogge wird im Durchschnitt nur noch 6,5 Jahre alt, früher ist sie fast acht Jahre alt geworden.

Geht es nach Oechtering, dürfte keine dieser kranken Rassen mehr gezüchtet oder auf Ausstellungen gezeigt werden. Er sagt: "Ich will Züchter nicht in die Ecke von Verbrechern stellen. Aber jemanden, der weiß, was er da anrichtet, und trotzdem diese Qualzucht macht, den muss man schon mal fragen, was in ihm vorgeht." Oechtering sieht nur eine Möglichkeit, das Schönheitsideal zu verändern: schärfere Gesetze.

Eigentlich ist Qualzucht in Deutschland bereits verboten. Aber Oechtering ist der Paragraf im Tierschutzgesetz wie vielen anderen Tierärzten zu schwammig formuliert. Man müsste ihn verschärfen, sagt er. So wie in Österreich. Dort ist es eindeutig untersagt, kranke Tiere, die etwa unter Atemnot leiden, zu züchten, zu importieren, zu erwerben, weiterzugeben oder auszustellen.

Eine andere Möglichkeit, die Hunde zu retten, wäre, sie mit anderen Arten zu kreuzen, um den Genpool zu erweitern und Erbkrankheiten schleichend zu beseitigen. Es gibt Züchter, die das beim Mops versuchen, indem sie ihn mit Parson Russell Terriern paaren. Sie wollen gesunde Hunde, die so aussehen wie ein Mops vor hundert Jahren. Mit einer Nase und einer langen Schnauze. Retromops nennen sie das.

Vielen Züchtern des Verbandes für das Deutsche Hundewesen gefällt das nicht. Sie befürchten, dass der Charakter der Möpse sich verändern könnte. Sie möchten reines Blut.

Martin Rütter hat schon viele Trends und Modehunde kommen und gehen sehen. Als der West Highland White Terrier in der Cesar-Werbung auftauchte, wollten alle einen West Highland White Terrier. Als Kommissar Rex im Fernsehen lief, wollten alle einen Schäferhund. Als bei Men in Black ein Mops mitspielte, wollten alle einen Mops.

Martin Rütter, 47 Jahre alt, ist Hundetrainer. Beim Fernsehsender Vox tritt er als "der Hundeprofi" auf. Die Hundeliebe der Deutschen hat ihn reich gemacht – genau wie das Unternehmen Fressnapf. Rütter hat 180 Angestellte, die für ihn arbeiten, und drei Firmen, die er alle nach seiner verstorbenen Hündin Mina benannt hat: eine Produktionsfirma für seine Fernsehsendung, eine Agentur für Comedians und eine GmbH, unter der er mehr als 100 Hundeschulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz betreibt. Er hat mehr als eine Million Bücher verkauft. Und obwohl er mit 37 schon einen Herzinfarkt hatte, ist er die meiste Zeit des Jahres auf Tournee, reist mit zwei Sattelschleppern und 40 Mitarbeitern durch Deutschland und tritt abends in großen Hallen auf.

Rütter sitzt im Bauch der König-Pilsener-Arena in Oberhausen. Heute ist der letzte Tag seiner dreijährigen Tournee, 500.000 Menschen haben seine Show gesehen, bei Ticketpreisen zwischen 33 und 39 Euro.

Am Abend wird Rütter hier auf der Bühne stehen. Er wird zwei Stunden lang von Hunden erzählen. Aber es wird nicht ein einziger Hund auf der Bühne zu sehen sein. Rütter wird sich über Hundenamen wie Emma-Luna oder Philipp-Pascal lustig machen, er wird über höhenverstellbare Näpfe von Fressnapf lästern, obwohl man bei Fressnapf auch seine Bücher und DVDs kaufen kann.

Er wird von Frauchen erzählen, die ihren Hund streicheln, bis er kahle Stellen im Fell hat. Und von Herrchen, die davon träumen, einmal im Leben so geliebt zu werden wie der Hund von Frauchen. Rütters Publikum wird brüllen vor Lachen. Am lautesten die Frauen. 80 Prozent seiner Zuschauer sind Frauen, sagt Rütter. 80 Prozent haben einen Hund.

Rütters Pointen funktionieren so gut, weil die Menschen sich selbst darin erkennen. Seine Show ist eine Mischung aus dem Humor von Mario Barth und einer Volkshochschule für Hundehalter.

In erster Linie ist Rütter ein Geschäftsmann. Aber er ist in der Beziehung zwischen Mensch und Hund auch so etwas wie ein Paartherapeut. Damit verdient er sein Geld.

Bis zu Beginn der neunziger Jahre, als viele noch glaubten, man solle Hunde drillen, mit Unterordnung und Dominanz, mit Ketten und Stachelhalsbändern, brauchte niemand einen Therapeuten. Aber heute, wo die Hundehalter ihre Hunde aus Unsicherheit überversorgen, wollen sie jemanden, der ihnen Ratschläge erteilt.

So gesehen verkörpert Rütter die ganze Misere in dieser großen Liebesgeschichte. Während der Konzern Fressnapf das Gefühl verkauft, seinem Hund etwas Gutes zu tun, spendet Rütter wie jeder gute Therapeut Trost, verkleidet ins Gewand der sanften Belehrung. Seine Zuschauer wissen, dass sie sich irrational verhalten, aber so ist das halt, wenn man fest und innig liebt.

Am Abend auf der Bühne in Oberhausen, kurz vor dem Ende der Show, nachdem Rütter noch Witze über das Doggyfon gerissen hat und über Denkmützen für Hunde, tobt der Saal. Da verstummt Rütter plötzlich. Er legt einen Finger auf die Lippen. Die Zuschauer sind ganz ruhig. Alles ist dunkel, nur ein Lichtkegel fällt auf ihn.

Dann sagt er: "Ich habe eine Theorie aufgestellt. Ich vermute, dass sie stimmen könnte: Es muss schon Hunde gegeben haben, bevor Fressnapf kam. Und ich glaube, dass die Hunde tipptopp damit klargekommen sind."

Die Zuschauer sind einen Moment lang ganz ruhig. Dann brechen sie in lautes Lachen aus, befreiend und erlösend. Es klingt, als störe es sie gar nicht, dass sie über sich selbst lachen.