Interessieren sich wirklich so viele Menschen für die Nachrichten von Christian Lindner? Der FDP-Spitzenkandidat hat heute doppelt so viele Fans auf Twitter wie im November 2016. Rund 180.000 folgen ihm, und jede Stunde kommen Dutzende hinzu. Es ist, als wüchsen FDP-Anhänger aus dem Boden, sobald Lindner den Mund aufmacht, sobald er in eine Kamera schaut und sobald er irgendwo einen Fuß auf die Erde setzt. Sie heißen Michael Hirt, Tom König, Michelle Eickstädt, Damaris Metzger oder Daniel Engelhardt, sie alle folgen Lindner, lesen seit Montag, was er tweetet, sehen, welche Fotos und Links er teilt. Einige haben sich sorgfältige Profile angelegt, ein Foto hochgeladen und einen kurzen Text über sich verfasst. Andere Profile sind grau.

Auf die Nachfrage, warum er ausgerechnet Lindner folgt, antwortet Daniel Engelhardt, ein Marketing-Manager, via Twitter: "Ich bin erst durch verschiedene Talk-Formate in den letzten Tagen auf ihn als Person aufmerksam geworden." Lindner habe da "auf den ersten Blick sehr sympathisch" gewirkt.

Der Wahlkampf wirkt wie ein Energydrink für Twitter

Auch Damaris Metzger, Jahrgang 1977, folgt Lindner. Sie bloggt im Internet über Kinder- und Jugendbücher, ist erst seit Januar bei Twitter und folgte dort zunächst Nutzern, die sich mit Literatur beschäftigen. Doch kurz vor der Bundestagswahl hat sie die Tweets von Lindner und SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz abonniert. "Es ging vor allem um mein persönliches politisches Interesse und generelle Meinungsbildung", sagt Metzger, sowie um die Frage: "Was haben Menschen, die Deutschland führen wollen, zu sagen?" Sie habe den Eindruck, "dass viele Politiker auf Twitter freier und offener, manchmal auch spontaner agieren".

Dabei schien der Kurznachrichtendienst Twitter seine beste Zeit schon hinter sich zu haben. Die Nutzerzahlen stiegen kaum noch, ein tragfähiges Geschäftsmodell ist nicht in Sicht, und in Sachen Reichweite sind die Plattformen Facebook, YouTube und Instagram an Twitter vorbeigezogen. Aber dieser Wahlkampf wirkt wie ein Energydrink für den Kurznachrichtendienst.

Praktisch alle Spitzenkandidaten und ihre Parteien registrieren dort rapide steigende Zahlen. Bei der Linken versammelt Sahra Wagenknecht neue Follower in Armeekorps-Stärke. 85.000 sind seit November 2016 hinzugekommen, als das Online-Medium Vice eine Bestandsaufnahme gemacht hatte. Auch beim SPD-Spitzenkandidaten Martin Schulz (plus 80 Prozent) und bei der Grünen-Frontfrau Katrin Göring-Eckardt (plus 50 Prozent) gab es seitdem ein deutliches Wachstum. AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel lässt sich kaum vergleichen, sie ist erst seit Februar 2017 bei Twitter.

Politiker wie Christian Lindner schreiben viele ihrer Tweets selbst. Twitter halten viele Bürger und Politikbeobachter deshalb für die unmittelbarste und transparenteste Verbindung zwischen Politikern und Wählern im Netz; eine Plattform, um sich rasch und direkt mit politischen Gegnern zu streiten. "Für den Nutzer ist das wie eine persönliche Nachrichtenagentur mit Rückkanal", sagt der Politikberater und Blogger Martin Fuchs, der unter anderem für das Auswärtige Amt, mehrere Landesregierungen und Verwaltungen arbeitet.

Ein großer Vorteil gegenüber Facebook ist, dass die Nutzer auf Twitter weniger in ihrer Filterblase gefangen bleiben. Denn praktisch alle Diskussionen finden öffentlich statt. Eine Schwäche des Kurznachrichtendienstes ist hingegen, dass er besonders anfällig für unechte Nutzer ist, sogenannte Fake-Profile. Die werden meist über ein Computerprogramm angelegt, miteinander vernetzt und mit Inhalten gefüllt. Sie verweisen automatisch aufeinander, schicken Herzchen und schreiben automatisiert ihre Kommentare. So entsteht ein scheinbar lebendiges Netzwerk, deshalb werden Fake-Profile, die menschliche Verhaltensmuster simulieren, auch Social Bots genannt: Sie sind so etwas wie gesellige Roboter. Die Betreiber dieser Bots können sie zentral steuern und im Zweifelsfall für demagogische Zwecke einsetzen. Das konnte man etwa im US-Wahlkampf beobachten, als rechte Bot-Netzwerke auf Twitter für Donald Trump Partei ergriffen und falsche Nachrichten über die Konkurrentin Hillary Clinton streuten.

Passiert das auch in Deutschland? Oder anders gefragt: Wie viele der neuen Twitter-Follower von Christian Lindner und den anderen Spitzenpolitikern sind echt? Daniel Engelhardt und Damaris Metzger ganz bestimmt. Aber all die anderen? Unter den vielen neuen Fans von FDP-Mann Lindner gibt es beispielsweise einen Nutzer, dessen Name aus einer deutschen Handynummer besteht. Er hat noch nie getwittert, folgt 80 Profilen. Ruft man die Nummer an, hebt eine Frau ab, die kaum Deutsch spricht und mit der Frage, ob sie Twitter nutze, nichts anfangen kann. Offenbar wurde ihre Nummer für einen Fake-Account missbraucht.