Es gibt reichlich Hinweise auf Fake-Nutzer. Wie viele die Parteien und Spitzenkandidaten in den Reihen ihrer virtuellen Anhänger haben, das wollten zwei Forscher vom International Media Center an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg vor der Bundestagswahl genau wissen. Die Ergebnisse liegen der ZEIT exklusiv vor. Aufgrund ihrer Berechnungen kommen die Forscher Bastian Kießling und Jan Schacht zu dem Schluss, dass bei 30 Prozent der Follower von Christian Lindner fragwürdig ist, ob es sich bei ihnen überhaupt um echte Menschen handelt. Bei Wagenknecht und Göring-Eckardt liegen die Quoten ähnlich hoch. Kießling interpretiert die Zahlen so, dass unechte Profile "einen relevanten Teil der Nutzer bei Twitter ausmachen". Doch es gebe große Unterschiede. Bei Martin Schulz sei nur etwa jeder sechste Follower gefälscht oder zumindest lange inaktiv. Eine eindeutige Erklärung dafür hat er nicht, doch klar sei: Das Interesse an der Wahl könne den steilen Anstieg der Follower-Zahlen "nur zum Teil erklären", sagt Kießling. Bei dem anderen Teil handelt es sich um Social Bots.

Wie viele genau es sind, weiß vermutlich nur Twitter. Das US-Unternehmen sagt dazu nichts. Es verschweigt, wie häufig es gegen Bots und Fake-Profile vorgeht. Der Konzern antwortet auch nicht auf die Frage, wie viele aktive Nutzer es hierzulande gibt und wie viele irreguläre Profile er in den vergangenen Wochen gesperrt hat.

Dabei gibt es auf Twitter ziemlich klare Regeln, wie der Pressesprecher betont, und Accounts droht die Sperrung, wenn sie dagegen verstoßen. So sei es nicht erlaubt, multiple Accounts zu erstellen, massenweise anderen Nutzern zu folgen oder immer wieder Beiträge zu sogenannten "trending Topics" zu posten, um Aufmerksamkeit zu erheischen. Bots seien zwar zum Beispiel im Kundendienst sinnvoll oder wenn sie etwa mit automatisierten Warnmeldungen zur öffentlichen Sicherheit beitragen könnten. Streng untersagt sei es jedoch, Bots einzusetzen, um die Funktionsweise von Twitter zu untergraben. Wie genau man irreguläre Verhaltensweisen erkennt, will Twitter aber nicht verraten.

Motherboard, International Media Center © Doreen Borsutzki für DIE ZEIT

Das trägt nicht gerade zur Beruhigung bei: Zu Jahresbeginn fürchteten Regierung und Sicherheitsbehörden, dass Bots wie in den USA den deutschen Wahlkampf beeinflussen könnten. Aber dafür erkennen weder Grüne noch Linke bisher Anzeichen. Der Parteisprecher der Linken, Hendrik Thalheim, sagt, es habe keine automatisierten Kampagnen gegen die Partei gegeben. "Wir hätten auch nicht die finanziellen Mittel, um uns dagegen zu wehren." Man sei aber auch von menschlichen Störern weitgehend verschont geblieben. "Die sind wohl alle zu den Kundgebungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel gegangen."

Da Twitter nicht sehr schnell darin ist, unechte Nutzer zu identifizieren und zu verbannen, bleiben den Parteien nur zwei Wege: Entweder sie ignorieren die Fake-Profile – oder sie bekämpfen sie selbst.

Die Grünen haben sich für den ersten Weg entschieden. Man kümmere sich nur um die echte Gefolgschaft, sagt der grüne Wahlkampfmanager Robert Heinrich, und die wachse auf Twitter nachweislich: "Reichweite und Interaktion sind im Vergleich zum vorangegangenen Bundestagswahlkampf im Jahr 2013 deutlich gestiegen." Man habe zwar immer noch kein Millionenpublikum, Twitter sei "in Deutschland eher ein Netzwerk für die Multiplikatoren und Meinungsmacher". Aber gerade deshalb wertet Heinrich es als Erfolg, dass die Grünen nach dem TV-Duell der Großparteien mehrere Hunderttausend Twitter-Nutzer mit ihren Kommentaren erreicht haben.

Die FDP hat den zweiten Weg gewählt. Laut Moritz Kracht, dem Sprecher Christian Lindners, hat die Partei einen Dienstleister beschäftigt, der Fakes "wegblockt". Man sei besorgt gewesen, die FDP könne andernfalls in den Verdacht geraten, Follower gekauft zu haben. Denn gekaufte Fans – das könnte nach hinten losgehen.

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