"Ist das von einem Priester, was du da liest?", fragte mich ein Freund, das Buch in meinen Händen musternd. Ich antwortete: "Nein, der Titel ist sicher ironisch gemeint." Der Autor ist ja ein beinharter Soziologe; ein anderes Werk von ihm heißt Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform. Bei meiner Subjektivierungsform will man dergleichen gar nicht so genau wissen, aber Ulrich Bröcklings Buch mit dem priesterlichen Beigeschmack im Titel ist wunderbar: Gute Hirten führen sanft. Über Menschenregierungskünste.

In dieser Aufsatzsammlung steckt ein Gedankenreichtum, der einem hilft, vieles auf einmal zu verstehen: Wettkampf und Wettbewerb, Burn-out, Planung, Anthropologie ("Der Mensch ist das Maß aller Schneider"), Kritik und Krieg, Resilienz und Mediation ("eine soziale Technologie der Konfliktbearbeitung, bei der ein neutraler Dritter als Vermittler hinzugezogen wird").

Die "pastorale Figuration" des guten Hirten ist nicht ironisch gemeint. Dahinter steht eine These von Michel Foucault, dass zwar die verschiedenen Formen der Machtausübung sich nicht mehr auf eine Transzendenz berufen, dass aber das priesterliche Sprachbild in den Köpfen weiterwirkt. Wo ein Hirte ist, ist eine Herde, und der Hirte ist ein Gegenentwurf zum Souverän, der herrscht: "Der gute Hirte ist nicht Furcht einflößender Herrscher, sondern er ist Diener der ihm Anvertrauten." Der Souverän erlässt Gesetze, erhebt Steuern, rekrutiert Soldaten. Das heißt herrschen, und herrschen bedeutet auch, dass so ein Souverän sich ansonsten nicht um die Untertanen kümmert: "Während der Souverän herrscht, aber nicht regiert, verhält es sich beim Hirten gerade umgekehrt." Regieren heißt nämlich "führen", und dafür bedarf es der "Menschenregierungskünste".

Das Wort "Metapherngestöber" kommt im Buch öfter vor. Metaphern des Sports beschreiben zum Beispiel Marktereignisse: "Sportmetaphern reduzieren Komplexität, sie stellen konkrete Bilder für abstrakte Vorgänge bereit." Der Sport produziert Bilder, die davon überzeugen (sollen), dass der Erfolg von der Leistung kommt. Dagegen sagt der Soziologe: "Niemand kann sicher sein, ob sein Erfolg dem puren Zufall und sein Misserfolg mangelnder Anstrengung geschuldet ist. Zugleich muss jeder seine Kräfte mobilisieren, ohne je Gewissheit zu haben, dass die Plackerei sich auszahlt. Das Glück winkt nur dem Tüchtigen, aber noch so viel Tüchtigkeit schützt nicht vor dem Unglück."

Im Aufsatz über Kreativität wird der Kreativitätszwang auf seine Paradoxien zurückführt, was sich auch lustig liest: wie unkreativ Kreative sein können!

Ulrich Bröckling: Gute Hirten führen sanft. Über Menschenregierungskünste;
Suhrkamp Verlag, Berlin 2017; 425 S., 20,– €, als E-Book 19,99 €