Der Wettbewerb scheint atemlos: Wer holt auf, wer verliert, wer muss zittern, wer kann glänzen? Umfragen gehören zu Wahlkämpfen wie Luftballons und Gratis-Kugelschreiber. Sie schaffen Spannung, bringen Bewegung und dienen einem Journalismus, der das Rennen um die Wählergunst zum Sportereignis umfunktioniert. Horserace journalism wird das im Englischen genannt, über Politik wird wie von der Pferderennbahn berichtet.

Wie die Nationalratswahl ausgehen könnte? Je nach Belieben. Aus den Daten der vergangenen Wochen lässt sich mit etwas schlechtem Willen und großzügiger Auslegung der Schwankungsbreiten viel herauslesen: Es könnte ein Dreiparteienparlament wie in den siebziger Jahren vorhergesagt werden, weil Grüne, Neos und Liste Pilz an der Vierprozenthürde scheitern werden, aber auch ein Nationalrat mit sechs Parlamentsklubs wie bisher. Eine andere Titelzeile könnte lauten: SPÖ verringert Abstand auf ÖVP. Gleichfalls ließe sich Freiheitliche überholen Sozialdemokraten und schließen zu Liste Kurz auf anhand der Daten rechtfertigen. Und dann ist auch noch die derzeit besonders beliebte Variante möglich: Sebastian Kurz liegt uneinholbar voran.

Doch Umfragen sind mehr als der Stoff, aus dem Schlagzeilen gemacht werden. Sie beeinflussen Kampagnen und Strategien der Parteien. Bereits im vergangenen Jahr testeten Meinungsforscher, ob die ÖVP mit Kurz statt Reinhold Mitterlehner an der Spitze bessere Umfragewerte erzielen würde. Die Ergebnisse waren nicht weit von den jetzigen Werten entfernt – und die Führung der Volkspartei kannte diese Zahlen. Ob Kurz ohne sie heute Parteichef wäre?

Derweil ist die Demoskopie aber in die Kritik geraten. Manche nehmen an ihrer angeblichen Deutungshoheit Anstoß. Der Philosoph Peter Sloterdijk forderte vor mehr als zehn Jahren sogar ein Gesetz zur Eindämmung der Meinungsforschung, sie sei eine "außerparlamentarische Herrschaftsinstanz" geworden.

Andere kritisieren die Unzuverlässigkeit der erhobenen Daten. Besonders drastisch falsch lagen die Demoskopen bei der ersten Runde der Bundespräsidentenwahl im vergangenen Jahr: Alexander Van der Bellen lag in den Umfragen vorn, Norbert Hofer mit 24 Prozent auf dem zweiten Platz. Am Wahltag folgte das böse Erwachen für die Marktforscher: Der Kandidat der FPÖ erreichte 35 Prozent.

Meinungsforschung ist ein teures Geschäft. Eine repräsentative Umfrage mit 1.000 Befragten und 20 Fragen kostet rund 25.000 Euro (Medien zahlen meist beträchtlich weniger.) Sind die Ergebnisse das viele Geld wert?

"Das ist ein großes Missverständnis. Meinungsforschung ist keine Naturwissenschaft, wir können nicht exakt messen. Aber wir können unsere Kunden davor bewahren, mit viel Geld die falsche Zielgruppe mit den falschen Themen über die falschen Kanäle anzusprechen. Und darum geht es", sagt Peter Hajek. Er ist einer der bekanntesten österreichischen Demoskopen, zu seinen Auftraggebern gehören Zeitungen, Magazine und Fernsehsender. Seit Wochen tingelt er mit einer PowerPoint-Präsentation durch Redaktionen und will aufklären, was Meinungsforschung kann – und was nicht.

Hajek sitzt in seinem Büro nahe der Wiener Hofburg und spult seinen Vortrag ab, mit fester, kameratauglicher Stimme. Er zeigt die Rohdaten der Erhebungen und erklärt, wie er anhand der sogenannten Rückerinnerungsfrage – "Welche Partei haben Sie bei der letzten Nationalratswahl gewählt?" – die Zahlen gewichtet und hochrechnet. "Wobei ich lieber von einer Hochschätzung spreche", ergänzt er.

Politische Sportreporter haben es schwer: Die Umfragewerte verändern sich kaum

Umfragen sind Momentaufnahmen. Sie geben ein Stimmungsbild zu einem bestimmten Zeitpunkt wieder. Früher nannte man sie Prognosen, davon spricht längst niemand mehr. Die Transparenz ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Die Unternehmen haben nachgerüstet. Der Verband der Markt- und Meinungsforschungsinstitute Österreichs publizierte diesen Jänner eine Richtlinie für die Erstellung und Veröffentlichung von Ergebnissen der Wahlforschung . Darin werden zulässige Methoden der Erhebung aufgelistet und Medien wie Institute dazu angehalten, mindestens 800 Wähler zu befragen. "Was die Journalisten dann daraus machen, ist eine andere Sache", sagt Hajek und lacht.

Tatsächlich sind es bittere Zeiten für politische Sportreporter. Seit Juli tut sich in den Umfragen wenig: Die ÖVP liegt vorn, Platz zwei ist umkämpft, und zwischen Grünen, Neos und Liste Pilz gibt es keinen wirklich messbaren Unterschied.