Das erste Opfer der Videobeweisführung in der Bundesliga ist ein Schiedsrichter aus Hamburg-Mümmelmannsberg, der sich mitten im Spiel nicht mehr an seinen eigenen Pfiff erinnert – zumindest nicht an den Zeitpunkt. Und zwar nur Sekunden danach. Es geht dabei nicht nur um das Gehör, er muss ja auch aktiv geblasen haben, irgendwann. Der Polizeibeamte Patrick Ittrich weiß es nicht mehr und gibt einen Wahrnehmungsirrtum zu Protokoll.

Sobald die Akteure den auf dem Platz waltenden Schiedsrichter nicht mehr als Autorität akzeptieren, wäre das Experiment mit der Videohilfe gescheitert. Die Bundesliga ist kurz davor. Die Spielleiter auf dem Rasen sollen die Souveräne bleiben, die Einflüsterungen aus der Kontrollzentrale in Köln nur eine Assistenz sein, aber nun hat das Überwachungssystem die Referees völlig verwirrt. Ittrich hat beim Spiel Dortmund gegen Köln ein Foulspiel des späteren Schützen Sokratis gesehen, gepfiffen, sich dann vom Videoassistenten belehren lassen. Daraufhin hat er Sokratis’ Treffer als Tor für den BVB gewertet, obwohl der Ball die Torlinie erst querte, nachdem Ittrich mit seinem Pfiff die Partie unterbrochen hatte. Es handelt sich also um ein Tor, das außerhalb des Spiels fiel. Es zu werten ist ein Regelverstoß.

Ittrich durfte seinen Pfiff nicht zurücknehmen. Der Versuch, den Verstoß im Spielbericht zur Sinnestäuschung über die eigenen Flötentöne umzuschreiben, wirkt unglaubwürdig. Aber er hat wohl dazu geführt, dass der 1. FC Köln von einem Protest wegen mangelnder Erfolgsaussichten absah. Was man nachträglich wie eine Tatsachenentscheidung aussehen lässt, bleibt schließlich unantastbar. Entscheidungen über Tatsachen sind endgültig, selbst wenn sie falsch sind. Im Gegensatz zum Regelbruch.

Aber alle erfolgreichen Bemühungen, Köln den Einspruch auszureden, zeigen nur die Verunsicherung in dieser Testphase des Fußball-Videozeitalters. Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke sah in der Protestabsicht der mit 0 : 5 deutlich unterlegenen Kölner eine "Attitüde des schlechten Verlierers". Mit dieser Logik könnte man auch für Wohlhabende mildere Strafen fordern, weil sie ohne ihren begangenen Diebstahl ja dennoch reich gewesen wären.

Die Regelhüter der Fifa winkten mit der seltsamen Vorschrift, wonach eine Fehlentscheidung des Videoassistenten keine Spielwiederholung begründen darf. Aber nach den Prinzipien für die Videoassistenz trifft die Entscheidungen ja gerade weiterhin der Schiedsrichter auf dem Platz. Er soll die letzte Instanz sein. Ittrich hat selbst zu bestimmen, ob er Ratschläge aus der Kölner Zentrale befolgt.

Der Videobeweis sollte die Schiedsrichter schützen. Nun hat er sie aus dem Tritt gebracht. Offensichtlich aus Sorge, vorgeführt zu werden, rufen sie bei jeder Gelegenheit den Großen Bruder um Hilfe, bevor sie selbst urteilen. Die Ungeduld einer krakeelenden Talkshow-Öffentlichkeit ist da auch keine Hilfe. Auf all diese Störungen im Betriebsablauf war die Bundesliga offenbar vorbereitet wie die Bahn auf den jährlichen Wintereinbruch. Erst versagte die Technik, dann funktionierte die Kommunikation zwischen den Instanzen nicht, jetzt scheinen die Kompetenzen nicht abgegrenzt zu sein. Der Videobeweis braucht eine Pause.