Wer wählt, muss sich entscheiden, spätestens am Sonntag. Aber für wen und für was? Die Ratlosigkeit vieler Wähler ist groß, die Spannung auch. Die Siegerin scheint festzustehen, alle anderen Fragen sind offen. Dieses Mal treten 42 Parteien an, sieben von ihnen werden im Bundestag erwartet, so viele wie noch nie. Wählen ist kompliziert geworden, wobei – ein Handy zu programmieren ist noch komplizierter. Daher diese Gebrauchsanweisung.

Wer nicht will, dass Angela Merkel Bundeskanzlerin bleibt ...

... hat es vergleichsweise schwer. SPD, FDP und Grüne sind mögliche Merkel-Partner und damit Kanzlerinnen-Macher. Wer ganz sicher sein will, dass seine Stimme am Ende nicht doch für Merkel zählt, muss deshalb entweder die Linke oder die AfD oder eine der anderen 35 Parteien wählen, die sich bewerben. Aber selbst wer sich für die Partei der Vernunft (PDV) entscheidet, wird Merkel voraussichtlich nicht verhindern.

Wer will, dass Angela Merkel Bundeskanzlerin bleibt ...

... muss Merkel wählen, also CDU oder CSU. Klingt einfach, der Haken ist nur: Wer SPD, Linke, Grüne, FDP oder sogar AfD wählt, kann auch ziemlich sicher sein, dass die nächste Bundeskanzlerin Angela Merkel heißen wird. Für die Union ist das eine komfortable, aber nicht ungefährliche Ausgangssituation. Jedenfalls fehlt ihr ein wichtiges Argument, mit dem sie in einem engen Schlussspurt mobilisieren könnte: "Merkel muss Kanzlerin bleiben." Offen ist hingegen, welche Merkel künftig regieren wird. Wer sich die Kanzlerin etwas klima- und flüchtlingsfreundlicher wünscht, muss für die Grünen stimmen und hoffen, dass es für Schwarz-Grün reicht. Eine digitalere und tendenziell unberechenbarere Kanzlerin bekäme man mit der FDP; vollkommen berechenbar hingegen wäre die großkoalitionäre Weiter-so-Merkel (SPD wählen). Aber Achtung, keine dieser Optionen ist ohne Risiko! Und jede Stimme für Merkel könnte am Ende auch eine Stimme für ihren Nachfolger sein, falls sie doch nicht vier Jahre im Amt bleibt. Merkel wählen und damit Jens Spahn befördern – selbst das ist möglich.

Wer will, dass Martin Schulz Bundeskanzler wird ...

... muss die SPD wählen. Und darauf hoffen, dass die Wahlforscher am Sonntag ihr Waterloo erleben.

Wer eine Fortsetzung der großen Koalition will ...

... muss die SPD wählen und hoffen, dass es ihm möglichst viele Wähler gleichtun. Denn nur wenn Martin Schulz nicht schlechter abschneidet als Frank-Walter Steinmeier vor acht Jahren (23 Prozent), ist eine große Koalition überhaupt realistisch. Je schwächer die SPD wird, desto schwieriger wird es für ihren Vorsitzenden – vielleicht ist es dann auch schon eine Vorsitzende –, die eigenen Mitglieder von der Sinnhaftigkeit einer erneuten Regierungsbeteiligung zu überzeugen.

Wer eine Fortsetzung der großen Koalition verhindern will ...

... muss Grüne oder FDP wählen. Beide stünden bereit, mit der Union zu regieren und die SPD als Koalitionspartner abzulösen. Wer für CDU, CSU oder SPD stimmt, nimmt eine Fortsetzung der großen Koalition zumindest in Kauf.

Wer Mitleid mit der SPD hat ...

... kann natürlich SPD wählen, riskiert aber die Fortsetzung der großen Koalition, falls zu viele Wähler Mitleid mit der SPD haben. Käme es so, wäre das Mitleid in vier Jahren möglicherweise noch größer.

Wer Schwarz-Gelb will ...

... muss die FDP wählen und möglichst viele Freunde überreden, ebenfalls für die FDP zu stimmen. Sonst könnte er mit Jamaika aufwachen.

Wer Schwarz-Grün will ...

... muss für die Grünen stimmen und möglichst viele Freunde überreden, ebenfalls für die Grünen zu stimmen. Sonst könnte er mit Jamaika aufwachen. Es gibt keine Entscheidung ohne Risiko, und besonders groß ist das Risiko diesmal für Grünen- und FDP-Wähler.

Wer Jamaika verhindern will ...

... darf alles wählen, nur nicht Grüne oder FDP. Auch bei einer Stimme für die Union bleibt ein Restrisiko.

Wer eine starke Opposition will ...

... muss sich dieses Mal keine Sorgen machen. Die Opposition im neuen Bundestag wird zahlreich und laut sein. Wahrscheinlich werden dort sechs statt bislang vier Fraktionen vertreten sein, mindestens drei von ihnen werden nicht regieren. Linke und AfD stehen als Oppositionsparteien fest; die neue Regierung wird also von links wie von rechts attackiert werden.

Wer die AfD schwächen will ...

... darf auf keinen Fall zu Hause bleiben. Die überzeugten AfD-Anhänger gehen nämlich mit Sicherheit zur Wahl. Jeder Nichtwähler erhöht daher die Chancen der AfD auf ein gutes oder sogar sehr gutes Ergebnis.

Wer weniger Flüchtlinge in Deutschland haben will ...

... muss deshalb nicht zwingend AfD wählen. Auch CDU, CSU, SPD und FDP wollen die Grenzen dichter ziehen.

Wem das alles zu kompliziert ist ...

... der kann natürlich einfach seinen Überzeugungen folgen. Vorausgesetzt, er ist sich ihrer sicher.