Die Linke, da waren sich Karl Marx und Friedrich Engels ganz sicher, hat eine große Zukunft, denn der Kapitalismus lässt keinen Stein auf dem anderen: "Die Bourgeoisie sorgt für die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, für ewige Unsicherheit. Alle festen eingerosteten Verhältnisse werden aufgelöst, alle neu gebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. An die Stelle der alten lokalen und nationalen Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen untereinander."

Weltweiter Kapitalismus: Das bedeutete für Marx und Engels eine permanente Umwälzung aller Verhältnisse, es bedeutete Unruhe, Ungewissheit und "gründliche Ausbeutung". Aber nicht mehr lange. Die destruktive Dynamik des Kapitalismus erzeugt Widerstand und produziert die Totengräber der Bourgeoisie: Die proletarische Revolution ist unvermeidlich.

Es ist, als würden Marx und Engels in ihrem Kommunistischen Manifest schon 1848 jene krisenhafte Weltgesellschaft beschreiben, die erst heute Wirklichkeit geworden ist. Ihre Analyse war grandios, alles andere Wunschdenken. Denn die Antwort auf globale Bedrohungen, auf Unruhe und Ungewissheit, kommt heute nicht mehr von links, sie kommt von rechts. Überall florieren autoritäre Politikmodelle, es gibt einen internationalen Rechtsruck, dessen Schocks die alten Parteien-Pole abgeschmolzen oder für immer verändert haben. Bis zum Fall der Mauer war die Welt in ein totalitäres und ein liberales System gespalten; nun ziehen sich die Spaltlinien durch die liberalen Gesellschaften selbst. Mit dem Einzug der AfD in den Bundestag hat die Konterrevolution die Weltwohlstandsnische Deutschland erreicht. Spät, dafür umso heftiger.

Die Statik der deutschen Kultur als rettender Fels in den Stürmen der Globalisierung

Vieles kann man den Neuen Rechten vorwerfen, nicht aber mangelnde Aufrichtigkeit. Sie haben ihr Programm auf den Tisch gelegt und versprechen, sich streng daran zu halten: Die rechte Internationale will die liberale Demokratie von innen aufsprengen und durch ein autoritäres Präsidialsystem ersetzen; ihre Vorbilder sind Ungarn oder Polen, ihr Führer im Osten heißt Wladimir Putin. Auch über die Methode, wie dieses Ziel zu erreichen sei, lässt die Rechte niemanden im Unklaren. Das Stichwort lautet "Entfesselung von Zornenergie", und es meint nichts anderes als die kalkulierte Entsicherung von Hass, die Erzeugung von Wut, die Hetze gegen Muslime, Ausländer, Funktionseliten, Systemparteien, Genderforscher, "Lügenjournalisten", linke Katholiken, linke Protestanten. Die Rechten wildern im Reich der niederen Dämonen. Sie präparieren ihre rassistischen Köder, und die Fremdenhasser, die in der tief verachteten "Konsensdemokratie" zum Glück den Mund hielten, schnappen dankbar zu. Auch der Faschismus ist kein Tabu. In Deutschland verhalten sich Teile der AfD "affirmativ zum Nationalsozialismus. Was damals der Antisemitismus war, ist heute die Islamophobie" (Micha Brumlik).

Warum kommt der Protest, von Spanien, Griechenland und Portugal einmal abgesehen, überwiegend von rechts? Ist die zahnlos gewordene, postmodern aufgeweichte Linke schuld, die Marx’ Klassenfrage voreilig im Antiquariat entsorgt hat? Eine Linke, die sich großartig findet, wenn sie schöne Gedichte über schöne Frauen von Uni-Wänden kratzt und wie ein Patientenkollektiv im gedämpften Licht von safe spaces die Liste ihrer angesammelten Kränkungen runterbetet?

Es stimmt schon: Viele Linke fanden Verteilungsfragen langweilig; sie reduzierten Gerechtigkeitsfragen auf die – überfällige – Anerkennung von Minderheiten oder die Absonderung von Triggerwarnungen im Stundentakt. Doch hinter dieser Schuldzuweisung an die Linke steckt die trügerische Annahme, man könne allein mit sozialpolitischer Intensivpflege oder besser dosierter Umverteilung die Wählerschaft der AfD klein und die Partei auf Gartenzwergformat halten.

Doch die AfD, das weiß man inzwischen, zieht nicht nur Wähler aus den "Verbitterungsmilieus" (Heinz Bude) an; sie ist nicht nur das Sammelbecken der Abgehängten und des von der SPD erfundenen Dienstleistungsproletariats, also der Leiharbeiter, Niedriglöhner, Minijobber, Ich-AGs und Transferleistungsbezieher. Was die Forscher irritiert, ist der Umstand, dass sich auch Wähler aus der Mittelschicht zur AfD hingezogen fühlen, vor allem Menschen, die mit "großem Pessimismus" in die Zukunft schauen oder eine baldige Verschlechterung ihrer Lage erwarten. Seltsamerweise verspricht die AfD diesen "Leistungsträgern" keine Statussicherung; sie tadelt auch nicht den Wirtschaftsliberalismus, ganz im Gegenteil, sie küsst ihm sogar die Füße. Vielmehr verspricht ihnen die AfD etwas, was sonst keine Partei im Angebot hat: nicht eine andere Gesellschaft, sondern ein neues Leben. Denn wie alle Rechten interessiert sie sich nicht für die soziale Lage: Sie interessiert sich für die Bewusstseinslage.

Die Gelegenheit ist günstig. Tatsächlich gibt es eine seltsame Leerstelle im kollektiven Bewusstsein, es gibt ein Vakuum in der kulturellen Vorstellungskraft: Es fehlt die soziale Fantasie, sich die Zukunft vorzustellen, jedenfalls erscheint sie nicht als leuchtendes Versprechen, sondern als unklare Bedrohung und Steigerung von Unsicherheit, als ruhelose Entgrenzung aller Verhältnisse, als Auflösung und Verflüssigung. Und dort, wo man ihn noch finden kann, ist der Fortschrittsbegriff zu Recht kleinlaut geworden, denn angesichts der Erderwärmung bestünde der Fortschritt schon darin, das Schlimmste zu verhindern.