Der bittere Erfolg der AfD hat einen ziemlich toten Hund geweckt. Der trug in der Vergangenheit verschiedene Namen – Leitkultur, deutsche Identität, Patriotismus –, aber es war immer derselbe Hund.

Alle bisherigen Debatten darüber hatten etwas Bemühtes, meist blieben sie schon an der Frage hängen, ob man jenseits abstrakter Grundgesetz-Gläubigkeit überhaupt Patriot sein dürfe und ob der Begriff Leitkultur nicht unbesehen abzulehnen sei. Doch fiel auch Leitkultur-Befürwortern jenseits von GG, Wurst und Goethe wenig ein. Man ließ die Sache im Vagen, konnte es auch, weil der mutmaßliche Gegner nicht so stark war – etwa der Islam. Springer-Chef Döpfner hat noch letzte Woche pompös vor einer "Unterwerfung" unter den Islamismus gewarnt – aber wer glaubt das schon? Islamisten stellen eine sicherheitspolitische Gefahr dar – aber keine hegemoniale Bedrohung; sie sitzen in keinen relevanten Redaktionen, auf keinen Lehrstühlen, nicht im Bundestag. Das war die leichtere Schlacht.

Seit Sonntag sieht die Bedrohungslage anders aus; da hat es eine Gruppe in den Bundestag geschafft, die bereits zahlreiche Freunde in der Bundeswehr, an Schulen und Hochschulen hat und die den bisherigen Grundkonsens des Landes ablehnt. Die AfD ist der erste relevante Gegner der oft behaupteten, aber kaum je definierten deutschen Leitkultur.

Es wird kaum ausreichen, den Nationalstaat als etwas Gefährliches darzustellen

"Wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen!", rief Alexander Gauland. Der Satz stellt mit jedem Wort eine Anmaßung dar: Wir! Unser! Zurück! So als könne er für Deutschland sprechen. So als gehöre ihm in einer unbekannten Eigentlichkeit das Land. Und so als gebe es in dieser Welt ein Zurück ohne Gewalt.

Man kann versuchen, Gaulands Anspruch, Deutschland eine alternative Leitkultur zu verpassen, mit den üblichen Bannsprüchen abzuwehren – rechtsextrem, Nazi, Ewiggestriger. Aber das funktioniert so nicht mehr. Oder man kann ihn nach Kräften ignorieren, nur droht dann hinterrücks tatsächlich eine schleichende Unterwerfung.

Es besteht jedoch noch eine dritte Möglichkeit: Gaulands innere Widersprüche aufzudecken. Etwa, dass es kein Land auf der Welt gibt, das so wenig von der Rückkehr des Nationalismus profitieren würde wie der Exportweltmeister Deutschland. Heillos ist auch Gaulands Wunsch, so stolz sein zu dürfen wie andere Länder – da sind schon die anderen Länder davor.

Der Widersprüche sind noch mehr, doch kann die eigentliche Aufgabe der 87 Prozent, die eben nicht AfD gewählt haben, nicht in bloßer Widerlegung bestehen. Entscheidend ist nun, ob man Gauland und seinen Freunden das Feld überlassen will oder endlich doch genauer diskutiert, worin der Konsens für ein vergangenheitsbewusstes und zukunftsoffenes Deutschland bestehen könnte. Was für eine Geschichte möchte die Mehrheit künftig erzählen angesichts des Umstandes, dass nun Millionen bereit sind, mit der AfD in ein Schwarz-Weiß-Bild einzutauchen?

Den deutschen Nationalstaat als etwas stets Gefährliches, schleunigst zu Überwindendes darzustellen, wie das nicht nur die Linken lange taten, wird dabei kaum ausreichen. Zumal dann nicht, wenn im gleichen Atemzug auch die Alternative zur Nation, die EU, als dürftig denunziert wird, solange sie noch nicht vollständig "integriert", mithin eine Art Überstaat ist. Das war doch bisher das Angebot: Statt zweier aufgeklärter Patriotismen (ein deutscher, ein europäischer), die sich ergänzen, gab es zwei halbe Bekenntnisse, die einander schwächen. Damit liefert man Gauland die Argumente: Wenn Deutschland stets als defizitäre Nation gedacht wird, dann wird damit das Bedürfnis genährt, diese vergangenheitsbedingten "Defizite" mit Gauland zu relativieren und zu revidieren.

Das könnte ein Ausgangspunkt für einen neuen Patriotismus sein: Deutschland ist das einzige Land auf der Welt, dessen zentrale Geschichte von sich selbst weder von Heldentum noch von Märtyrertum handelt, sondern von Schuld, Buße, Läuterung und von den siebzig Jahren, in denen man zu einem etwas besseren Selbst gelangte. Dies aber ist kein Defizit, sondern ein eigener Ton im Konzert der Völker. In dieser Besonderheit liegt vielleicht sogar der tiefste Grund für die Erfolgsgeschichte, die dieses Land nach 1945 schreiben durfte, so unautoritär, divers, ökologisch und ökonomisch stark, wie es nun geworden ist. So könnte ein zeitgemäßer Patriotismus aussehen – das Gegenteil von Gauland.

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