Exakt 24 Stunden nach Verkündung des historischen Wahldebakels der SPD demonstriert Andrea Nahles, was ein politischer Profi ist. Beim Empfang der Seeheimer, der eher konservativen Sozialdemokraten, steht sie am Montagabend in kleiner Runde im Garten der Parlamentarischen Gesellschaft, gleich gegenüber dem Reichstag, und fasst jeden, der vorbeischlendert, am Arm. "Super Ergebnis", sagt sie dann, "toll gemacht." Oder auch: "Mach dir nichts draus – da war nicht mehr drin." Gesichter erstrahlen, auch die von jenen, bei denen nicht mehr drin war. Für meine Chefin in spe, das sagt das Strahlen, bin ich wichtig.

153 Mitglieder zählt die neue SPD-Fraktion im Bundestag. Nahles soll ihre Vorsitzende werden, für Mittwoch war die Wahl geplant. Am Montagvormittag hat Nahles bei der Sitzung des SPD-Parteivorstands im Willy-Brandt-Haus eine Liste aus ihrer Tasche gekramt, auf den Tisch gepackt und intensiv studiert. Namen und Zahlen. Seitdem weiß sie, welches Erststimmen-Resultat jeder einzelne SPD-Abgeordnete erreicht hat. Sie kennt sie alle.

So macht man das. Wenn man gewählt werden will. Und so macht man das, wenn man schnell bilden muss, was dem eigenen Laden seit Langem fehlt: Mannschaftsgeist.

Nahles und Schulz, Andrea und Martin, die Fraktionsvorsitzende und der Parteichef, sollen nun, so heißt es allerorten, die SPD gemeinsam in eine bessere Zukunft führen. Als "sozialdemokratisches Dream-Team" begrüßt sie der Seeheimer-Sprecher Johannes Kahrs beim Empfang. Er übersieht dabei – und mit ihm viele andere –, dass beim Traumpaar etwas nicht stimmt: Jünger und weiblicher soll die SPD-Spitze werden. Das verkündet Schulz seit Sonntagabend, seit das neue historische Tief bei 20,5 Prozent liegt, mantrahaft. Doch Nahles ist das bereits: jünger und weiblicher – vor allem jünger und weiblicher als er selbst, der Parteichef. Im SPD-Projekt "bessere Zukunft" verkörpert Nahles das, was kommt – und Schulz das, was bald gewesen sein wird.

Eine Fraktionsvorsitzende mit Perspektive und ein Parteichef im Futur 2: Das ist ein Grund, warum der Aufstieg von Nahles an die Spitze der SPD-Parlamentarier nicht den Beginn einer wunderbaren Partnerschaft markiert, sondern nicht weniger als einen Generations-, Geschlechter- und Machtwechsel im Zentrum der deutschen Sozialdemokratie. Er ist aber nicht der einzige.

Im neuen Parlament werden sechs Parteien vertreten sein, von ganz links bis ganz rechts. Aller Voraussicht nach trifft dort eine neue, nie erprobte Regierungskoalition unter Führung der CDU auf eine ziemlich zerklüftete, wortmächtige Opposition mit der SPD an der Spitze. Im alten Parlament traf Übermacht auf kleine Anfrage, beide zusammen erzeugten Langeweile. Die politische Debatte dürfte sich unter der Reichstagskuppel mit lang vermisster Wucht neu entzünden. In den kommenden vier Jahren werden die Wortgefechte zwischen Regierung und Opposition, zwischen der AfD und den fünf anderen dann ähnlich hart, ähnlich gnadenlos und damit ähnlich interessant sein, wie sie zwischen Joschka Fischer und Helmut Kohl einst waren. Die politische Auseinandersetzung kehrte damit vom außerparlamentarischen Raum der Talkshows an ihren eigentlichen Ort zurück – mit der Oppositionsführerin mitten im Zentrum. Andrea Nahles wird der Bundeskanzlerin Angela Merkel antworten – und Martin Schulz wird zuhören.

Der Schulzsche Wahlkampf hatte viele Themen, aber kein Thema. Seiner Kampagne fehlte ein Fokus, ein Zentrum, aus dem heraus sich eine Erzählung hätte entwickeln lassen, warum man im Herbst 2017 unbedingt die SPD wählen müsste. Bei allem Lob für den immensen kämpferischen Einsatz von Schulz – diese Leere im Zentrum werfen ihm nicht wenige Genossen hinter vorgehaltener Hand vor. Und sie zweifeln daran, dass Schulz eine solche Erzählung für die Zukunft entwickeln kann.

Blöd nur, dass die Wähler das tolle Wahlprogramm nicht so toll fanden

Zu Wochenbeginn gab der Parteichef einen ersten Hinweis für den künftigen Kurs: Die SPD müsse die Alltagsprobleme der Menschen wieder besser erkennen, den Respekt vor den unterschiedlichen Lebensleistungen überzeugender ausstrahlen, mit denen wieder in Kontakt treten, die mit der liberalen, pluralen, kosmopolitischen Gesellschaft nicht mitkämen. Das ist zwar alles nicht falsch, man hat es aber schon nach den Wahlpleiten 2009 und 2013 von den damaligen Wahlverlierern Steinmeier und Steinbrück gehört. Und am Ende landete Schulz wieder bei Bildung, Rente, Sicherheit am Arbeitsplatz und erklärte "unser tolles Wahlprogramm" als Basis der Neuausrichtung. Dumm nur, dass die Wähler das tolle Wahlprogramm nicht so toll fanden.