Rückschläge ist Karl Immervoll gewohnt, das Antwortschreiben des Kulturministers war daher keine allzu große Enttäuschung. Thomas Drozda bedankte sich in einem Brief für Immervolls Initiative, versicherte großes Interesse an dessen Projekten mit Langzeitarbeitslosen. Leider könne sein Ministerium aber nichts für ihn tun. "Mit solchen Nachrichten kann ich mittlerweile mein Wohnzimmer tapezieren", sagt Immervoll, und das ist nicht übertrieben.

Seit 40 Jahren kümmert sich der Theologe, Musiker und Schumacher um die Schwächsten in der Gesellschaft. "Betriebsseelsorger des Oberen Waldviertels" lautet seine Berufsbezeichnung. Was das genau ist? "Es gibt keine eindeutige Definition, grundsätzlich geht es darum, mitzuhelfen, die Arbeitswelt ein bisschen gerechter und menschenwürdiger zu machen", sagt Immervoll. Dafür hat ihn die Diözese St. Pölten 20 Wochenstunden angestellt. Der reale Arbeitsaufwand ist wohl doppelt so groß, das Gehalt nicht gerade fürstlich.

Drei Tage die Woche ist Immervoll mit dem Fahrrad oder in seinem klapprigen Suzuki Vitara unterwegs. Mal besucht er Betriebe und versucht bei Konflikten zu vermitteln. Meistens trifft er sich mit Langzeitarbeitslosen in der Region, um ihnen Mut zu machen und gemeinsam Zukunftspläne zu schmieden. An anderen Tagen muss Immervoll dann Förderansuchen einreichen. Oder er nervt Politiker und Behörden, bis die einknicken und der Finanzierung eines Projektes zustimmen.

Warum tut sich ein 62-jähriger Kirchenmusiker, der zweimal die Woche in einer Musikschule unterrichtet, der eine Ehefrau und drei berufstätige Kinder hat und in einem kleinen Eigenheim am Stadtrand von Heidenreichstein wohnt, so etwas an? "Weil ich nicht anders kann", sagt Immervoll mit sonorer Stimme und zitiert die Berufungsgeschichte des Propheten Ezechiel: "Für mich ist der Satz 'Steh auf Menschensohn, ich will mit dir reden' der vielleicht wichtigste in der Bibel. Es geht mir immer darum, anderen dabei zu helfen aufzustehen, damit sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen."

In Immervolls Umfeld gibt es viele, die Hilfe benötigen. Heidenreichstein ist eine 4.000-Seelen-Gemeinde im Nirgendwo des nordöstlichen Waldviertels. Es gibt wenig Arbeit und viel Frust. Die zahlreichen Textilbetriebe von einst haben fast alle zugesperrt. Die Jungen ziehen weg, die Älteren bleiben zurück. Auch Karl Immervolls Kinder leben in Wien und St. Pölten. "Ich kann es niemandem verübeln, der von hier weggeht", sagt er.

In der Arche, einem Zentrum für Soziale Entwicklungshilfe, sitzen an diesem Freitag elf Langzeitarbeitslose um einen Tisch, der Jüngste ist Anfang 20, der älteste 60 Jahre alt. Jetzt ist ein Mann namens Johann an der Reihe. Weil er im Dienst zu viel trank, wurde der 48-jährige Baggerfahrer entlassen. Den Alkohol hat er heute im Griff, Arbeit findet er keine, weil Johann gar keinen Führerschein hat. Die Prüfung nachholen? "Geht nicht, ich habe Probleme mit dem Computer", sagt Johann. Soll heißen: Er kann weder lesen noch schreiben.

Karl Immervoll, der die Treffen ins Leben gerufen hat, reibt sich den borstigen grauen Bart und kritzelt in seinem Notizblock. Dann sagt er: "Okay, wir besorgen dir eine Lernhilfe, damit du den Theorieteil schaffst." Wie das funktionieren soll? Wahrscheinlich wird Immervoll den Bürgermeister anrufen. Oder die Geschäftsstelle des AMS Niederösterreich. Oder im Bund.

Aufgeben wird Immervoll nicht so schnell. "Ich kann nie und nimmer Ruhe geben, wenn ich die Möglichkeit sehe, dass sich etwas zum Besseren wenden kann", sagt er. Ich habe schon so viele Absagen und Niederlagen erlebt, aber wenn ich kleine Erfolge erlebe, dann weiß ich wieder, dass es sich lohnt zu kämpfen."

Wahrscheinlich hätte Karl Immervoll einen guten Priester abgegeben. Als Sohn eines sozialdemokratischen Textilunternehmers war er als Kind selten in der Kirche. Zum Glauben fand er über die Musik. Die Eltern schickten das Kind zum Orgelunterricht. Immervoll lernte schnell und spielte bald fehlerfrei Bach-Fugen. Der örtliche Priester engagierte den jungen Karl daraufhin als Organisten für Sonntagsmessen.

Nach der Matura wollte Immervoll Theologie studieren. Das schmeckte dem Vater gar nicht, als Kompromiss immatrikulierte er sich halbherzig in Mathematik und technischer Astronomie. Mit Anfang 20 stieg er bei der Katholischen Jugend in Wien ein. Mehr und mehr suchte er Kontakt zu Jugendlichen in seiner Heimatgemeinde und besuchte die Lehrlinge in Textilunternehmen. Es war der Beginn seiner Laufbahn als Betriebsseelsorger.