Ein paar Tage vor der Wahl spießt sich Martin Patzelt gerade ein Stück Senfgurke auf die Gabel, als die Amerikaner anrufen. CDU-Mann Patzelt springt vom Frühstückstisch auf. Jetzt fragt also schon die Washington Post nach! Wie er, Patzelt, Alexander Gauland bezwingen wolle, den Spitzenkandidaten der AfD, der sich in Frankfurt (Oder) um ein Direktmandat beworben hat. In der Heimat des 70-jährigen Bundestagsabgeordneten Martin Patzelt.

Es wäre nicht verwunderlich, wenn die Amerikaner jetzt, nach dem Wahlsonntag, wieder anriefen. Um zu fragen, wie er das denn gemacht habe. Denn Patzelt hat gewonnen. Er hat geschafft, was seinem Parteifreund Klaus Brähmig in der Sächsischen Schweiz gegen Frauke Petry nicht gelungen ist: in einem ostdeutschen Wahlkreis gegen eine prominente AfD-Figur zu bestehen.

Um zu verstehen, wie Patzelt gegen Gauland triumphierte, muss man am besten von einer Radtour erzählen, einer Radtour gegen die AfD: durch Patzelts Wahlkreis, in den neun Tagen vor der Wahl. Unter dem Motto, kein Scherz, "Auf der Suche nach Muttis verlorenen Kindern" machte sich Patzelt auf, um seine Bürger zu treffen. Sie zu fragen: Was werden Sie wählen? Und wenn AfD, warum?

Patzelt hat ja Verständnis für diese Wähler. "Die Menschen fühlten sich hier nach der Wende allein gelassen. Für manche ist AfD wählen oder mit Trillerpfeifen gegen Merkel protestieren die letzte Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen", sagt er.

Es ist der vorletzte Tag seiner Tour, drei Tage vor der Wahl, Patzelt radelt von Bomsdorf nach Reudnitz, die ZEIT radelt hinterher. "Es ist so schön hier, nur die Menschen fehlen!", ruft er. Es begleiten ihn ein paar Freunde, ein Holländer, ein Ukrainer, seine Frau und gelegentlich Lokalpolitiker aus den Städten, die er auf der 400 Kilometer langen Tour durchquert. Alle paar Dörfer will er haltmachen, die Häuser abklingeln und sich vorstellen. "Ich will den Menschen das Gefühl geben, gehört zu werden", sagt Patzelt, das sei wiederum für ihn die letzte Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen.

In Groß Muckrow fährt Patzelt links ran. Ein paar Hundert Menschen leben hier, in schönen Häusern mit gepflegten Vorgärten. Trotzdem wählen hier viele AfD. Warum? "Ein Grund ist, dass der direkte Austausch verloren gegangen ist", sagt Patzelt.

"Und gegen diesen Schmerz hilft der schönste Hof, die schönste Fassade nicht." Er zeigt auf die Hauseingänge, dort hätten die Menschen früher beieinandergesessen, abends ein Bier getrunken. In den Hausgemeinschaften der DDR, sagt Patzelt, gab es eine Lebenskultur. Ärzte, Künstler, Arbeiter saßen gemeinsam im Garten oder gingen ins Theater. "Man hat sich gemischt, allerdings: durch Staatsgewalt veranlasst." Mit dem Ende der Staatsgewalt ging dann auch das Miteinander verloren, unwiederbringlich.

Die Region um Frankfurt (Oder) ist Patzelts Wohnzimmer. Er ist hier geboren, acht Jahre lang war er Oberbürgermeister der Stadt. Ein paar Autostunden entfernt leitete er zu DDR-Zeiten ein Kinderheim, 20 Jahre lang. Patzelt ist mit 66 in den Bundestag eingezogen. Das war vor vier Jahren, da verwies er aus dem Stand die hier traditionell starke SPD und die Linke auf die Ränge. Er wirkt in diesen Tagen vor der Wahl nicht wie einer, der unbedingt ein Mandat abstauben will. Eher wie einer, der nichts mehr zu verlieren hat. "Eigentlich", sagt Patzelt sogar, "wollte ich ja gar nicht mehr. Aber wenn die Leute mich wollen?" Dann müsse er eben noch mal ran. Nur deshalb stellt Patzelt sich zur Wahl. Weil er jemand ist, der Verantwortung übernimmt.

Wie Patzelt um seinen verloren geglaubten Osten kämpft, sieht man, wenn man mit ihm unterwegs ist. Denn er radelt nicht etwa vor Gauland weg, er radelt mitten in seinen Wahlkreis hinein. Barow, Lindow oder Groß Muckrow. Lauter geschrumpfte, verlassene Orte, selten mit mehr als hundert Einwohnern. Orte, in denen Patzelt aber sehr viel Positives sieht. Muckt ihn eine Frau am Gartenzaun an, dass sie schon immer Linke wähle und sich das auch nicht ändern werde, singt Patzelt: "Herrlich, eine Demokratin!" Ein verlebter Mann lehnt im Türrahmen und erzählt Patzelt, dass die Dinge "angefangen haben, verrückt zu spielen", und Patzelt lächelt ihn an: "Sie treffen die Sache auf den Punkt!" Im grauen Hinterhof eines unverputzten Hauses fliegen lose Spachtel und leere Mörteleimer herum – Patzelt freut sich: "Hier ist Aufbruch!" Er sieht das Gute im Menschen, das merken die Wähler, die ihm begegnen. So sammelte er sie ein, so schlug er die AfD.

Denn wenn etwas Patzelts Wahlsieg erklärt, ist es diese Zugewandtheit. Hunderte Bürger spricht er auf seiner Tour an. Wer diffus wütend ist, dem erwidert er mit konkreten Fakten. Manchmal überzeugt er die Leute, manchmal nicht. Später sagt er: "Dass der Westen den Osten mit viel Geld wieder aufgebaut hat, das war nicht unbedingt nur gut, das hat auch große Minderwertigkeitskomplexe hervorgerufen."

Wegen Gauland ist Patzelt zum gefragten Ost-Erklärer geworden. Journalisten von Arte, Stern TV und RBB, dem Focus und der Huffington Post, der FAZ und der Welt fragten bei ihm nach, den ganzen Wahlkampf über. Patzelt musste dann immer erklären, wie viel Hoffnung die Menschen aus seinem Wahlkreis in die AfD setzen. Eine Protestpartei, die nicht den Makel der Vergangenheit mitschleppt, wie die Linken. Sondern eine Partei, die sagt: Wir geben euch zurück, was euch zusteht, also eure Identität, Ehrlichkeit in der Politik, die Würde eurer Großväter. Aber ist das so? "Das steht ja alles groß auf den Wahlplakaten", sagt Patzelt. Die Leute würden es oft glauben.

Dann der Wahlsonntag. Patzelt fährt – mit dem Auto jetzt – zwischen zwei Städten seines Wahlkreises hin und her: Hier die legere Cocktailbar mit Freunden, dort die Hotellobby, ausstaffiert mit vielen CDU- und auch Deutschland-Fähnchen. Und überall gehen die Blicke auf die Handys: Wer macht es, Gauland oder Patzelt? Lange liegen beide Kopf an Kopf, irgendwann zieht Patzelt davon. Und als es sich abzeichnet, dass er im Bundestag bleibt, "noch mal ranmuss", wie er es sagt – dass er 27 Prozent geholt hat, fünf Prozentpunkte mehr als Gauland –, da tritt er vor und redet erst mal über den Gegner: die AfD. Er nennt sie eine Wunde, die nun offenliege und geheilt werden könne. "Endlich haben wir die AfD im Bundestag!", ruft Patzelt. "Endlich kommt sie raus aus ihren düsteren Nischen, den Parolen. Wir werden sie nicht jagen – wir werden sie entzaubern."