Tito Tettamanti ist Financier. Er lebt im Tessin. © Andreas Meier/Reuters

Nach langen 18 Jahren haben wir Tessiner wieder einen Bundesrat. Ich freue mich sehr. Endlich sind wir italienischsprachigen Schweizer wieder in der Regierung vertreten.

Viel haben Politiker und Journalisten den Sommer über diskutiert und geschrieben, wer sich eignen würde, um Nachfolgerin oder Nachfolger von Didier Burkhalter zu werden. Es ging um die Qualifikation, um Auftrittskompetenz, um das Geschlecht und die Vertretung der verschiedenen Minderheiten in der Landesregierung. Die Kandidaten präsentierten sich in einer Roadshow in der ganzen Schweiz, sie gaben unzählige Interviews, priesen sich und ihre Fähigkeiten und beantworteten in Hearings die Fragen der verschiedenen Parlamentsfraktionen.

Es ist natürlich schwierig, im Voraus zu beurteilen, ob jemand ein guter Bundesrat wird. Trotzdem versuchen die Parlamentarier, den Besten zu finden. Denn es wäre ja eigenartig, wenn sie bewusst einen Unfähigen wählen würden. Gleichzeitig passiert es auch selten, dass ein großer Könner im Bundesrat landet. Ein intellektuell überdotierter wie CVP-Mann Kurt Furgler oder ein außerordentliches Naturtalent wie der Sozialdemokrat Willi Ritschard – sie sind hierzulande rare Glücksfälle.

Die ausgewogene Präsenz beider Geschlechter ist heute die Regel. Manchmal werden die Männer in der Mehrheit sein und manchmal die Frauen; dazu braucht es keine doofen Quoten, wie sie nun einige Politikerinnen fordern. Die Zusammensetzung des Bundesrates soll so weit wie möglich die Schweiz widerspiegeln. Wichtig ist aber, dass das System flexibel bleibt, denn regionale und kantonale Ansprüche oder der Mangel an guten Kandidatinnen können das Gleichgewicht vorübergehend stören.

Klar ist: Den Zusammenhalt über die Jahrhunderte haben wir in unserem Land jedoch nicht der persönlichen Qualifikation von Bundesräten zu verdanken – und auch nicht ihrem Geschlecht. Es war der Föderalismus, der ein vernünftiges, friedliches Zusammenleben der Minderheiten möglich machte. Und genau deshalb sollen im Bundesrat alle Landesteile gleichmäßig vertreten sein.

Was passiert, wenn dies nicht der Fall ist, konnte man in den vergangenen Jahren im Tessin sehen. Wir drücken unser Unbehagen oft an der Urne aus, dort protestieren wir gegen die da oben in Bern. Auch hatten wir stets das Gefühl, dass unsere Probleme unterschätzt werden. Seit Jahren warten wir auf die Unterschrift unter einen Staatsvertrag zwischen der Schweiz und Italien. Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf versprach, 2015 würde alles unter Dach und Fach sein. Nichts geschah. Johann Schneider-Ammann redet nun von Ende 2017. Ich bezweifle, dass die Italiener ihr Wort halten.

Ja, vielleicht sind wir Tessiner auch etwas empfindlich, kann sein, vielleicht sind wir leicht reizbar. Aber das ist noch lange kein Grund, unsere Probleme einfach zu ignorieren!

Tempi passati. Nun gibt es endlich wieder Hoffnung. Ignazio Cassis ist als Tessiner sensibilisiert für unsere Anliegen. Er ist kein Ideologe und bekannt als pragmatischer und kompromissfähiger Politiker. Er kann die Interessen der Italienischsprechenden mit der nötigen Distanz analysieren und auf eine taktisch geschickte Art im Bundesrat einbringen. Natürlich wird er weder die Regierung noch das Land komplett verändern. Aber er versteht uns – nicht nur sprachlich. Das ist gut für die ganze Schweiz.