Seit Sonntag hat der Ost-West-Unterschied ein neues Symbolbild: Deutschlandkarten mit einem großen blauen Fleck auf der rechten Seite. Er zeigt, was viele im Westen schon vorher vermutet haben – der Osten wählt verstärkt AfD, in Sachsen sogar mehrheitlich. Deshalb, so scheint es, können die Westdeutschen nun ihren Zorn gegen die schwer integrierbaren Nachbarn kaum noch zügeln. Nur gehen blaue Flecken, das weiß jedes Kind, nicht weg, wenn man noch mal draufschlägt.

Wie aber könnte aus diesem Wahlergebnis noch etwas Gutes entstehen? Vielleicht muss man dafür ein paar Sekunden Abstand nehmen von der berechtigten Empörung, die die AfD bei der Mehrheit der Deutschen auslöst. Denn so paradox es klingt: Wenn die Westdeutschen etwas über sich selbst und ihr Land lernen wollen, müssen sie ihren Blick nach Ostdeutschland wenden.

1. Die Wahrnehmungspioniere

Mehr als 70 Jahren lang konnten sich die Menschen im Westen an die Demokratie gewöhnen. Diese Republik ist über Generationen erlernt. Ein Westdeutscher von 50 Jahren kennt nichts anderes, ein 50-Jähriger, der in der DDR aufwuchs, schon. Letzterer weiß, dass nichts für ewig sein muss – und dass das Leben voller Brüche ist.

Viele Leute sind in diesem Land also anders unterwegs, fremder. Wenig ist für sie naturgegeben. Sie blicken empfindlicher auf diese Demokratie. Oft hysterischer. Aber ein Hysteriker ist, wenn man ihn kennt und seine Hysterie einzuordnen weiß, auch ein exzellentes Frühwarnsystem. Man könnte die Ostdeutschen deshalb auch als Wahrnehmungspioniere bezeichnen.

Nehmen wir das Gefühl, dass Political Correctness manchmal zu weit gehen kann. Im Westen ist dieses Unbehagen inzwischen ebenso verbreitet wie im Osten, doch dort war es schon ein Thema, als "drüben" noch niemand auch nur einen Gedanken daran verschwendete. Genauso die Debatte zur Einwanderung: In Frankfurt oder München diskutierte man über die Frage, wer ins Land kommen sollte und wer nicht, viel später als in Dresden, Leipzig oder Chemnitz. Vielleicht sogar zu spät, sodass andere den Diskurs an sich reißen konnten.

Natürlich, Hass kann niemals produktiv sein. Skepsis aber schon. Und wenn die vergangenen Jahre etwas gelehrt haben, dann die Einsicht, dass das, was im Osten passiert, den Westen meist nicht verschont. Als die AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt 2016 enorme 24 Prozent holte, schaffte sie in Baden-Württemberg 15. Bei der Bundestagswahl kam sie auch in Bayern, Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland über zehn Prozent.

2. Die Avantgarde des Finsteren

Am Wahlabend hatte Wolfgang Engler etwas Wichtiges vor: ins Theater gehen. In Berlin kam ein Drama der Wut auf die Schaubühne: Rückkehr nach Reims, nach Didier Eribon. Vor der Premiere war Engler, Rektor der Ostberliner Schauspielschule Ernst Busch, mit Eribon verabredet. In seinem internationalen Bestseller beschreibt der Franzose, wie er in der Stadt seiner Kindheit ein verwüstetes Milieu vorfindet, dessen rote Arbeitertradition sich tief eingefärbt hat mit dem braun-blauen Ressentiment des Front National. Warum, fragt Eribon im Buch, haben wir das viel zu spät bemerkt?

Bundeswahlleiter; infratest dimap © ZEIT-GRAFIK

Wolfgang Engler könnte so etwas wie der ostdeutsche Eribon sein. Er hat in den letzten 20 Jahren über die Menschen dort viel nachgedacht, denn die seien anders – das fand Engler schon immer. Wesentliche Ost-West-Unterschiede kommen etwa aus den unterschiedlich erlebten neunziger Jahren. Die Ostdeutschen als Avantgarde heißt Englers prophetisches Buch von 2002. Heute, 15 Jahre später, scheint vieles daraus Wirklichkeit geworden, wenn auch anders als vom Autor erhofft. Vom Osten als der guten Avantgarde hatte Engler sich einiges versprochen. Unberührt von der trägen Selbstgewissheit der Bundesrepublik, transformationsgestählt und wendestolz, hätte die Region eine neue Kraft zum Guten in der Gesellschaft werden können. Es hat sich in der Tat vieles verbessert, doch auch die dunkle Hälfte von Englers Prophezeiung erfüllte sich: Eine Spirale sei da in Gang gesetzt worden, welche die AfD geschickt vorantreibe, "das ist ein Prozess der Ermutigung zur Schamlosigkeit". Vom Osten aus gelenkt.