Der Klimawandel ist real: Seit dem vergangenen Sonntag ist es in Deutschland 12,6 Grad kälter. Für gewöhnlich versuche ich in dieser Zeitung sachlich zu schreiben, heute nicht. Ich bin wütend und ich bin enttäuscht. Jaja, ich weiß, 87,4 Prozent der Wählerinnen und Wähler haben die AfD nicht gewählt. Aber das ist, als sollte ich mich darüber freuen, wenn 87 Prozent der Schüler an der Schule meiner Kinder keine anderen Kinder mobben. Vielen Dank, dass Sie nicht die AfD gewählt haben, liebe 87 Prozent, von Herzen! Ich möchte über die anderen reden. Die 12,6 Prozent.

Mein Vater ist Jordanier, meine Mutter stammt aus Ostpreußen. Ich gehöre also zu einem der "Mischvölker", vor denen der Dresdner Richter Jens Maier warnt, weil sie dazu dienten, die "nationalen Identitäten auszulöschen". Maier wurde am Sonntag zum Bundestagsabgeordneten der AfD gewählt. Ich gehöre auch zu den Menschen aus dem Nahen Osten, von denen Alexander Gauland behauptet, sie seien "unserer kulturellen Tradition völlig fremd". Gauland ist jetzt ebenfalls MdB der AfD. Ich und Millionen andere sollen mit solchen Sätzen zu Fremden gestempelt werden. Und 12,6 Prozent der Wählerinnen und Wähler haben sich entschieden, das zu unterstützen. Das nehme ich ihnen übel.

In vielen Wahlanalysen heißt es: Die meisten AfD-Wähler seien gar nicht rechtsradikal, fremdenfeindlich oder geschichtsvergessen. Sie hätten "nur" aus Protest für die Partei gestimmt. Ich kann mir kaum vorstellen, dass auch nur ein AfD-Wähler die AfD schweren Herzens und trotz ihrer rechtsextremen Lautsprecher gewählt hat. Ich fürchte, die 12,6 Prozent haben das Ausgrenzende, auch das Rechtsradikale, das die AfD im Wahlkampf nicht einmal zu verbergen versucht hat, zumindest billigend in Kauf genommen.

Es geht dabei keineswegs nur um Flüchtlinge und Menschen mit Migrationshintergrund. Die 12,6 Prozent haben eine Partei gewählt, deren Spitzenkandidat noch Anfang September erklärte, er wolle wieder stolz sein dürfen auf die "Leistungen" deutscher Soldaten in beiden Weltkriegen. Ich bin deutsch genug, dass es mir kalt den Nacken herunterläuft, wenn ich das höre. Wenn ich beobachte, wie zentrale Personen dieser Partei versuchen, den Konsens auszuhöhlen, dass deutsche Schuld und Vergangenheit zuallererst Mahnung sein und bleiben müssen.

Welches legitime Anliegen könnten diese 12,6 Prozent also gehabt haben, das es nötig macht, bei dieser Partei ihr Kreuz zu machen? Die Wahlurne ist doch keines dieser Spuck-Becken, wie sie manchmal in Burschenschaftshäusern an der Wand hängen. Es gibt in diesem Land anständige Wege, sich gegen die etablierten Parteien und die Flüchtlingspolitik einzusetzen, auch um über eine angebliche Islamisierung zu klagen. Und um aufzumucken, wenn man sich unberücksichtigt fühlt. AfD zu wählen heißt, Aggressivität und antidemokratische Tendenzen als Kollateralschäden der eigenen Wut zu befördern. Um vernünftige Politik geht es wohl kaum: Gauland sagte am Wahlabend in einer Talkshow, konstruktive Ideen zu entwickeln betrachte er momentan nicht als seine Aufgabe.

Natürlich haben einige Politiker von CDU/CSU und SPD schon angekündigt, die AfD-Wähler so schnell wie möglich zurückgewinnen zu wollen. Das macht mich extrawütend. Wollen sie den 12,6 Prozent entgegenkommen? Politik bedeutet doch nicht, potenziellen Wählern hinterherzulaufen, egal wo die gerade stehen. Sondern: dass man mit einer gewissen Haltung und Weltsicht Ideen entwickelt, Lösungen ausprobiert, vorangeht – und so Wähler überzeugt.

Ich war Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes und der Studienstiftung des Deutschen Volkes (Leistung, Disziplin, Verantwortung: Eat this, Gauland!), ich bin Redakteur der ZEIT, ich habe objektiv wenig Grund, an meiner Anerkennung in diesem Land zu zweifeln. Seit Sonntag gehe ich trotzdem durch die Straße und zähle in Gedanken die Passanten durch: ... sechs, sieben, acht, neun – hat er AfD gewählt? Wäre es ihr lieber, wenn ich hier nicht leben würde?

Wahrscheinlich würden viele AfD-Wähler sagen, ich sei ja nicht gemeint. Es fühlt sich trotzdem so an. Ich bin privilegiert, ich kann mich wehren. Andere, die mitten im Fadenkreuz der AfD stehen, spüren die neue Kälte viel stärker.

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