Marcus Braun? Berliner aus Bullay, dem schönen Städtchen an der Mosel, 1971 geboren. Er gilt als Sprachartist, Neo-Surrealist, Demiurg des Love-Dings, früh stand er unter einer Art Reinkarnationsverdacht. Braun firmierte als neuer Franz Hessel, auch der Name Nabokov fiel, kaum waren kurz hintereinander seine beiden ersten Romane erschienen, Delhi (1999) und Nadiana (2000) – der letzte Titel spielt auf André Breton an. Dann aber kühlte der referenzielle Enthusiasmus merklich aus. Der letzte Buddha, sein fünfter Roman, ist Marcus Brauns erster seit zehn Jahren. Ein minimalistisch-meditativ erzählter Thriller über Tibet, China, Intrigen, den Dalai Lama, den Kultur-Clash. Der Handlungsstrang, im Kern historisch, der Rest sind Imaginationen im Grenzbereich des Plausiblen, gemahnt an einen Stoff von Tom Wolfe. Nur dass Braun, ein Virtuose des Aussparens, der Geschichten eher anreißt, statt sie auszuerzählen, zweihundert Seiten, unterströmt von ironischer Lakonik, benötigt, nicht tausend, so viel, wie Wolfe gebraucht hätte.

In diesem Buch lässt Peking 1995 einen Fünfjährigen, Sohn linientreuer KP-Kader, als "Seelenkind" und elfte Wiedergeburt des Pantschen Lama inthronisieren. Ein Würdenträger von Chinas Gnaden, der zweitwichtigste des tibetischen Buddhismus neben dem Dalai Lama. Dessen Wahl wiederum war auf einen Sechsjährigen gefallen, der von Abgesandten in Lhari aufgespürt wurde und verschwand. Marcus Braun lässt ihn, 20 Jahre später, wieder auftauchen – in San Francisco. Und dann endgültig untergehen.

Der Typ heißt Jonathan Daguerre, Daguerre wie der Fotopionier. Er wirkt wie ein Abziehbild eines amerikanischen Surfertyps, der unter der Obhut der Adoptivfamilie zum therapeutischen Fall missraten ist. Die Nachricht von seiner Auserwähltheit erfüllt ihn mit messianischem Glühen. Eben noch depressiv verstimmter Baywatch- Exeget, plötzlich Heilsbringer Tibets! Während seine offizielle Pantschen-Lama-Konkurrenz gegen China gerichtete Pläne schmiedet, übt er im Verborgenen eines buddhistischen Retreats noch das Lama-Einmaleins. Vergeblich, über Nga bod’pa yin, ich bin Tibeter, kommt er nicht hinaus. Es ist hoffnungslos, das sieht auch der Dalai Lama so, bei Marcus Braun eine sehr weltliche Instanz. Hochmütig sei Jonathan, "wie Obama", unkt Seine Heiligkeit einmal über seinen – eigentlichen – Schützling.

Ob er, Jonathan, wirklich der wahre Pantschen Lama ist? Und wenn ja, auch der richtige? Einige doppelte Böden und ironische Brechungen sind eingezogen in die von real existierendem Personal (Xi Jinping, Richard Gere) bevölkerte Schicksalsparodie, die auf einer gläsernen Hochhausterrasse in Hongkong endet. Braun agiert als Autor allmächtig und als beinahe schwereloser Stilist. Er erzählt in Zeitsprüngen aus Tibet und Kalifornien, aus wechselnden, nie lange durchgehaltenen Perspektiven. Auch ein Journalist, der an der Story dranhängt, gerät in den Fokus. Dazu die im Text eingeklinkten Mantras, Jesaja-Verse, chinesischen Sprichwörter. "Besser wird Literatur nicht", orakelt Schriftstellerkumpel Christoph Peters auf dem Buchcover.

Das ist übertrieben. Aber ein weise lächelnder Wiederanfang ist Der letzte Buddha schon.

Marcus Braun: Der letzte Buddha.
Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag, München 2017; 208 S., 20,– €