Stellen Sie sich folgendes Szenario vor. Es ist dunkel. Vor Mitternacht oder danach. Sie gehen eine menschenleere Straße entlang. Langsam oder schnell. Sie tragen ein Kleid oder eine Jeans oder was auch immer. Sie sind selbstbewusst oder schüchtern oder keines von beidem. Sie sind eine Frau. Das allein zählt.

Aus dem Nichts taucht ein Mann auf. Zufällig ein Krimineller. Und Sie, attraktiv oder nicht, selbstsicher oder introvertiert, im hübschen Rock oder im Kartoffelsack, Sie sind eine unmissverständliche Einladung zum Sex. Jede Frau ist das für einen bestimmten Typ Mann. Folglich überfällt er Sie, vergewaltigt Sie und verschwindet.

Jetzt ergänzen Sie die Geschichte um einen weiteren Aspekt: Sie sind Araberin. Können Sie sich vorstellen, wie schwer Scham, Entsetzen und Verzweiflung auf Ihnen lasten?

Was kommt danach? Im Großen und Ganzen haben Sie vier Möglichkeiten:

A. Sie haben "Glück". Niemand hat mitbekommen, was passiert ist. Somit müssen Sie nur bis an Ihr Lebensende mit dem Trauma zurechtkommen. "Nur". Vielleicht bringen Sie sich um. Aber wenigstens kennt niemand Ihr Geheimnis. Ihre geheiligte Ehre ist nicht befleckt.

B. Sie sind naiv. Sie schleppen sich zur nächsten Polizeiwache, um Anzeige zu erstatten. Sie erzählen den Polizisten alles. Vielleicht haben Sie den Vergewaltiger sogar erkannt. Vielleicht versprechen die Polizisten Ihnen Hilfe, und vielleicht versuchen sie sogar, ihn zu finden. Aber wenn Sie den Polizisten in die Augen schauen, steht dort die Frage: Was haben Sie getan, um den Mann zu provozieren?

C. Sie haben Pech: Ihre Eltern finden es heraus.

D. Sie haben extremes Pech: Sie sind schwanger.

Wenden wir uns den Optionen B, C und D zu. Stellen Sie sich das Drama vor, das Ausmaß des Skandals, das Getuschel hinter Ihrem Rücken, die Wahrscheinlichkeit, dass in Zukunft kein Mann jemals etwas mit Ihnen zu tun haben will, kein Verwandter Ihnen jemals wieder Respekt entgegenbringen wird. Irgendwie sind Sie ja doch selbst schuld. Die unantastbare Sache zwischen Ihren Schenkeln ist beschädigt worden. Unwiderruflich. (Sie könnten Ihr Hymen rekonstruieren lassen, wie es viele arabische Frauen tun, aber wie kann der gute Ruf rekonstruiert werden?) Bedenken Sie die Verzweiflung Ihrer Eltern ("Was werden die Nachbarn sagen?") oder ihren Zorn ("Wir haben dir gesagt, dass du spätabends nicht mehr aus dem Haus gehen sollst!"). Nur wenige werden Ihnen Verständnis entgegenbringen. Die meisten werden Ihnen die Verantwortung zuschieben. Oder Sie bemitleiden. Was wahrscheinlich noch schlimmer ist.

Aber wozu die Aufregung? Das Rechtssystem steht hinter Ihnen. Alles wird gut: Womöglich wird der Vergewaltiger gefasst und ist so freundlich, Sie zu heiraten. Zack. Zwei Fliegen mit einer Klappe: Ihre "Ehre" ist gerettet, und der Mann entgeht dem Gefängnis. Ist das nicht fantastisch? Eine Win-win-Situation. Nur dass Sie lebenslänglich neben dem Monster schlafen müssen, das Ihr Leben zerstört hat. "Nur".

Hört sich nach Mittelalter an? Tatsächlich beschreibt das Szenario die heutige Situation in den meisten arabischen Ländern.

Deshalb war die kürzlich im Libanon und in Jordanien getroffene Entscheidung historisch. Endlich schafften die Parlamente jene Paragrafen ab, die Vergewaltiger straffrei ausgehen lassen, wenn sie ihr Opfer heirateten. Kurz vorher hatte das tunesische Parlament ähnlich entschieden.

In Saudi-Arabien aber werden Vergewaltigungsopfer immer noch ins Gefängnis gesteckt, wenn nicht sogar von Familienmitgliedern ermordet. Die Frau hat gehurt, selbst wenn sie dazu gezwungen wurde. Das Strafrecht von Syrien, Bahrain, Libyen, dem Irak, Kuwait, Algerien und in den Palästinensergebieten sieht vor, dass der Vergewaltiger nicht bestraft wird, wenn er das Opfer heiratet.

Hier im Libanon ist es einer Frau verboten, ihrem ausländischen Ehemann und ihren Kindern die Staatsbürgerschaft zu übertragen. Die Präsenz von Frauen in der Politik ist beklagenswert: Nur vier von 128 Abgeordneten sind weiblich. Das ist das verborgene hässliche Gesicht des Libanon. Die Kehrseite des "modernen" Libanon, der "friedlichen Koexistenz von Miniröcken und Niqabs", des "Paris des Nahen Ostens".

Während ein paar arabische Frauen auf gute Wochen zurückblicken können, sollten wir nicht vergessen, dass wir im Zeitalter des Sexismus leben: Frauen werden vom IS als Sexsklavinnen verkauft. Ein Führer von Hisbollah verteidigt die Kinderehe und verdammt jeden, der sie ablehnt, als "Abgesandten des Teufels". Der Ausdruck "Vergewaltigung in der Ehe" ist für viele Araber – Männer und Frauen – eine Tautologie, denn Geschlechtsverkehr ist eine eheliche Pflicht. Da diese Ansicht von religiösen Führern unterschiedlicher Couleur vertreten wird, muss sie wohl richtig sein.

Die Liste mit Beispielen der legalen wie sozialen Diskriminierung arabischer Frauen ließe sich unendlich fortsetzen. Sicher, wir kommen voran, aber langsam. Ob wir stark, emanzipiert, hochgebildet und finanziell unabhängig sind oder nicht, spielt keine Rolle. Gesetze und Traditionen unserer Länder demütigen uns und weisen uns "unseren Platz" zu: eine kleine dunkle Ecke im riesigen Universum des arabischen Mannes.

Was ist das Schlimmste daran? Viele arabische Frauen weigern sich, das Problem zur Kenntnis zu nehmen. Aber wir können die uralten Gesetze, die uns die Freiheit nehmen, nur loswerden, wenn Frauen gemeinsam aktiv werden und dies mit Nachdruck fordern.

Aus dem Englischen von Elisabeth Thielicke