Vor knapp einem Jahr wurde Donald Trump zum Präsidenten gewählt. Seither zeigen sich die Amerikaner zerrissen wie selten zuvor. Eine "sozial-psychologische Spaltung" diagnostizierte das Magazin Psychologie Heute, und der Fernsehsender Fox News erklärte gar, das Land befinde sich im Krieg mit sich selbst. Eine Analyse, die bei den Zusammenstößen in Charlottesville im August ihre tödliche Bestätigung erfuhr, als ein Anhänger der rechten Szene absichtlich in eine Gruppe von Gegendemonstranten raste und eine Frau dabei ums Leben kam.

Doch es gibt etwas, das Amerikaner quer durch die politischen Lager und die 50 Bundesstaaten verbindet. Es ist ihre Vorliebe für Dollar Stores. Billigläden, die Wal-Mart wie einen Luxustempel des Einzelhandels aussehen lassen. Mehr als 28.000 gibt es inzwischen in den USA – von New Mexico bis North Dakota, von Kalifornien bis North Carolina. Das sind knapp viermal so viele Filialen, wie Aldi und Lidl zusammen in Deutschland haben. Drei große Ketten gibt es, General Dollar, Family Dollar und Dollar Tree. Würde man die USA aus dem All betrachten und deren Filialen als Punkte auf einer Satellitenkarte eintragen, erschienen die Metropolen an den Küsten im dichten Punkte-Nebel, während sich Punkte-Girlanden durch den Mittleren Westen zögen.

Ausgelöst hat die Explosion der Dollar Stores die Rezession, die auf die Finanzkrise 2008 folgte. Doch fast täglich kommen neue Läden hinzu. Es ist ein grundlegender wirtschaftlicher und sozialer Wandel, der ihre stetige Expansion ermöglicht. Einst boten die Dollar Stores einen Mix aus Restposten und Ramschwaren – oft buchstäblich für einen Dollar. Wer dort einkaufte, war arm. Heute bieten auch Markenartikelhersteller ihre Produkte in den Dollar Stores an: Procter & Gamble, Coca-Cola, Mars, Unilever oder Kellogg’s. Die Markenware kostet zwar nicht mehr bloß den berühmten Dollar, aber doch ein paar Cent weniger als im Supermarkt. Der größte Unterschied zu früher ist aber, dass ein Großteil der Kunden heute aus der Mittelschicht kommt.

Wie Terri Ooms aus Wilkes-Barre, einer 40.000-Einwohner-Stadt im Bundesstaat Pennsylvania. Seit die neue Filiale von Dollar Tree im Zentrum aufgemacht hat, kauft sie regelmäßig dort ein. "Ich habe zwei Söhne im College, die brauchen immer was", sagt sie. Ooms leitet das Institute for Public Policy & Economic Development, ein Institut für regionale Wirtschaftsförderung. Anfangs hätten sie und ihre Kollegen gezweifelt, ob der Discounter mit dem grasgrünen Neon-Logo in die Haupteinkaufsmeile der Stadt passe. Doch der Laden sei immer voll. Anders als das Traditionskaufhaus Boscov’s gegenüber. Dort sieht man an diesem Nachmittag mehr Verkäufer als Kundschaft.

Einst war Wilkes-Barre als "Diamond City" bekannt. Die Villen nicht weit vom Dollar Tree zeugen von früherem Wohlstand. Dafür sorgte die Anthrazitkohle, die in den Hügeln der Umgebung abgebaut wurde. Die Minen lockten im 19. Jahrhundert Tausende Einwanderer aus England, Irland, Italien und Osteuropa an. Die Konkurrenz durch billigere Kohlesorten und Erdöl leiteten den Niedergang ein. Eine verheerende Flut 1972 brachte schließlich das Aus für die Minen. Auch die Textilfabriken verließen die Gegend in Richtung Süden oder gingen gleich nach Asien. Seither hat sich wirtschaftlich nicht mehr viel getan. Bei der Präsidentschaftswahl gingen 57 Prozent der Stimmen an Trump. Noch 2012 hatte Obama hier gewonnen. Trumps Erfolg in diesem Wahlbezirk, den die Demokraten bis dahin verlässlich geholt hatten, war mit ausschlaggebend für seinen Sieg.

Die Jungen ziehen in die Städte, in denen es noch besser bezahlte Jobs gibt

Im Vorort Ashley hat gleich neben einer ehemaligen Zeche, von der nur noch ein paar grasbewachsene Mauern und windschiefe Schlote stehen, eine Family-Dollar-Filiale aufgemacht. Auf dem Parkplatz packt Katherine Tüten voller Milch, Klopapier und Putzmittel in den Kofferraum. Die pensionierte Beamtin will ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen. Sie gehört zu den Stammkunden. "Zu Wal-Mart gehe ich nicht", sagt sie. Die Produkte dort seien nicht besser, nur teurer. Die Tochter einer Bergarbeiterfamilie ist stolz darauf, dass sie Ashley nie verlassen hat. Nach der Hochzeit sei sie nur ans andere Ende der Straße gezogen. Damals hätten Gasthäuser die Straße gesäumt. "Aber jetzt stirbt unsere Stadt", sagt sie. Ihre Tochter ist nach Philadelphia gezogen, der Sohn nach Washington. Dorthin, wo es noch gut bezahlte Jobs gibt.