"Honey, ich bin gleich zurück", ruft Barbra einer Kundin zu, bevor sie eine Weile im Lager verschwindet. Ihr offizieller Titel ist Managerin, aber eigentlich macht sie, was anfällt. Der Job gefällt ihr, sie kennt die meisten Kunden inzwischen. Nach der Bezahlung gefragt, zuckt sie mit den Schultern. Sie und ihre beiden Enkelinnen, die bei ihr leben, kämen über die Runden. Im Internet finden sich allerdings Beschwerden wie die eines Filialmanagers aus Florida, der sich in einem Forum als "überarbeitet und unterbezahlt" beschreibt. Ein anderer fasst seine Erfahrung mit "Blut, Schweiß und Tränen" zusammen. Auf Anfrage der ZEIT wollte sich das Unternehmen nicht dazu äußern. Insgesamt wurden seit 2010 mehr als 30 Klagen von Mitarbeitern gegen die drei großen Dollar-Store-Ketten angestrengt. In einer Sammelklage von 2012 warfen 6.000 Beschäftigte Dollar Tree vor, sie hätten unbezahlte Überstunden leisten müssen. So sei unter anderem das Abladen von Lieferungen und das Einsortieren der Ware nicht als Arbeitszeit angerechnet worden. Dollar Tree schloss später mit den Klägern einen Vergleich.

Jobs wie der von Barbra sind in Wilkes-Barre trotzdem willkommen. In dem einstigen Industriezentrum ist die Zahl der Beschäftigten in der Produktion seit dem Jahr 2000 um 18 Prozent gefallen, während sie im Einzelhandel um 12 Prozent zugelegt hat. Eine zweite Wachstumsbranche sind Warenlager. Lkw-Zulieferer, Lebensmittelkonzerne und Modeketten wie American Eagle haben sie entlang des Highway 81 gebaut, der von Tennessee bis nach Kanada führt. Die Bezahlung der Lagerarbeiter liegt bei 13 bis 14 Dollar pro Stunde. Das ist die Hälfte dessen, was im US-Schnitt in der Produktion gezahlt wird. Zudem werden Sozialleistungen wie Krankenversicherung nur selten gezahlt. Zuletzt aber habe die hohe Nachfrage in der Logistikbranche immerhin dafür gesorgt, dass bis zu 16 Dollar Stundenlohn gezahlt wurden, sagt Ooms von der Wirtschaftsförderung.

Eine feste Stelle bedeutet nicht unbedingt ein regelmäßiges Einkommen

Es gibt viele Städte und Regionen in den USA, in denen es ähnlich aussieht. Die Arbeitslosenquote ist landesweit zwar auf 4,4 Prozent gefallen und liegt damit nach Definition vieler Volkswirte nahe der Vollbeschäftigung. Auch das mittlere US-Haushaltseinkommen ist auf 59.039 Dollar gestiegen, so hoch war es seit 1999 nicht mehr. Doch der Anstieg ist vor allem auf die steigende Zahl der Arbeitsstunden zurückzuführen – nicht auf höhere Löhne. Rund 7,6 Millionen Amerikaner haben dem Arbeitsministerium zufolge mehr als einen Job. So viele wie seit 20 Jahren nicht.

Eine feste Stelle heißt für viele zudem nicht mehr, auch ein festes Einkommen zu haben. Jonathan Morduch, Wirtschaftsprofessor an der New York University, hat 235 Familien ein Jahr lang gebeten, all ihre Ausgaben und all ihre Einnahmen zu dokumentieren. Die Überraschung waren die Einnahmen: Sie schwankten in vielen Haushalten von Monat zu Monat erheblich. Morduch beschreibt den Fall einer Familie mit vier Kindern: Der Vater und Hauptverdiener arbeitete als Lkw-Mechaniker. Im Jahr verdiente er insgesamt 40.000 Dollar – eigentlich genug, um in seiner Heimat in Ohio gut leben zu können. Doch bezahlt wurde er auf Provisionsbasis. In mageren Monaten fiel das Einkommen auf 1.200 Dollar und damit unter die Armutsgrenze. In guten Monaten aber konnte die Familie nicht genug zurücklegen, weil sie überfällige Zahlungen und Außenstände begleichen musste. Ein typischer Fall: Um solche Einbrüche zu überbrücken, verschulden sich viele Amerikaner. Die Kredite müssen sie dann abstottern. Eine zusätzliche Belastung.

So ist trotz der besseren Lage am Arbeitsmarkt die Unsicherheit der Rezessionszeit geblieben. Die Dollar Stores profitieren davon. "Bei früheren Rezessionen folgte auf den Einbruch schon bald ein steiler Anstieg, und die Dollar Stores verloren ihre Mittelschichtkunden wieder", sagt Mark Cohen, Handelsexperte an der Columbia Business School. Bei der letzten Rezession dagegen habe sich ein Plateau gebildet, die folgende Erholung sei für den Großteil der Bevölkerung kaum zu spüren gewesen. Vor der Finanzkrise seien die meisten Amerikaner überzeugt gewesen, dass es ihnen trotz aller Rückschläge immer besser gehen würde – entsprechend locker saß der Geldbeutel. "Diesen Optimismus", sagt Cohen, "sehe ich nicht mehr."