Donald Trump und Kim Jong Un, der "Raketenmann auf Selbstmordkurs", kriegen die täglichen Schlagzeilen. Trump droht mit "totaler Zerstörung", und der "junge Marschall" verhöhnt Trump als "geistig Verwirrten".

Sind Trump und Kim Verrückte? Nüchtern betrachtet, inszenieren sie ein Machtduell, das sowohl kleine Kinder als auch große Staatenlenker beherrschen. Dahinter steckt die "Rationalität der Irrationalität". Der gespielte Kontrollverlust soll den anderen einknicken lassen. "Besänftige mich, oder ich drehe durch" – der Wahnsinn als Methode. Und die Realitäten? Erstens weiß Kim, dass die Kräfteverhältnisse gegen ihn stehen. Amerika kann Nordkorea auslöschen, Kims Bombe ist for show, er wird noch lange keinen Atomkrieg gegen die USA führen können. Zweitens: Amerika kann Nordkorea mit See- und Luftstreitkräften konventionell verwüsten, Kim kann es umgekehrt nicht. Anders als Kim besitzt Amerika Antiraketenwaffen zuhauf.

Iran betreibt Machtpolitik, indem es zügig seine Raketenproduktion ausbaut

Der tägliche Nervenkrieg ersetzt den echten Krieg. Doch hält sich der Trost in Grenzen. Denn ein paar Tausend Kilometer entfernt baut sich im Iran ein anderes Drama auf. Es ist, als könne Trump nicht genug Krisen auf seinen Teller häufen. Also hat er eine weitere angezettelt, diesmal ganz allein. Er will Obamas Atomdeal mit dem Iran neu verhandeln oder ganz kippen. Er habe sich schon entschieden, will aber nicht sagen, wie.

Prompt feuerte der iranische Präsident zurück: Trump sei ein "Ignoramus". Dann verknüpfte Ruhani geschickt Nordkorea und den Iran. Trump verletze "internationale Verpflichtungen" und werde so seine "Glaubwürdigkeit zerstören". Wer solle sich je wieder auf Amerikas "Wort und Versprechen" verlassen? Folglich: Kündigt Trump den Iran-Deal auf, könne er auch keine diplomatische Lösung mit Nordkorea finden. Nach dem Motto: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht.

In Washington sind immerhin Trumps Mannen ausgeschwärmt, um gegenüber Korea Gelassenheit zu predigen. Trump wolle nicht in einen "Atomkrieg schlittern", verkündet Finanzminister Steven Mnuchin. "Wir haben noch eine Menge Möglichkeiten", versichert Senator Cory Gardner, "um den wirtschaftlichen und diplomatischen Druck zu verschärfen."

Auch wenn die Aufkündigung des Iran-Abkommens all jene Mächte verprellt, die Trump gegen Kim braucht? Der Iran ist zudem der härtere Brocken. Sein Atomprogramm ist zwar eingehegt, und die Bremsen sollen bis 2030 oder gar 2040 greifen. Zerreißt aber Trump das Abkommen, wird Iran den Bombenbau über Nacht wieder hochfahren. Doch geht das Problem noch tiefer, betreibt doch Teheran eine ausgreifende Machtpolitik im Mittleren Osten, indem es zügig seine Raketenproduktion ausbaut und arabische Regime unterminiert. Für die Eindämmung iranischer Ambitionen muss Trump so viele Verbündete sammeln wie gegen Pjöngjang. Wie sollte das gelingen, wenn Amerikas Wort nicht mehr gilt, sondern nur noch "America first"?

Amerika ist zwar die Nummer eins, aber nicht allein auf der Welt – schon gar nicht, wenn es um diplomatischen Druck und Sanktionen gegen Nordkorea und den Iran geht. In Ostasien wie im Mittleren Osten kann Washington nur reüssieren, wenn es die Europäer, Chinesen und Russen rekrutiert. Ganz schlicht: Trump müsste den Vertrag allein aus Eigeninteresse respektieren, um im Falle eines iranischen Ausbruchs das Recht und die Mächte auf seiner Seite zu haben. Eine solche Koalition schreckt die Abenteurer in Teheran ab und ermutigt die Besonnenen, die ihr Land in die Weltgemeinschaft zurückführen wollen. Trumps Alleingang würde vor allem Amerika schaden.

Mag sein, dass der Iran nicht den letzten Schritt zur Bombe geht. Doch so bitter es auch klingt: Kim wird seine Atomwaffen nicht weggeben, weil sie Pjöngjang Aufmerksamkeit und Angebote verschafft haben. Überdies weiß er: Kein Nuklearstaat hat je einen anderen attackiert.

Folglich gilt das klassische Rezept: Nordkorea muss abgeschreckt und eingedämmt werden. Washington muss seine Garantien für Japan und Südkorea glaubhaft verstärken; sonst droht hier der nächste Griff zur Bombe. Der Iran muss sich zur Verantwortungsmacht entwickeln, was garantiert nicht geschehen wird, wenn Trump den Atomdeal bricht. Er wird es nicht tun, wenn er klug ist. Auf jeden Fall ziemt es sich nicht für einen amerikanischen Präsidenten, wie ein Gorilla auf seinen Brustkorb zu trommeln und die Zähne zu fletschen. Das sind Ersatzhandlungen.

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