Der 7. Mai 1945 ist ein sonniger Tag, auch in Bergen-Belsen. Drei Wochen zuvor haben hier die Briten die Pforten der Hölle geöffnet und Tausende von ausgezehrten KZ-Häftlingen befreit. Am späten Vormittag dieses letzten Kriegstages nun passiert eine Frau in Uniform das Tor zum nahe gelegenen Kasernengelände, wo jetzt die Briten herrschen. Unter dem Helm des Captains in dem khakifarbenen GI-Dress ringeln sich blonde Locken. Der stellvertretende Camp-Kommandant Arnold Horwell meint seinen Augen nicht zu trauen: Der deutschstämmige Brite kennt das Gesicht irgendwoher, ist aber zu verwirrt, um auf den Namen zu kommen. Da stellt sich die Besucherin selbst vor: "Captain Dietrich." Jetzt klingelt es bei Horwell. Eine Leinwandgöttin ist zu ihm herabgeschwebt. Der jüdische Offizier verbeugt sich. "Welche Ehre, Captain!"

"Quatsch, ich bin auch nur Soldat." Nach flirthaftem Begrüßungsgeplänkel kommt Marlene Dietrich, die als Truppenbetreuerin mit der US-Armee in Deutschland eingezogen ist, zur Sache. Sie bittet darum, ihre Schwester sehen zu dürfen. Erst am Tag zuvor sei sie informiert worden, dass die sich in Bergen-Belsen aufhalte. Sofort sei sie von München hergeeilt. "Ich habe seit sieben Jahren nichts mehr von Liesel gehört", sagt sie. "Ich hatte immer schon Angst, dass die Nazis sie meinetwegen ins KZ stecken. Aber wahrscheinlich kennen Sie Liesel gar nicht. Eigentlich heißt sie Elisabeth – Elisabeth Will."

Horwell nickt. Der Name ist ihm vertraut. Elisabeth Will und ihr Mann Georg haben sich bereits mit der Bitte um Vergünstigungen an ihn gewandt. Im KZ allerdings sind sie nicht gewesen: Marlene Dietrichs Schwester und Schwager haben in Bergen-Belsen auf dem Kasernengelände ein Truppenkino betrieben – für Wehrmachtsoldaten, aber auch für SS-Offiziere, die im benachbarten Lager Dienst taten.

Marlene Dietrich ringt um Fassung. Horwell bietet ihr eine Zigarette an und lässt Elisabeth aus der Großküche holen, wo sie gerade Kartoffeln schälen muss. Kurz darauf betritt die kleine, etwas pummelige Frau das Büro. Marlene nimmt sie in den Arm, bleibt aber reserviert. Ihr ist anzusehen, wie wütend sie darüber ist, dass ihre Schwester sie in diese peinliche Situation gebracht hat. Elisabeth Will ist so unsicher, dass sie kaum zu atmen wagt. In einem Brief an seine Frau Suse in London wird Horwell auch den großen Strohhut erwähnen, der dieser "typischen deutschen Hausfrau" dauernd vom Kopf zu rutschen drohte. Der Brite verspricht, dass er seine Hand über "Mrs. Will" halten werde. Dankbar schiebt Marlene Dietrich ihm ein Autogramm über den Tisch. Seiner Frau schickt Horwell später noch ein anderes Souvenir – die Zigarettenkippe mit den Lippenstiftspuren des Hollywood-Stars – und sinniert über die Ironie der Geschichte: dass diese beiden Schwestern während des Krieges etwas ganz Ähnliches gemacht haben, nur an verschiedenen Fronten. Marlene hat GIs mit Lili Marleen bei Laune gehalten, Elisabeth mit ihrem Mann deutsche Soldaten in Ufa-Traumwelten entführt.

Für Marlene Dietrich steht schnell fest, dass sie keinesfalls mit der Kollaborateurin aus Bergen-Belsen in Verbindung gebracht werden will. Das könnte einen Schatten auf ihren Kampf gegen Hitler-Deutschland werfen. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn Marlene liebt ihre Schwester. Sie wird sie unterstützen, sich weiter mit ihr treffen. Heimlich. Und Liesel sagt – wie schon in der Vergangenheit – weiter brav zu allem Ja.

Das Wiedersehen von Bergen-Belsen ist der Neubeginn einer bisher kaum beachteten Schwesternbeziehung. Die Materiallage macht es dabei schwer, ein ausgewogenes Bild zu zeichnen. Denn das Leben Marlenes ist durch zahllose Fotos, Filme, Interviews, Briefe und Bücher dokumentiert, während Elisabeth in der Versenkung verschwand. Spurlos aber ist auch dieses Leben nicht verlaufen. Aufschlussreich sind die Briefe, die Liesel ihrer Schwester geschrieben hat. Sie werden in der Deutschen Kinemathek in Berlin verwahrt. Im Herbst 1993 hat das Land Berlin den Nachlass der 1992 verstorbenen Diva bei Sotheby’s in London für fünf Millionen Dollar ersteigert und damit den Grundstock für die Marlene Dietrich Collection gelegt. 300.000 Blatt Papier gehören zu der Sammlung: Briefe, Tagebücher, Terminkalender.

Trotzdem ist es nicht leicht, aus alldem ein Leben zu rekonstruieren. Denn die Schauspielerin hat nicht nur ihre Schwester verleugnet, sie hat auch ihr eigenes Leben umgedichtet und sich zum Mythos stilisiert.

Schon in ihrer Familie folgt man nicht immer sklavisch der Wahrheit. Der Vater der Schwestern, ein preußischer Polizeileutnant, hat sich bei einer seiner heimlichen Liebschaften mit Syphilis infiziert und ist daran 1908 gestorben – Liesel war acht, Marlene sechs Jahre alt. In der Familie wird die Todesursache vertuscht. Es heißt, Louis Erich Otto Dietrich sei vom Pferd gefallen.

Die Rollen zwischen den Schwestern sind früh verteilt: Marlene gilt als musikalisch, keck, kontaktfreudig und attraktiv, Liesel als fleißig, gewissenhaft, schüchtern und brav. Ein "Tugendmoppel", wie Marlene die zwei Jahre ältere Schwester in ihrem Tagebuch nennt. So tugendsam, dass Liesel von ihrer Mutter beauftragt wird, ein Auge auf die Jüngere zu werfen, die auch von erwachsenen Herren umworben wird und nicht alle Verehrer zurückweist, obwohl sie eigentlich mehr für das gleiche Geschlecht schwärmt.