Der erste Anruf am Morgen nach der Wahl kommt aus dem Voralpenland. Ein Freund ruft an. Ur-Bayer. Selbstständiger. Wohlhabend, kleines Haus in guter Gegend, keineswegs reich. Einer, der die Berge liebt und Bayern München und BMW. Der Bier aus großen Gläsern trinkt, sein Bundesland im Wesentlichen für gut organisiert hält und Seehofer durchaus schätzt. Also, was hat er gestern angekreuzt? "Ich hab FDP gewählt", sagt er froh und ohne Reue, als sei es das Natürlichste von der Welt.

Welcome back, Freidemokraten! Man kann die FDP wieder wählen und dazu stehen, selbst in Bayern. Und sogar dann, wenn man weder Zahnarzt noch Makler ist. Viele Bundesbürger kaufen dem Spitzenmann Christian Lindner ab, dass seine FDP keine Partei nur für die Interessen einer kleinen Klientel sein soll.

Mit der FDP kehrt eine Partei zurück, die programmatisch die wirtschaftliche Freiheit und private Initiative, den Wettbewerb und das Leistungsdenken hochhält. Für die Liberalen ist der Markt keine Bedrohung, sondern das zentrale Organisationsprinzip der Wirtschaft. Das ist erst mal eine gute Nachricht für ein Land, in dem die große Koalition sich oft auf mehr Staat, aber fast nie auf mehr Markt einigen konnte: Die Subventionen stiegen in Deutschland, und im Parlament ist "wirtschaftliche Liberalisierung" zu einem politischen Schimpfwort geworden.

Der Wettbewerbsgedanke wird gebraucht – auch in der Bildung

Nach zehn Jahren Aufschwung verteidigt das Land lieber seinen Wohlstand, als die Grundlage für neuen zu legen. Da ist eine Stimme wichtig, die alte staatliche Hilfestellungen infrage stellt, wenn neue dazukommen. Da muss einer fragen, wo der Staat dem unternehmerischen Antrieb im Wege steht – vor allem bei den Dienstleistungen, die Berlin und Brüssel gerne überregulieren. Und obwohl die meisten Politiker Start-ups helfen wollen, haben die es noch schwer, wenn ihre Datenangebote mit unflexiblen Vorschriften aus einer anderen Zeit kollidieren.

Subventionen beenden, Dienstleistungen erleichtern, den Start-ups Hürden aus dem Weg räumen – das gehört zu den Grundpflichten der FDP. Doch der Leistungsgedanke wird auch bei gesellschaftlichen Aufgaben wie der Bildung gebraucht. Langzeitstudien des Stanford-Ökonomen Raj Chetty zeigen, dass leistungsstarke Lehrer das Leben von Kindern nachhaltig positiv beeinflussen – egal, ob es um Gehalt, Gesundheit oder Zufriedenheit geht. Und "leistungsstark" wird hier einfach danach bemessen, ob sich viele Schüler nach Noten und Beurteilungen positiv entwickeln.

Dazu passt die Forderung der FDP, dass der Bund sich mit einheitlichen Vorgaben und eigenem Geld in die Bildung einmischen soll. Doch hinzukommen müsste eben der Mut, zwischen guten und schlechten Lehrern zu unterscheiden und sie auch unterschiedlich mit Geld, Beförderungen oder anderen Entwicklungsmöglichkeiten zu belohnen. Wettbewerb bedeutet Anreiz zur Leistung, seine Kehrseite ist eine zunehmende Differenzierung. Das löst Unwohlsein aus. Doch oft lohnt sich das für die Gesellschaft, zumal dann, wenn es um Zukunftschancen für Kinder geht.

Es lohnt sich auch in Europa. Der Leistungsgedanke steht, vorsichtig ausgedrückt, nicht im Zentrum eines Euro-Regimes, in dem die Zentralbank den Zins einebnet und jeden Monat riesige Mengen Staatsanleihen kauft – egal, ob ein Land sich diese Unterstützung nun durch eigene Anstrengung verdient hat oder nicht. Genau das ist aber bis auf Weiteres die europäische Wirklichkeit – zusammen mit der Tatsache, dass Durchschnittsbürger in Krisenländern in der Regel höhere Vermögen haben als jene in Deutschland.

Nun erhält die Idee, zusätzlich einen europäischen Finanzminister mit einem Milliardenbudget einzusetzen, der weiteres Geld umverteilt, Aufwind durch den französischen Präsidenten. Bloß vergisst der ehemalige Investmentbanker Emmanuel Macron dabei merkwürdigerweise, neue Anreize für Mitgliedsländer zu setzen, damit sie aus eigener Kraft erfolgreich werden. Gut, wenn die FDP sich dem Plan widersetzt und damit auch der Kanzlerin den Rücken stärkt – nicht um Populisten in ihrem angsterfüllten Neonationalismus nachzueifern, sondern im Gegenteil um auf Dauer Europas Wirtschaft zu stärken und die Grundlage für eine tiefer gehende Gemeinschaft zu schaffen.