Perl analysierte früher Besucherströme an Flughäfen. Nun hilft er, den Fußball zu entschlüsseln. Die Forscher arbeiten mit neuronalen Netzen, die auf komplexen Algorithmen beruhen. Das sind praktisch Vorstufen zu künstlicher Intelligenz. Die Netze steuern im richtigen Leben die Hirne von Industrierobotern oder selbstfahrende Autos. Im Fußball können sie einzelne Spielsequenzen wie etwa die "Rückeroberung des Balles" oder den "Spielaufbau" automatisch identifizieren. Die Software kann die erfolgreichste Abwehrformation gegen einen bestimmten Gegner herausfiltern, die des FC Bayern München gegen Barcelona vielleicht. Trainer könnten mit diesem Werkzeug in der Halbzeitpause Informationen darüber abrufen, welches Angriffsmuster bei welcher Spielanordnung des Gegners erfolgversprechend ist.

Erfolgreich könne allerdings bestenfalls bedeuten, dass der Ball in den gegnerischen Strafraum gelange, sagt Professor Memmert. Denn ob er am Ende ins Tor fliegt, sei zu 40 Prozent vom Zufall bestimmt. Schüsse können abgefälscht sein. Auch Bälle, die vom Innenpfosten ins Feld oder ins Tor springen, "untrainierbare Aktionen" also, interessieren den Wissenschaftler nicht.

Was aber macht den Unterschied zwischen erfolgreichen und weniger erfolgreichen Mannschaften aus? Memmerts Team fand heraus: die Raumdominanz in den kritischen Zonen des Spielfelds. Um den sogenannten Raumkontroll-Indikator zu ermitteln, bedienen sich die Spielanalysten einer Erkenntnis aus der Geometrie und zerlegen das Spielfeld in 22 Regionen. Sie gehen davon aus, dass jeder Spieler jene Punkte auf dem Feld kontrolliert, denen er am nächsten ist. Dementsprechend wird jedem Akteur für jeden Zeitpunkt eine von ihm dominierte Zelle zugewiesen. Kleine Schwäche dieses Prinzips: Es ist nicht gesichert, dass der Spieler die Punkte seiner Zelle tatsächlich schneller als jeder andere erreicht; das Modell berücksichtigt nicht, in welche Richtung er gerade läuft, ob er aus dem Stand starten muss oder ob er im Laufduell mit einer Rakete wie dem Dortmunder Pierre-Emerick Aubameyang konkurriert.

Aus der Addition ergibt sich für eine ganze Mannschaft ein Prozentsatz, ihr gesamter Kontrollanteil. Die kontrollierten Räume verschieben sich ständig beim Passspiel. Topteams zeichnen sich dadurch aus, dass sie in der Angriffszone vor dem Tor deutlich größere Raumgewinne erzielen als andere.

Ein weiterer Leistungsindikator ist der Pressingfaktor. Er misst die Aggressivität einer Mannschaft, mit der sie versucht, einen verlorenen Ball zurückzuerobern. Die Positionsdaten zeigen, wie schnell diese Spieler den Gegner bestürmen, ihn "anlaufen", wie die Trainer sagen. Die Methode bewertet also das Umschalten auf Defensive.

Über Sieg und Niederlage entscheidet nicht die Zahl der gespielten Pässe, aber ihre Qualität. Die Forscher haben herausgefunden, dass die Zahl der Gegenspieler, die durch einen Pass quasi aus dem Spiel genommen werden, ein Kriterium für die Effizienz ist. Der frühere Bundesligaprofi Stefan Reinartz hat sich diese Erkenntnis mit seinen Partnern zunutze gemacht und ein Start-up gegründet, das Vereine und Medien mit ihren Analysen beliefert. Die Firma Impect mit ihrem Bewertungssystem namens Packing wurde bei der EM 2016 einem größeren Publikum bekannt, als sie mit der ARD kooperierte.

Reinartz und seine Mitstreiter werten in zwei modernen Großraumbüros im Kölner Industriestadtteil Ossendorf Daten aus, die sie von der Fußball-Liga kaufen. Bis zu 30 Mitarbeiter, viele Studenten darunter, betrachten zusätzlich Spielszenen am Videoschirm. Die Idee ist, dass sich nach einer gelungenen Offensivaktion weniger Gegner zwischen Ball und gegnerischem Tor befinden als vorher. Sie können ihr Tor nicht mehr verteidigen, sie sind "gepackt" und aus dem Spiel genommen. Das Unternehmen bewertet Passgeber und ihre Anspielstationen, Ballgewinne und das Defensivspiel ganzer Mannschaften.

Mit der Methode haben Reinartz und Impect-Geschäftsführer Lukas Kepler schon vor Jahren die Bedeutung des Mönchengladbacher Neu-Nationalspielers Lars Stindl erkannt. Dessen Mannschaft kann immer dann mit ihren Pässen viele Gegner mattsetzen, wenn er der Zielspieler ist. Das heißt, dass er sich wirkungsvoll in Position bringt. "Gleichzeitig hat Stindl selbst gute Passwerte und auch viele offensive Balleroberungen", sagt Reinartz.