Seit einiger Zeit höre ich überall in Berlin ein seltsames Geräusch. Nicht fortwährend wie das weihnachtliche Tinnitusgeläut, sondern nur hin und wieder. Es klingt wie ein Nebelhorn, wie das sanfte und machtvolle Tuten eines ablegenden Ozeandampfers, doch das ist abwegig, weil das Geräusch manchmal aus dem Hinterhof zu kommen scheint. Wenn es nicht so adagio wäre, ließe es sich mit dem Triumphhupen der Hertha-Fankavalkaden vergleichen.

Neulich stand ich mit drei jungen Männern an einer Bushaltestelle. Sie fingen abrupt an zu lachen, einer von ihnen begegnete meinem Blick. Was ist?, fragte ich irritiert. "Wir lachen nur", erklärte er, "weil ich zu meinem Freund gesagt habe, wenn jetzt ein Auto mit Angelina Jolie halten würde, würdest du einsteigen. In dem Moment haben Sie hergeguckt." Und genau da erklang wieder das Nebelhorn. Ich sprach die Jungs darauf an. "Wissen Sie", sagte der eine im pädagogischen Tonfall, "wenn man eine Nachricht aufs iPhone bekommt, dann klingt das so. Hier muss irgendwo wer mit einem Handy sein."

Sie hatten es also auch gehört. Tatsächlich war es dem forsch-intimen Vibrationsgeräusch des iPhones ähnlich, nur viel raumgreifender und diffuser. So, als gelte die Nachricht nicht einer Person, sondern ganz Berlin. Nicht nur akustisch ist so eine periphere Angesprochenheit typisch für das Großstadtleben. Sie ist auch sehr nahrhaft für die Fantasie.

An schönen, windstillen Abenden, wenn die Fenster offen stehen, kommt man nicht nur Nachtschwärmern auf der Straße mit ein, zwei aufgeschnappten Sätzen sehr nahe, sondern auch der Hausgemeinschaft. Der Gründerzeitbau, in dem ich wohne, hat ein oberstes Mansardenstockwerk. Dort hausen Studenten, die sich, wie ich mir einbilde, donnerstags und freitags auf einen Clubausflug vorbereiten. Die Musik wird aufgedreht, die Stimmen werden lauter, gegen Mitternacht krachen die beiden dann das Treppenhaus hinunter. Erst gegen sieben in der Früh vernimmt man sie wieder, vehement diskutierend und mit den Schlüsseln fummelnd vor der Haustür. Gegen drei Uhr nachts höre ich manchmal, wie der Gymnasiast über mir aktiv wird. Dem Poltern nach zu urteilen, schläft er in einem Etagenbett. Er schiebt Möbel hin und her. Vielleicht ist er Hobbyfunker und hat hinter strategischer Unordnung eine Radiostation versteckt.

Im Nebenhaus parterre wohnt eine Dame mit einer geschnitzten Hexe und dem DDR-Kinderfernsehkobold Pittiplatsch auf dem Fensterbrett. Wenn sie in Form ist, spielt sie den ganzen Tag Alexandras Mein Freund der Baum in Maximallautstärke ab. Über mir gibt es jeden Sonntag röchelnde Geräusche, die wie eine überdrehte Knittax-Strickmaschine mit einem Part in Chaplins Moderne Zeiten klingen. Vermutlich ist es nur eine Heimfitness-Ruderbank.

Angesichts dieser Porosität von Privatsphäre und öffentlichem Raum beschloss ich, meinen Geburtstag auf einer Party in der Bar Tausend zu feiern, die ZEITmagazin und Weltkunst zu Ehren des Festivals of Future Nows gaben. Es war sehr beschwingend, so viele Leute auf meinem Geburtstag zu sehen, von denen ich die meisten gar nicht kannte. Sie glichen jenem Geräusch, das für keinen und alle erklang, und erzeugten dasselbe wohlig-unheimliche Gefühl. Am Ende der langen Bar strahlte eine Arbeit Ólafur Elíassons die Gäste an: Eye See You ist eine gigantische Lichtpupille, direkt aus Fritz Langs Metropolis. Ich hörte mir Gottfried Huppertz’ originale Filmpartitur auf dem Computer an. Und da war es wieder, das Nebelhorn, in Wagnerschen Sphärenklängen versteckt, die in Berlin noch umgehen.

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