Sonnenuntergang im Eram-Garten von Schiras. Touristen flanieren zwischen den gepflegten Blumenrabatten, junge iranische Männer flirten mit ihren Freundinnen, die ihre obligatorischen Kopftücher weit nach hinten gezogen haben, sodass ihre Haarpracht zu sehen ist. Paare fotografieren sich mit Handys vor den kunstvoll bemalten Fliesen des Palasts und laden Ausländer ein, mit aufs Bild zu kommen. Wohl nirgendwo im Nahen Osten sind Europäer und Amerikaner so vorurteilsfrei beliebt wie im schiitischen Gottesstaat.

An diesem entspannten Ort, in der von großen Dichtern wie Hafes und Saadi gepriesenen "Stadt der Rosen und Nachtigallen", rund 700 Kilometer südlich der Hauptstadt Teheran, bin ich mit Studenten verabredet; an einem einsamen Platz außerhalb des Parks wollen wir uns auf dem iPad den Mitschnitt der Rede des amerikanischen Präsidenten vor den UN anhören.

Wir haben uns bei einem gemeinsamen persischen Freund kennengelernt. Die Studenten erzählten von dem, was sie "unsere Schizophrenie" nennen. Einem öffentlichen Leben, in dem sie vorsichtig und "regelkonform" agieren, sich mit politischen Äußerungen zurückhalten. Und dem parallelen, privaten Leben hinter den eigenen Mauern, wo sie sich zu Diskussionen und Partys verabreden, bei denen, wie einer es ausdrückte, "alles geht". In diese Freiräume greift die Obrigkeit kaum mehr ein.

Die Studenten machen sich keine Illusionen über ihre Freiheiten. Einige der Älteren waren bei der Grünen Revolution dabei, als im Sommer 2009 Proteste wegen Wahlfälschungen blutig niedergeschlagen wurden. "Die Mächtigen haben danach eine Art informellen Deal mit uns abgeschlossen – wir fordern keinen Regimewechsel mehr, und sie lassen uns zu Hause in Ruhe", sagt die Kunststudentin Reyhaneh, die wegen Teilnahme an einer Demonstrationen zwei Wochen im Gefängnis saß.

Im vertrauten Kreis äußern sie sich aber kritisch über Irans "verknöchertes und korruptes" politisches System. Der greise Revolutionsführer Ali Chamenei sei durch nichts legitimiert und habe doch in allen Fragen das letzte Wort. Die demokratisch gewählte Regierung könne wenig durchsetzen. Der liberale Präsident Hassan Ruhani, dem sie als "kleineres Übel" ihre Stimme gaben, habe es bisher kaum geschafft, in Wirtschaft, Justiz und Kultur neue Akzente zu setzen. Nur eines stimmt die Studenten optimistisch: der Nuklearvertrag, den die USA und die anderen Vetomächte des Sicherheitsrats, die EU und Deutschland mit dem Iran abgeschlossen haben und der Anfang 2016 in Kraft getreten ist.

Sie würden zu gern an einer der Elite-Universitäten in den USA oder Europa weiterstudieren und erhoffen sich zumindest langfristig größere Reisefreiheiten. "Uns hat imponiert, dass Obama sich für den Putsch gegen den liberalen Premier Mossadegh im Jahr 1953 entschuldigt hat und Kompromisse in der Atomfrage anbot. Aber genauso hat uns überrascht, dass unsere Führung darauf eingegangen ist", sagt Ismail, Doktorand im Fachbereich Gentechnik. "Endlich mal ein Lichtblick in unseren schwierigen Beziehungen, ein Abkommen im gegenseitigen Respekt." Und nun also Donald Trump.

Schon nach wenigen Minuten von Trumps Rede vor den UN macht sich bei den Zuhörern Entsetzen breit. Die Drohung, Nordkorea total zu zerstören, sorgt für Kopfschütteln. Mehr noch bestürzt die Studenten, dass der amerikanische Präsident den Iran mit Nordkorea gleichsetzt, ihn einen "mörderischen Schurkenstaat" nennt – und dass er das Atomabkommen als "schändlich" bezeichnet. Alle hier verstehen das als die Ankündigung einer Aufkündigung. "Aber das ist doch ein internationaler Vertrag. Entweder er ist verrückt oder böswillig oder beides", sagt die Medizinstudentin Schirin. "Die zahlreichen Scharfmacher bei uns werden sich die Hände reiben, die haben ohnehin schon gegen das Abkommen gehetzt."

Ein Besuch in der Hochburg der religiösen und politischen Hardliner, anderthalb Flugstunden nördlich von Schiras. Maschhad ("Ort der Märtyrer") ist die heiligste Stadt des Iran, hier starb im Jahr 818 Reza, achter Imam der Schiiten, der sich, von seinen Feinden gepeinigt, für die Gläubigen geopfert haben soll. Heute sind sein Mausoleum und der angeschlossene Bezirk mit der goldglänzenden Moschee, der Bibliothek und den riesigen Innenhöfen das Pilgerziel Nummer eins des Landes.