Neulich bekam die Hamburger Redaktion der ZEIT Besuch von einem deutschen Islamkritiker. Ein ganz normaler Termin, kein öffentlicher Auftritt, nur Hintergrundgespräch im Büro. Hamed Abdel-Samad, der als junger Mann in Ägypten Muslimbruder gewesen war, aber dann in Deutschland Politikwissenschaft studierte und mehr als sein halbes Leben im Westen verbracht hat, reiste mit sechs Personenschützern des LKA an. Solchen Schutz vom Landeskriminalamt sucht man sich nicht selbst aus, sondern die Behörden bestimmen je nach Bedrohungslage eine Sicherheitsstufe.

Zum Vergleich: Als der Altbundeskanzler und ZEIT-Herausgeber Helmut Schmidt noch lebte, wurde er an seinen Redaktionstagen von maximal vier Personenschützern begleitet – den Fahrer schon mitgezählt.

Nun kann man sagen: Abdel-Samad ist hierzulande einer der schärfsten Kritiker nicht nur des Islamismus, sondern auch des Islams. Er muss sich also über Gegenwind nicht wundern, denn der Sohn eines konservativen Imams glaubt, dass zur Selbstaufklärung jeder Religion auch die Religionskritik gehört. Das provoziert nicht nur Fundamentalisten, auch fromme Muslime. Sehenden Auges hat Abdel-Samad sich mit Büchern wie Der islamische Faschismus und mit arabischen Facebook-Vorträgen über den "gefährlichen Propheten" Mohammed, die allein über zwölf Millionen Zuschauer erreichten, den Ruf eines Provokateurs eingehandelt. Doch mutig wie kein anderer wirbt er unter jungen Muslimen für einen neuen Islam, der sich klar vom Fundamentalismus distanziert. Leider ist seine Sicherheitslage, in der Morddrohungen zum Alltag gehören, keine Ausnahme.

Auch sein sanfter Widerpart Mouhanad Khorchide, der stets gemäßigte und auf Ausgleich bedachte Mitstreiter für einen reformierten Islam, lebt seit Jahren mit Polizeischutz. Der Sohn palästinensischer Flüchtlinge und Professor für Islamische Theologie an der Universität Münster hat schon Tage erlebt, da kamen allein am Telefon 50 Morddrohungen von Salafisten. Über Jahre hinweg erhielt er jede Woche Todesdrohungen. Es war die Zeit, als deutsche Islamverbände ihn in einem 75 Seiten langen Gutachten zum Häretiker erklärten – und so den Zorn nicht nur der Gewaltbereiten entsicherten, sondern auch den Unmut des konservativen muslimischen Milieus schürten. Khorchide wurde zum Verräter erklärt, ganz wie man das einst mit den "Staatsfeinden" im Sozialismus machte. Da half es dem jungen Professor nichts, dass er den Islam außer in Wien auch in Beirut studiert hatte; dass er selber Imam gewesen war und gern Buchtitel wählte wie Islam ist Barmherzigkeit. Man stilisierte ihn zum Islamfeind – und das bedeutete akute Lebensgefahr, auch schon vor dem Aufstieg der Terrororganisation "Islamischer Staat".

Im Jahr 2013 zum Beispiel, als an der Uni Münster eine politische Veranstaltung stattfand, saßen neun ernste Herren vom Staatsschutz in Khorchides Büro, um ihn über Mordpläne gegen seine Person aufzuklären. So schlimm ist es, Gott sei Dank, für ihn nicht mehr. Die scharfe Verbandskritik erwies sich als Werbung für seine Bücher, und einige Verbandsfunktionäre mussten sich seinetwegen kritische Fragen von Politikern anhören. Im Reformationsjahr 2017 schließlich wurde Khorchide von der Deutschen Botschaft im Vatikan eingeladen, mit dem deutschen Kardinal Walter Kasper über Barmherzigkeit zu diskutieren. Aber ist nun alles gut?

Seyran Ateș, die im Juni eine liberale Moschee in Berlin gründete, lebt gerade wieder unter verschärfter Bewachung. Nein, sie regt sich nicht auf, sie kennt das mit dem Polizeischutz schon seit 2006. Die deutsch-türkische Juristin kämpfte für die doppelte Staatsbürgerschaft und gegen die Integrationshemmnisse auf beiden Seiten, bei alteingesessenen Deutschen ebenso wie bei Migranten. Sie gab aus Protest gegen Erdoğans Politik ihren türkischen Pass zurück, und seit dem Putsch in der Türkei ist klar, dass sie ihre alte Heimat vorerst besser nicht bereist. Als Ateș die Moschee eröffnete (siehe ZEIT vom 17. Juni), wurde ihr Team von einem türkischen Sender als Gülen-nah diffamiert, um andere Deutschtürken davon abzuhalten, zu den Freitagsgebeten zu kommen. Auch die werden natürlich von der Polizei geschützt.

Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man sich einen Spaß machen und über die Zahl der Sicherheitsleute spekulieren, die am 7. Oktober in "ihrer" Moschee sein werden: Dann kommen Hamed Abdel-Samad und der deutsch-algerische Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi. Ourghi, Professor in Freiburg und Mitbegründer der liberalen Moschee, hat soeben zwei Bücher fertig: Einführung in die islamische Religionspädagogik und Reform des Islam: 40 Thesen. Natürlich ist er mittlerweile auch gefährdet, seine reformerischen Ansätze wurden als ketzerisch diffamiert, bei öffentlichen Auftritten braucht er Polizeischutz. Immerhin muss er sich noch nicht wie Seyran Ateș verkleiden, wenn er einmal allein auf die Straße will. Ach ja: Als Ateș neulich zu einer Veranstaltung der ZEIT als Rednerin kam, wurde sie von fünf Herren des LKA begleitet.

Ist das nun die Normalität? Dass in Deutschland die Verfechter einer liberalen, also reformerischen und dezidiert demokratiefreundlichen Islam-Theologie nicht frei leben können? Für die Reformer selbst schon. Für alle anderen, die Politik wie die Medien, die regelmäßig mit den mutigen Muslimen zusammenarbeiten, ist es beschämend: Weil diese einen so hohen Preis für jene Meinungsfreiheit zahlen, in der die meisten anderen unbehelligt leben. Dass nicht nur liberale, sondern auch konservative und säkulare Muslime in Deutschland bedroht werden, nämlich von Rechtsradikalen, macht die Sache nicht besser. Und dass die Reformmuslime wiederum bezichtigt werden, mit ihrer Kritik am Betonislam die rechte Islamophobie zu schüren, ist vollends fatal.

Religionsstreit ist nicht religionsfeindlich

Abdel-Samad ebenso wie Ates, Khorchide ebenso wie Ourghi wurden schon oft als islamfeindlich geziehen, ja sogar als rechts. Dann wieder beschimpfte man sie als Linke und natürlich als "Ungläubige". Dieser Vorwurf trifft derzeit keineswegs nur religiöse Minderheiten in muslimisch geprägten Staaten, er ist auch im Streit um die Zukunft des Islams in Europa allgegenwärtig. Das liegt an einem erzkonservativen theologischen Mainstream, der Demokratieskepsis verbreitet, den Westen verteufelt und, wie militante Fundamentalisten auch, den "einzig wahren Islam" propagiert, also überall Islamfeinde sieht. Das spielt tatsächlich den Islamophoben in die Hände und schadet allen europäischen Muslimen, die mehrheitlich moderat gläubig bis säkular sind. Man sollte den Vorwurf der Islamfeindlichkeit nicht leichtfertig gegen Reformer wenden. Sonst ergeht es ihnen wie den kritischen Marxisten in den linken Diktaturen des 20. Jahrhunderts: Sobald die sich gegen die reine Lehre wendeten, wurden sie vom Staat verfolgt – aber galten auch nach dem Zusammenbruch des Kommunismus oft noch als Antikommunisten, sogar als Rechte. In Deutschland mussten das Schriftsteller wie Erich Loest, der als junger Marxist sieben Jahre ins Zuchthaus Bautzen kam, schmerzlich erfahren. Das Bitterste: Heute, da Loest tot ist, sind seine kritischen Ansichten über die DDR Common Sense.

Es wäre schön, wenn es den Reformmuslimen in Deutschland anders erginge. Wenn sie die Anerkennung ihrer freiheitlichen Kritik an der eigenen Religion noch selber erleben dürften. Man muss ihre Reformthesen nicht teilen, aber es müssen alle Beteiligten, namentlich konservative deutsche Dachverbände wie Ditib und Schura, akzeptieren, dass diese Thesen diskutiert werden: weil Religionsstreit nicht religionsfeindlich ist. Um das zu zeigen, legen Hamed Abdel-Samad und Mouhanad Khorchide nun schon ihr zweites gemeinsames Debatten-Buch vor. Das erste hieß Zur Freiheit gehört, den Koran zu kritisieren, das zweite heißt Ist der Islam noch zu retten? Eine Streitschrift in 95 Thesen. Die beiden Experten diskutieren darin offen und durchaus hart, um zu zeigen: Ohne Streit kann man sich nicht auf etwas Gemeinsames verständigen. Und Religionsfreiheit ist nicht nur die Freiheit, unbehelligt zu glauben, sondern auch unbehelligt den Glauben zu kritisieren.

Klingt selbstverständlich, ist es aber nicht – wie Susanne Schröter, die Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam, beklagt. Seit Langem warnt sie vor einer Pathologisierung der Islamkritik. Der Vorwurf der Islamophobie, der einst von den Mullahs im Iran als Totschlagargument gegen politische Kritiker benutzt wurde, sei im Westen allzu selbstverständlich übernommen worden. Er treffe heute nicht nur zu Recht Islamophobe, sondern: "Jegliche innerislamische Kritik steht unter Generalverdacht." An der liberalen Moschee in Berlin kann man das sehen. So warnte der Leiter des Islamischen Zentrums Hamburg, hier entstehe eine Bewegung zur Beleidigung des Islams, und forderte "islamische Fakultäten" auf, dieser Beleidigung nicht tatenlos zuzusehen. Solche Aufrufe sind in Zeiten des Terrors natürlich lebensgefährlich. Um so wichtiger, dass deutsche Wissenschaftler und Politiker sich schützend an die Seite der Reformer stellen. Susanne Schröter, die bei der Eröffnung der liberalen Moschee zugegen war, betont, dass es natürlich auch außerhalb Europas liberale Islam-Gelehrte gebe, zum Beispiel in den Golfstaaten, doch die wanderten bevorzugt in die USA ab, weil sie dort Asyl bekämen. Schröter fordert, eine solche "Willkommenskultur für liberale Religionsvertreter" müsse es auch in Europa geben.

Mouhanad Khorchide sieht es ähnlich. Es gehe in Europa jetzt nicht um eine religiöse Selbstvergewisserung des Islams, sondern darum, der jungen Generation zu zeigen: Ein restriktives Gottesbild und eine religiöse Angstpädagogik sind unattraktiv. Leider, beklagt Khorchide, hielten viele deutsche Kollegen sich bei der Unterstützung des Reformislams lieber zurück, weil sie keinen Stress wollten.

Bis sich das ändert, rücken die Reformer zusammen und verteidigen einander. So unterstützte etwa der Theologe und Philosoph Abdel-Hakim Ourghi im letzten Jahr vehement den Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad gegen den Vorwurf der Islamfeindlichkeit. Ourghi sagt: "Ohne Angst vor den Vertretern des konservativen Islams möchte ich als liberaler Muslim Tacheles reden. Hier stehe ich, ich kann nicht anders." Wozu sonst sei er ins freie Europa gekommen? "Auch um veraltete Vorstellungen über unsere Religion infrage stellen zu dürfen." Reformverweigerer wüssten genau: "Der reflektierte Islam ist eine Befreiung aus unserer selbstverschuldeten Unmündigkeit. Wieso sollen nicht auch Muslime den Geist der Freiheit atmen." Klingt pathetisch, doch die Lage ist danach. Im Sommer erging ein Aufruf von Dschihadisten gegen die Sympathisanten der liberalen Berliner Moschee: "Tötet sie, bevor sie sich vermehren!" Dass sie sich trotzdem nicht verstecken, ist mehr als mutig. Den wichtigsten Zuspruch bekommen sie dafür aus Nahost, von jungen Muslimen, die ihnen schreiben: Gebt nicht auf! In Deutschland, sagen die Reformer off the records , würde ihnen maximale politische Unterstützung wohl erst nach einem Anschlag zuteil: "wenn einer von uns stirbt".