Kronzeuginnen einer neuen Epoche: Helene Berg, Alma Mahler, Franz Werfel und Alban Berg. © DeAgostini/Getty Images

Das hat das Ende des verheerenden Ersten Weltkriegs hervorgebracht? Begann nach 1918 eine hoffnungsvolle Phase junger Demokratien samt liberaler Sozialstaatlichkeit? Oder fing damals eine historische Periode an, die im Zeichen des Scheiterns stand? Beide Sichtweisen werden gegenwärtig von Historikern vertreten, und sie folgen beide der Logik einer Ankunftshistorie, die jene Urszenen eines golden glänzenden Demokratiezeitalters einerseits, eines düsteren Diktaturschicksals andererseits ausfindig zu machen sucht.

Der Berliner Historiker Daniel Schönpflug schlägt in seinem Buch Kometenjahre einen eigenen Weg ein. Von nachträglicher Weisheit weiß er sich zu befreien, indem er mit den Augen der Zeitgenossen blickt, ohne deren Selbstzeugnissen blinden Glauben zu schenken. Ihn interessieren die subjektiven Beobachtungen und Ansichten, Wahrnehmungen und Erfahrungen, die Hoffnungen und Visionen, die Euphorie und Skepsis, schließlich die Enttäuschungen und Bedrohungen in einer ebenso unsicheren wie beschleunigt erscheinenden Zeit.

Als Sinnbild dieser Epoche dient Schönpflug Paul Klees 1918 geschaffenes Gemälde Komet von Paris. Darauf ist ein Seiltänzer zu sehen, unter ihm der Eiffelturm, über ihm ein Komet. Der Eiffelturm mag als Symbol menschlicher Weltgestaltung und -beherrschung gelten, der Komet hingegen signalisiert das Unkontrollierte und Unvorhersehbare. In Schönpflugs Darstellung erscheinen das Jahr 1918 und die Zeit um diese nicht ganz scharfe Zäsur herum als eine Periode, die von einer zwischen "Enthusiasmus und Defätismus" schwankenden Gestimmtheit geprägt ist. Als eine Epoche ungewisser Umbrüche und Aufbrüche, die einen Überschuss an Zukunft bereithielt und einen Drang nach dem Neuen ausbildete: nach neuen Ideen, einem neuen Europa und neuen Menschen ebenso wie nach neuen Heilslehren, die neue Opfer und neue Gewalt hervorbrachten.

Die Kronzeugen, die Schönpflug in seinem fein komponierten, ausgezeichnet geschriebenen Buch lebendig werden lässt, reichen von deutschen Künstlern und Politikern über amerikanische Soldaten und eine französische Journalistin bis hin zu irischen, aber auch fernöstlichen Unabhängigkeitskämpfern. Einige waren prominente Figuren, andere stiegen von namenlosen Soldaten zu nationalen Kriegshelden auf oder beschritten den Weg vom Tellerwäscher zum Revolutionär in Vietnam. Die Biografien dienen als Sonden, die darüber hinausweisende Entwicklungen, Themen und Probleme punktuell beleuchten und sie so besonders nahe erscheinen lassen. Das macht die Lektüre zu einer fast mitreißenden Erfahrung.

Der Flug des Schönpflugschen Kometen ist weltumrundend, er erfasst Fernost (Nguyen Tat Thanh, später Ho Chi Minh), die Arabische Halbinsel (Thomas E. Lawrence) und Indien (Mahatma Gandhi) ebenso wie die Sowjetunion (vor allem betrachtet durch die Augen der Kosakin Marina Jurlowa) und die Vereinigten Staaten. Dort treten gleich mehrere Akteure auf die Bühne des Geschehens – von dem gescheiterten Herrenausstatter und späteren Präsidenten Harry S. Truman über den 1941 mit Gary Cooper in der Hauptrolle filmisch verewigten "Sergeant York" bis zu den "Harlem Hellfighters", jener vorwiegend aus Afroamerikanern bestehenden New Yorker Nationalgarde.

Auf dem europäischen Kontinent, insbesondere in Deutschland, sind die Hauptpersonen noch zahlreicher. Der Zentrumspolitiker Matthias Erzberger wandelt unmittelbar zwischen den Zeiten und den verschiedenen Welten, als er am 7. November zu den Waffenstillstandsverhandlungen nach Frankreich aufbricht, um am 12. November 1918 in ein umgekrempeltes Deutschland zurückzukehren. An des Kaisers Stelle herrschten nun Volksbeauftragte, Arbeiter- und Soldatenräte gaben den Ton an, während der Kronprinz von Preußen im holländischen Exil bald "Klompjes" trug. In den traditionellen Holzschuhen, so stellt Schönpflug mit leicht süffisantem Unterton fest, wurde er gemeinsam mit seinem Vater Wilhelm II. zum integrationswilligen "Asylanten von Gnaden der niederländischen Königin Wilhelmina".

Die Künstlerin Käthe Kollwitz weinte dem Kaiserreich keine Träne nach – anders übrigens als eine kulturkritische Alma Mahler, die in Wien mit der Habsburgermonarchie die ganze glanzvolle Belle Époque untergehen sah und sogleich allgegenwärtig das einer "Höllenmusik" gleichende "Geschrei der Massen" vernahm. Im neuen Deutschland, zur Jahreswende 1918/19, war Kollwitz vor allem froh, dass wenigstens kein Krieg mehr war. Sorgen bereiteten ihr indes die neuen Gewaltakte im revolutionär aufgewühlten Berlin. Sie besaß Sympathien für die radikal linken Auffassungen der Spartakus-Gruppe um Luxemburg und Liebknecht. Sosehr ihr Herz für deren kraftvolle Utopien der Weltveränderung schlug, votierte sie aus Vernunftgründen jedoch für das "allmähliche Einwachsen in Sozialismus" und konkret für die gemäßigten Sozialdemokraten. Von ihnen erwartete sie am ehesten, das Land aus dem Chaos und in eine demokratische Republik zu überführen – in jene Republik, die auch Frauen wie Kollwitz erstmals das Wahlrecht zubilligte.