Die Digitalisierung vermindert drastisch die Kosten der Messung einer riesigen Zahl von Aktivitäten. Entsprechend wird (beinahe) alles gemessen, eine wahre Messmanie ist ausgebrochen. Silicon-Valley-Firmen wie Google, Facebook, Twitter, Amazon und Microsoft saugen Informationen ab, und auch die Geheimdienste wirken mit. Jeder versucht aus den Datenbergen für sich das Beste herauszuholen.

Gerade weil heute so enorm viel quantitativ erfasst wird, steigt das Bedürfnis der Menschen nach den unmessbaren Bereichen des Lebens. Sie weisen Aspekten, die sich (zumindest bisher) der Messung entzogen haben, zunehmende Bedeutung zu. Die Menschen spüren, dass sie infolge der fortschreitenden Messung von allem und jedem nicht mehr selbstständig über ihre Bedürfnisse bestimmen können. Sie empfinden es so, dass ihre "intrinsischen Präferenzen" verdrängt werden. Dazu gehören die persönlichen Beziehungen in der Ehe, der Liebe und in Freundschaften. Dies gilt auch für das zwischenmenschliche Vertrauen. Selbstverständlich gibt es viele Ansätze, Vertrauen zu messen. In einer Beziehung ist es allerdings höchst fragwürdig, es quantifizieren zu wollen: Entweder vertraut man einer anderen Person oder eben nicht.

Anerkennung durch andere Personen ist ebenfalls ein Bereich, bei dem Messbarkeit geradezu verpönt ist. Persönliche Wertschätzung lässt sich nicht sinnvoll quantitativ erfassen. Auszeichnungen in Unternehmen und anderen Organisationen drücken eine nicht messbare Anerkennung aus, im Gegensatz zu leistungsorientierten Boni.

Die Messmanie lässt sich nicht frontal erfolgreich bekämpfen, denn sie ist das Ergebnis einer riesigen Kostenreduktion. Man kann sich ihr jedoch zu entziehen versuchen. Ein Rückzugsort dafür ist "Heimat". Dieser Ort der Identität und Zugehörigkeit lässt sich nicht messen, sondern ist ein vages Gefühl, das aber wichtig ist. Eng damit verknüpft ist die Bewegung "zurück zur Natur". Sie drückt die Sehnsucht nach einem direkten Verhältnis zum Ursprünglichen aus, was sich ebenfalls nicht quantifizieren lässt. Die steigende Nachfrage nach "natürlichen" Produkten der regionalen oder lokalen Landwirtschaft, die als "bio", vegetarisch oder vegan gelten, bestätigt dieses Bedürfnis. Die Vorliebe für Dialekte und traditionelle Kleidung wie Trachten sowie für den Besuch ländlicher Sportanlässe und Musikveranstaltungen macht dies ebenfalls deutlich. Solche Ereignisse sind so populär wie noch nie. So sind in der Schweiz Jodelfeste Trend geworden. Auf den Menükarten gepflegter Restaurants wird heute ausgewiesen, von welchem lokalen Bauern die Eier und das Fleisch kommen. Publikationen, die ein weitgehend romantisch verklärtes Bild des ruralen Lebens zeichnen, sind en vogue. So gibt es Landliebe, Landzauber, Land Idyll und viele andere mehr. Die Auflage von Landlust, einer der erfolgreichsten Zeitschriften im deutschsprachigen Raum, hat die Millionengrenze überschritten.

Der Bereich des Unmessbaren ist dauernd in Gefahr, der Quantifizierung anheimzufallen. So wird zum Beispiel Freundschaft anhand von Likes im Internet zu messen versucht. Die Freude am Joggen wird durch eine unablässige Messung aller möglicher Gesundheitsdaten begleitet. Dennoch weiß jeder, dass dadurch die Essenz des Fühlens, Denkens und Handelns nicht erfasst wird.

Die Digitalisierung und die damit verbundenen Messungen üben einen gewaltigen Einfluss auf unser Leben aus. Diese Messmanie lässt sich nicht aufhalten. Dennoch sind wir nicht ganz wehrlos, sodass sie uns nicht total überrollen wird. Die Menschen verfügen über die Kreativität, in Bereiche auszuweichen, die sich der Messung entziehen.