Hoch oben in der Luft, auf einer sieben Meter hohen Kuppel, steht ein Mädchen, das einen riesigen Vogel in den Himmel streckt. Wenn Masanobu Murakami unten am Boden den Kopf in den Nacken legt und zu dem Kind aufblickt, dann fürchtet er nicht etwa, das Mädchen könnte abstürzen. Nein, den 45 Jahre alten Mann durchströmt ein anderes Gefühl: "Ich spüre, wie kostbar Frieden ist."

Masanobu Murakami lebt in der Stadt Hiroshima in Japan. Mehrmals in der Woche besucht er das Mädchen, das in schwindelnder Höhe ausharrt. Seit fast 60 Jahren steht es dort oben, im Sommer und im Winter, bei Tag und bei Nacht. Natürlich ist es kein echtes Kind. Die Figur, die Masanobu Murakami bewacht, ist aus Bronze und Teil eines besonderen Denkmals. Des Kinder-Friedensdenkmals, mit dem Jungen und Mädchen Erwachsene ermahnen, keine Kriege mehr zu führen. "Das ist unser Aufschrei. Dies ist unser Gebet: Für Frieden in der Welt" – so steht es auf der Inschrift des Denkmals.

Die Bronzefigur mit dem Kranich ist nicht lebendig. Sie erinnert aber an ein Mädchen, das es wirklich gab: Sadako Sasaki. 1943 kam Sadako in Hiroshima zur Welt, mitten im Zweiten Weltkrieg. Auch Japan kämpfte damals. Im August 1945 geschah etwas Schreckliches: Die USA warfen über zwei japanischen Städten eine Atombombe ab – die bis heute gefährlichste Waffe, die der Mensch je erfunden hat. Eine Bombe fiel auf Nagasaki, eine auf Hiroshima, wo die kleine Sadako zu Hause war. Doch das Mädchen hatte Glück, es überlebte.

Der Krieg endete kurz darauf. Sadako wuchs heran und ging zur Schule. Sie sang gern, wurde eine gute Sportlerin und rannte schneller als alle anderen in ihrer Klasse. Sadakos Glück aber hielt nicht an. Neun Jahre nachdem das Mädchen die Atombombe überlebt hatte, wurde es sehr krank. Lange rätselten die Ärzte, was sie haben könnte. Dann kam die schlimme Nachricht: Leukämie, Blutkrebs. Der kann durch Atomstrahlen ausgelöst werden. Die Bombe, die Sadako als Kleinkind überlebt hatte, sollte sie nun doch noch töten. Am 25. Oktober 1955 starb Sadako Sasaki. Sie wurde zwölf Jahre alt.

Sadako ist nur eins von vielen Kindern, die durch die Atombombe ihr Leben verloren. Dass viele Menschen in der ganzen Welt sich aber heute gerade an sie erinnern, hat mit dem Vogel zu tun, den die Bronze-Sadako mit ausgestreckten Armen in den Himmel hält. In einer japanischen Legende heißt es, dass derjenige einen Wunsch frei hat, der 1.000 Papierkraniche faltet. So begann Sadako zu falten, einen Vogel nach dem anderen, obwohl sie schon sehr schwach war. In jeden Kranich faltete sie ihren großen Wunsch hinein: "Lass mich gesund werden!" Er sollte nicht in Erfüllung gehen. Die Vögel aber sind ihr treu geblieben.

Drei Jahre nach Sadakos Tod wurde das Kinder-Friedensdenkmal eingeweiht. Japanische Schüler hatten die Idee dazu. Sie wollten ein Zeichen setzen und eine Botschaft in die Welt schicken: Kein Kind sollte mehr sterben müssen wie Sadako, weil Erwachsene entscheiden, Atombomben zu werfen. So erreichte Sadakos Geschichte bald Kinder in vielen anderen Länden – und sie begannen, Kraniche zu falten und sie nach Hiroshima zu schicken.

Das tun sie bis heute. Denn auch wenn das Denkmal seit bald 60 Jahren steht, überflüssig ist es leider nicht. Noch immer gibt es Kriege. Noch immer bedrohen sich Staaten gegenseitig mit gefährlichen Waffen, so wie gerade die USA und Nordkorea. Und noch immer schauen Kinder hilflos zu, weil eben die Erwachsenen entscheiden. Deshalb kamen mehr als 14 Millionen Kraniche allein im vergangenen Jahr in Hiroshima an. Und Masanobu Murakami, der Wächter des Denkmals, nimmt sie in Empfang.

Er hat als Kind selbst bunte Vögel gefaltet, heute öffnet er all die Briefe und Pakete, in denen die Papierkraniche zu ihm reisen. Manche sind weiß, andere farbig oder bunt gemustert, einige sind winzig klein, manche sehr groß. Egal in welcher Gestalt die Vögel einflattern, Masanobu Murakami gibt ihnen ein Zuhause. Das Besondere am Friedensdenkmal ist nämlich, dass jedes Kind Teil davon werden kann: Um die Kuppel mit dem Bronzemädchen herum stehen Glasvitrinen, in denen Tausende und Abertausende Papierkraniche aus fast allen Teilen der Erde hängen.

Wie viele Millionen Papierkraniche in all den Jahren insgesamt eingetroffen sind? "Das kann niemand sagen", antwortet Masanobu. "Wir könnten das nicht einmal schätzen." Doch die Zahl sei auch gar nicht wichtig, jeder einzelne Papierkranich zähle. Es ist, als würden sie dem Aufschrei der Kinder zu neuem Atem verhelfen, damit ihr Wunsch weiterhin zu hören ist: Frieden in der Welt.