Wem das Bonmot tatsächlich über die Lippen rutschte, ist unbekannt. Die einen behaupten Willy Brandt, dem ehemaligen deutschen Bundeskanzler, andere wollen es Peter Drucker sagen gehört haben, den amerikanischen Managementguru aus den fünfziger Jahren. Wer auch immer es war, er hatte recht: "Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist, sie zu gestalten."

Nimmt man das geflügelte Wort zur Richtschnur, steht die Schweiz schlecht da.

Spätestens seit dem vergangenen Abstimmungssonntag ist klar, das Land hat ein Problem mit seiner Zukunft. Es stößt an die Grenzen seiner Reformfähigkeit.

Zum zweiten Mal innerhalb von wenigen Monaten lehnte eine Mehrheit der stimmberechtigten Schweizer ein politisches Großprojekt ab. Im Februar war es die Reform der Unternehmenssteuern, jetzt im September die Reform der Altersvorsorge.

Bei beiden Vorlagen ging es nicht um politische Kleinigkeiten, sondern ums große Ganze. Die Steuerreform wollte nichts weniger als das Geschäftsmodell der Schweiz sichern. Mit einem neuen Regime sollte das Land weiterhin attraktiv für ausländische Unternehmen sein und gleichzeitig die Regeln von OECD, EU und G20 einhalten.

Die Rentenreform sollte ihrerseits die AHV vor dem Kollaps retten und die Pensionskassen sanieren. Sie sah vor, das Rentenalter der Frauen zu erhöhen, die ausbezahlten Renten aus der zweiten Säule leicht zu kürzen und dafür den AHV-Neurentner jedes Jahr einen Zustupf von 70 Franken zu bezahlen.

In beiden Fällen waren sich alle einig, beziehungsweise wussten, es muss etwas passieren, und zwar subito. Geschehen ist schließlich – nichts.

In beiden Fällen behaupten die Sieger, sie hätten einen viel einfacheren Plan B in der Schublade, der mehrheitsfähig sei.

Doch in beiden Fällen ist die Sache komplizierter, reicht es nicht, einfach den Reset-Knopf zu drücken.

Zum Beispiel bei der Rentenreform: Da beginnen die Fehlüberlegungen bereits in der Analyse der Resultate. Die rechten Parteien und die Arbeitgeberverbände sehen sich als alleinige Sieger des letzten Sonntags. Damit blenden sie entscheidende Fakten aus. Es waren unter anderem die Frauen, welche die Reform kippten, das zeigte die Nachwahlbefragung von Tamedia. Hätten nur Männer abgestimmt, wäre sie durchgekommen. Dazu kommt das linke Nein in der Romandie, wo im Januar auch der Widerstand gegen das Projekt entzündet wurde. Es waren linke Splittergruppen, die das Referendum gegen die Reform ergriffen hatten. Sie störten sich nicht an den 70 Franken, die in der Deutschschweiz die Vorlage scheitern ließ. Nein, sie kämpften gegen das höhere Renten-alter für Frauen.

Trotzdem glauben FDP- und SVP-Politiker, sie könnten ihren Plan B nun locker durchbringen. Obschon sich die abgelehnte Vorlage im parlamentarischen Prozess immer mehr von einer sanften Abbau- zu einem Renten-halten-Projekt wandelte; die Linke sie also hinter sich hätte vereinen müssen. Die Rechtsbürgerlichen aber sehen nur die Jungen und ihr Stimmverhalten. Sie haben die Reform überdurchschnittlich deutlich verworfen; Auch das fand Tamedia heraus. Deshalb ist für die Rechte klar, wie es im nächsten Anlauf klappen wird: Als Erstes das Frauenrentenalter auf 65 und die Mehrwertsteuer um 0,6 Prozentpunkte erhöhen. Später dann die zweite Säule überholen. Sekundiert werden FDP, SVP und die Wirtschaftsverbände von den Leitartiklern in den bürgerlichen Schweizer Medienhäusern. "Jetzt muss das Rentenalter steigen", fordert die Neue Zürcher Zeitung . "Frauen und Männer sollten dasselbe Rentenalter haben", schreibt die Aargauer Zeitung, und das St. Galler Tagblatt raunt: "Politischen Willen vorausgesetzt, sind wir niemals einfach Sklaven der Umstände."

Es ist amüsant zu lesen, wie weit verbreitet der Glaube an die Kraft des imperativen Wortes noch immer ist, und es beelendet, wie immun Chefstrategen und -kommentatoren gegen sozialwissenschaftliche Erkenntnisse sind. Die Politologin Silja Häusermann hat in zahlreichen Umfragen die Schweizer über mehrere Jahre hinweg gefragt, welche Art der Rentenreform sie akzeptieren würden. Nun lag die Forscherin mit ihrer Prognose für den vergangenen Sonntag zwar falsch, sie sah stets gute Chancen für das Projekt von Sozialminister Alain Berset. Aber was ihre Studien zeigten, das gilt nach wie vor: Ein wie auch immer gearteter Abbau der Renten braucht immer irgendeine Kompensation, sonst stellt sich das Volk dagegen. Dieses Entgegenkommen aber fehlt im Plan B der rechtsbürgerlichen Parteien.