Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Werder an der Havel. © Christine Oppe

"Lies mal, was ich damals an Paul geschrieben hab", sagt mein alter Freund Klaus, und ich lese: "Lieber Paul, wir kennen uns seit den Schultagen, ich darf ehrlich zu dir sein. Als du dich nach all den Jahren bei mir gemeldet hast und mich um einen Segen für deine Hochzeit batest, hat mich dein Ansinnen gerührt und befremdet. Ich schrieb dir von meiner Verwunderung darüber, dass du offenbar der Meinung bist, für deine so ganz und gar weltliche Feier bei einem dir persönlich bekannten Pfarrer einen Segen bestellen zu können als Beigabe, als Sahnehäubchen. Ich hab das in meinem ersten Brief etwas schroff formuliert, Pardon.

Du warst aber nicht vergnatzt, sondern hast in deinem zweiten Brief versucht, dich zu erklären, locker, charmant, wie es immer deine Art war: Du könntest nun mal nicht an Gott glauben, wünschtest dir aber ein Benedicere, eine Gutheißung. Ich sah dich wieder vor mir, wie wir uns vom Schulhof her kennen: den Strahlemann, großzügig, hilfsbereit, den rundum sympathischen Typen, der nichts übel nimmt und dem man nicht böse sein kann. Meine Vorbehalte gegen die Segnung auf deinem Hochzeitsschiff kamen mir plötzlich verknöchert und staubig vor. Warum sollte ich nicht ein kleiner Teil deiner Inszenierung sein, warum sollte ich nicht ein Spiel mitspielen, das ganz im Trend der Zeit liegt und mir immerhin eine Nebenrolle zuweist? Worauf muss ich denn beharren angesichts des Bedeutungsschwundes meiner Institution? Auf welchen liturgischen Unabdingbarkeiten? Kann ich nicht einfach mal locker sein und den Popen spielen auf deiner Party?

Freilich kann ich. Aber besonders wohl ist mir nicht dabei. Ich weiß nicht, weshalb du heiratest, offenbar nicht, um eine Familie zu gründen und Kinder großzuziehen: Du bist jenseits der 60, sie ist über 50. Dennoch wählt ihr dies Sakrament, das eine Ehe für mich ist. Was mag mein Segen euch bedeuten? Ich weiß es nicht. Jedenfalls will ich nicht der Clown sein auf deinem Fest. Mir ist es ernst, wenn ich euch segne, und ich wünsche mir, dass es auch euch ernst damit ist. Ich brauche mindestens zehn Minuten, es soll für diesen Moment still sein auf dem Schiff, man soll nicht essen, trinken, lachen, reden. Und ihr sollt niederknien. Nicht vor mir, sondern vor diesem Bund, der euch übersteigt. Den ihr eingeht. Den ihr wollen, aber nicht machen könnt, sonst brauchtet ihr diese Feier nicht und erst recht nicht dies religiöse Zeichen. Um einen Moment Demut bitte ich euch, sonst kann ich euch nicht segnen ..."

– "Und?", frage ich, "bist du da hingegangen?" Klaus schüttelt den Kopf und lacht erleichtert auf: "Den Schneid hatte ich dann doch nicht."