Die Deutschen sollen sich der französischen Umarmung nicht erwehren können. So wie schon am 9. Mai 1950: "Die französische Regierung schlägt vor, die Gesamtheit der französisch-deutschen Kohle- und Stahlproduktion einer gemeinsamen Hohen Behörde zu unterstellen", ließ der damalige französische Außenminister Robert Schuman feierlich im großen Uhrensaal seines historischen Pariser Ministeriums, dem Quai d’Orsay, erklären. Damals war der Schuman-Plan geboren, der zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl führte und damit zur Europäischen Union. Am Dienstag dieser Woche war es wieder so weit: Frankreich umarmte Deutschland. Im historischen Audimax der Sorbonne-Universität verlas Präsident Emmanuel Macron seinen Plan für eine "Neugründung Europas" und hätte wie einst Schuman beginnen können: "Die französische Regierung schlägt vor, die Gesamtheit der französisch-deutschen Eisenbahnproduktion Siemens zu unterstellen."

Verglichen mit dem französischen Schnellzug TGV, ist der deutsche ICE ein Ladenhüter

Macron wählte zwar nicht diese Worte, aber während er in der Sorbonne sprach, tagten auf seine Initiative hin die Aufsichtsräte der zwei großen Eisenbahnkonzerne Frankreichs und Deutschlands, Alstom und Siemens. Sie schickten sich, etwas für ihre Branche genauso Ungewöhnliches zu beschließen, wie es einst die Zusammenführung der deutschen und französischen Kohle- und Stahlindustrie war. Von einem Tag auf den anderen, so plante es Macron, sollten sie ihren hundertjährigen Konkurrenzkampf beenden. Von nun an sollten sie gemeinsam einen "Eisenbahn-Airbus" errichten, wie Macrons Berater das angestrebte Gemeinschaftsvorhaben nennen. Eine deutsch-französische Kooperation nach dem Vorbild des Flugzeugherstellers Airbus. Ein Ergebnis lag bis Redaktionsschluss noch nicht vor.

Vermittler der geplanten Eisenbahnhochzeit war der Präsident persönlich. Er hatte vor drei Jahren als Wirtschaftsberater seines Präsidenten François Hollande zusehen müssen, wie die alte Erbfeindschaft zwischen Deutschen und Franzosen noch einmal obsiegte. Damals stritten sich der US-Konzern General Electric und Siemens um Alstom. General Electric gewann, auch weil sich das Alstom-Management gegen die verhassten Deutschen sträubte. Tatsächlich hatten Alstom und Siemens bis dahin um fast jeden Großauftrag in Europa konkurriert. Es half nicht einmal, dass Hollande und sein damaliger Berater Macron den Siemens-Chef Joe Kaiser mit allen Ehren im Élysée-Palast empfingen.

Doch GE kaufte damals nur das Turbinen-Geschäft von Alstom. Das Juwel der französischen Industrie schlechthin blieb bei den Franzosen: der TGV.

Der Schnellzug fährt heute in Spanien, Italien und der Schweiz, unter dem Ärmelkanal nach London, durch die Beneluxländer bis Dortmund (und außerdem in Südkorea). Von 2021 an wird er in den USA fahren, später vielleicht auch in Indien. Der deutsche ICE ist dagegen ein Ladenhüter. Kein anderes industrielles Prestigeprodukt aus Frankreich scheint seinem deutschen Pendant heute so überlegen zu sein wie der TGV.

Ausgerechnet diesen TGV aber will Präsident Macron nun an Siemens weiterreichen. Seine Beamten aus dem von ihm zwischen Herbst 2014 und Herbst 2016 geleiteten Wirtschaftsministerium haben während der vergangenen Monate den Widerstand im Alstom-Management gegen die Deutschen abgebaut. Sie haben vom "neuen europäischen Giganten", vom "zukünftigen Weltmarktführer in der Signaltechnik" geschwärmt. Sie haben eine "solide deutsch-französische Verankerung des Unternehmens" prognostiziert. Die Beamten führten dabei Argumente ins Feld, wie sie schon Robert Schuman 1950 verwendete: Die Welt um uns ist stärker. Franzosen und Deutsche müssen zusammenfinden. Damals begründete der Kalte Krieg den Schuman-Plan, die Angst vor Stalin. Heute begründet die chinesische Übermacht in der weltweiten Eisenbahnindustrie den deutsch-französischen Schulterschluss. Die Angst, sonst unterzugehen.