Er ist immer noch stellvertretender Klubobmann der SPÖ und einer der bekanntesten Abgeordneten im Parlament. Doch in diesem Augenblick steht Josef Cap in einer kurzen schwarzen Laufhose da und kann seine Beine kaum heben. Er hat an diesem Sonntag am Herbstlauf der Hernalser SPÖ teilgenommen. "70 Minuten, 50 Sekunden", berichtet Cap, ein großer Teil der Strecke ging bergauf. Er streift sich eine Jacke über, weil er sich im Wahlkampf auf keinen Fall verkühlen will. Dann gratuliert er gemeinsam mit der Bezirksvorsteherin und einem Gemeinderat den Siegern.

Weil es ein sozialdemokratischer Lauf ist, gibt es fast so viele Pokale wie Teilnehmer. Es ist eine langwierige Siegerehrung, und das merkt man Caps Gesicht an, nur wenn er einen Pokal überreichen und ein, zwei Sätze sagen kann, blüht er auf.

Cap wurde oft vorgeworfen, im Parlament und im Fernsehen routiniert und gelangweilt zu wirken. Seit ein paar Wochen zeigt er sich wieder von seiner charmantesten Seite. Er besucht Straßenfeste und Kirtage, strampelt sich bei Volksläufen ab und verteilt vor U-Bahn-Stationen Flyer und Komplimente. Mit 65 Jahren findet er zur Hochform zurück, denn Cap kämpft jetzt wieder für etwas, das ihm wirklich wichtig ist: sich selbst.

Die SPÖ hat Cap nur mehr auf dem 33. Platz der Bundesliste nominiert, an aussichtsloser Stelle. Seine einzige Chance ist es, genügend Vorzugsstimmen in seinem Wahlkreis zu ergattern, in den Wiener Bezirken Ottakring, Hernals, Währing und Döbling. Während der Siegerehrung des Hernalser Herbstlaufs spielen nebenan die Schülermannschaften von Gersthof und Marswiese, ein Symbol für Caps Überlebenskampf. Um im Nationalrat zu bleiben, muss der Fußballfan in der politischen Bezirksliga wirbeln. Aber er macht gute Miene dazu. "Dafür solltest du gleich einen zweiten Pokal kriegen", sagt Cap zu einer Jugendlichen, als sie oben aufs Stockerl springt. An Pointen und Schmäh fehlte es ihm nie. Aber anders als beim SPÖ-Lauf sind bei der Nationalratswahl die Trophäen begrenzt. Cap muss die rote Listenerste Nurten Yilmaz in seinem Wahlkreis überholen, wenn nicht Schluss sein soll.

Seit 1983 sitzt er im Nationalrat, und in den vielen Jahren als Zentralsekretär, Bundesgeschäftsführer und Klubobmann hat Cap alle Verrenkungen der Sozialdemokratie mitgeturnt. Heute wirbt er für weniger Migration, die Schließung der Mittelmeerroute und sieht sich auf "Kern-Doskozil-Kurs". Auf eine Stärke konnte er sich schon immer verlassen, seine blendende Rhetorik. Diese attestieren ihm auch politische Gegner, wenngleich meist als vergiftetes Kompliment. Dass Cap "halt gut reden kann", wird um die Anmerkungen ergänzt, er habe wenig Interesse an inhaltlichen Details und glaube oft selbst nicht, was er da sage.

Wegen seiner hageren Gestalt und seiner Wortgewandtheit irren manche, Cap könne nur mit dem Florett fechten. Damit würde man ihn aber unterschätzen, denn der begabte Redner wechselt die Waffen und changiert dauernd zwischen Ironie, Gegenangriff und Pathos. Manchmal klingt er intellektuell, manchmal beleidigt, dann wieder ungeniert banal, und wenn sich ein inhaltlicher Bruch seiner Partei einmal gar nicht mehr rhetorisch zuspachteln lässt, greift Cap zu einem Kreisky-Zitat: "Es kann einem niemand verbieten, klüger zu werden."

Das mächtigste Werkzeug ist sein Humor. Mittlerweile erzählt er gern, wie viele Klicks seine Parlamentsreden auf YouTube bekämen. Der Auftritt, bei dem er ÖVP-Chef Sebastian Kurz im Mai als Egoisten abkanzelte, hat momentan 66.000 Zugriffe. In den vergangenen Jahren mutierten Caps Ausführungen immer mehr zu kabarettistischen Einlagen. Er scheint den politischen Betrieb nicht mehr ernst nehmen zu können, weder Widersacher noch Journalisten.

"Man muss wie ein Fisch im Wasser sein", sagt Cap und legt den Ausspruch dem vietnamesischen Revolutionär Ho Chi Minh in den Mund. Tatsächlich stammt er von Mao Zedong. Er zitiert noch zwei Päpste, Bruno Kreisky, Max Weber und Federico Fellini. Die Freude an Bonmots und Pointen geht einfach mit ihm durch. "Spannend für den Marathonläufer Cap ist der Weg, nicht das Ziel", schrieb einmal das Magazin Profil.