Lesen Sie hier das türkische Original. Der Text ist für die deutsche Version redaktionell leicht bearbeitet worden.

Die Deutschen gehen nach Hause, nachdem sie ihre Stimme abgegeben haben. Wir Türken dagegen sind, wenn in der Türkei gewählt wird, wegen potenziellen Wahlbetrugs gezwungen, im Wahllokal zu bleiben und die Urnen zu bewachen.

Die gemeinsame Runde aller deutschen Spitzenpolitiker im Fernsehen nach der Wahl ist ein Beispiel an Zivilisation, wie die Türkei es nie erlebt hat.

In der türkischen Politik tauchen die Verlierer kaum auf. Statt "Wir sind unterlegen" heißt es, ähnlich wie bei Schulz, eleganter: "Das Volk hat uns mit Opposition beauftragt." Selbstkritik oder Lehren aus der Niederlage zu ziehen ist nicht üblich. Rücktritte sind es erst recht nicht. Gibt es Fehler, dann nur bei anderen.

Kaum waren in Deutschland die Wahllokale geschlossen, standen die Koalitionspartner praktisch fest. Die Bildung von Koalitionen stützt sich auf eine bewährte Tradition der Verständigung.

Die autoritäre türkische Politik hingegen betrachtet Koalitionen (genau wie die Gewaltenteilung) als eine Schwäche der Demokratie. Daran hat die Instabilität früherer Koalitionsregierungen großen Anteil. Um Stabilität zu gewährleisten, meint man, die Macht in einer Hand bündeln zu müssen.

Neben diesen Unterschieden gibt es zahlreiche Gemeinsamkeiten. Auch in der Türkei kommen die Sozialdemokraten nicht über 20 bis 25 Prozent hinaus. Seit Jahren wird das Land von der Rechten regiert. Die AKP ist eine Frucht des Niedergangs der Politik der Mitte.

Allerdings fehlt in der türkischen Demokratie der Reflex gemeinsamen Handelns gegen die populistische Bewegung, den ich am Wochenende in Berlin beobachten konnte.

Jetzt erwarten die deutsche Politik zwei große Fallstricke, wie die Türkei sie mit der AKP erlebte:

Erstens, um der AfD keine Wählerstimmen zu überlassen, könnte die Rechte sich deren Diskursen nähern und Zugeständnisse zulasten der eigenen Linie machen. Dann wäre die AfD zwar in der Opposition, ihr Gedankengut aber an der Regierung.

Der Wähler gibt seine Stimme aber nicht den Nachahmern, solange es das Original gibt.

Zweitens, auf Proteststimmen gründender rechter Fanatismus könnte die roten Linien des Systems nach und nach verschieben und zunehmend die Agenda bestimmen. Aufgrund seiner Polemiken könnten die wahren Probleme des Landes ins Hintertreffen geraten.

Dass die Sozialdemokraten der AfD nicht die Oppositionsführerschaft überlassen wollen, ist ein wichtiger Schritt für die Stabilisierung der Mitte. Ebenso der von den anderen Parteien am Wahlabend angestimmte gemeinsame Diskurs gegen die AfD-Gefahr.

Aus der Wahlnacht ist mir vor allem Merkels "Kraftdefinition" gegen Mitternacht in Erinnerung. "In der Ruhe liegt die Kraft", sagte die Kanzlerin.

Eine beneidenswerte Feststellung für mich als Bürger eines Landes, das seit fünfzehn Jahren wegen eines Übermaßes an Kraft in Unruhe lebt.

Möge sie als Beispiel dienen.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe